Interview: Ildikó Enyedi über Körper und Seele (On Body And Soul)

Anfang des Jahres gewann die Regisseurin Ildikó Enyedi als fünfte Frau* in der Geschichte der Berlinale den Goldenen Bären. In ihrem traurig verträumten Film Körper und Seele (On Body and Soul) begegnen sich zwei Liebende Nacht für Nacht als Hirsch und Hirschkuh im Traum, während sie in der Realität an ihrem Arbeitsplatz in einem Rinderschlachthof einander nicht näherkommen können. Die Gefangenheit der Figuren, ihr Kampf mit sich selbst und die Liebe zueinander sowie Enyedis Bildkompositionen, die mal bezaubern und dann wieder schockieren, berührten Kritiker*innen wie auch die Berlinale-Jury gleichermaßen – und nun auch mit Sicherheit das Kinopublikum.

Ich hatte die große Freude, Ildikó Eynedi zu ihrem Film, dem Goldenen Bären und der Situation von Filmemacherinnen in Ungarn zu interviewen. Der Text erschien ursprünglich auf der Webseite des Missy Magazine.

© Zsolt Meszaros

Ihr Film spielt größtenteils im Mikrokosmus eines Schlachthofs, der wie ein Bild für unsere heutige Gesellschaft wirkt, zugleich aber auch wie ein Gefängnis. Wer hat uns gefangen und dieses Gefängnis gebaut?

Wir haben es selbst gebaut, weil wir uns sicher fühlen wollen. Wir wollen ein sichereres, ordentliches Leben. Meine beiden Hauptfiguren leben ein derart limitiertes und graues Leben zwischen Arbeitsplatz und Zuhause, dass ihr Leben von dem der Tiere im Schlachthaus schließlich gar nicht so verschieden ist. Denken wir mal an das Leben der Tiere vorher: Sie waren sicher, sie hatten Essen. Nicht so wie Tiere im Wald, nicht so wie wilde Tiere. Aber sie haben ein sehr, sehr trauriges und limitiertes Leben gehabt.

Das Schlachthaus ist aber auch ein Ort der Gewalt und der Wald, also die Traumwelt, wirkt friedlich.

Das Schlachthaus ist ein sehr pragmatischer Ort, an dem es darum geht, etwas zu organisieren und gleichzeitig zu verdrängen, was eigentlich geschieht. Ich habe bewusst nach einem Schlachthaus gesucht, das kein runtergekommenes, düsteres, blutiges, typisch osteuropäisches Schlachthaus ist, sondern ein modernes, maschinisiertes, um zu reflektieren, wie unbeabsichtigt Grausamkeit in unserem Leben entsteht. Und ich rede nicht von Krieg und Terror, wo die Grausamkeit die Intention ist. Die Grausamkeit, von der ich rede, ist ohne jede Intention Teil unserer Kultur. Im Gegensatz dazu steht der Wald, wo es kalt ist, es kaum Nahrung gibt, Wölfe und Jäger lauern. Das ist absolut keine kitschige wundervolle Welt für die Tiere. Aber wenigstens leben sie ihr Leben. Das wünsche ich mir für mich selbst und für alle Menschen.

© Alamode

In dem Film gibt es mehrere Nebenfiguren, die auf die eine oder andere Weise mit ihrer Männlichkeit* ringen. Geht es bei dem Gefängnis, von dem Sie sprechen, auch um Rollenbilder?

Ich habe an den Nebenfiguren sehr viel gearbeitet. Wenn Figuren nur wenig Screen Time haben, werden sie oft eindimensional. Was mir bei all diesen Figuren wichtig war, war, die Oberfläche als solche zu zeigen. Da ist ein offensichtlicher Macho, ein bisschen lächerlich, ein Typ, der meint, alle Herzen zu brechen. Aber es gibt einen kurzen Blick hinter diese Fassade und da ist ein Mensch, der nichts mehr will, als akzeptiert und geliebt zu sein, und während er versucht, das zu erreichen, stellt er sich sehr tollpatschig an. Als ich den Goldenen Bären gewann, war ich sehr, sehr glücklich über die Jury-Begründung. Denn dort kam etwas zur Sprache, das nicht explizit im Film ist, aber mir sehr wichtig war: Mitgefühl. Mitgefühl für alle Menschen, egal ob männlich* oder weiblich*.

Im Film ist Mitgefühl und die Nähe zu anderen Menschen eigentlich nur in der Traumwelt, nicht aber in der Realität zu finden.

Das ist es, womit meine Figuren kämpfen, wenn sie realisieren, was sie in ihrem Traum erleben. Von da an geht es jeden Tag darum,  auf sehr tollpatschige und unperfekte Weise und auch mit großen Rückschlägen diese Art der Harmonie, die sie im Traum erleben, nachzubilden. Und am Ende des Films, das ist mir sehr wichtig, gibt es kein simples Happy End, denn beide sind schwierige Menschen, die sich nicht von einem Moment zum nächsten auf magische Weise in glückliche Menschen ohne Probleme verwandeln. Sie kämpfen weiter, aber von nun an sind sie dabei nicht mehr allein.

© Alamode

Dass Sie als Regisseurin den Goldenen Bären gewonnen haben, war etwas Besonderes, auch wenn es das natürlich nicht sein sollte. Hat dieser Gedanke für Sie eine Rolle gespielt?

Als ich 1989 als Filmemacherin angefangen habe, lag dieses Thema noch nicht in der Luft. Es war keine Frage der politischen Korrektheit, einer Frau einen Preis zu geben. Heute ist das anders. Deshalb hat es mich umso mehr gefreut, im Wettbewerb auf der Berlinale so viele starke Regisseurinnen zu sehen. Ich wollte nicht die einzige Regisseurin mit einer Chance auf den Preis sein. So konnte ich mich über den Preis viel mehr freuen, weil es nicht diesen Schatten gab von „lasst uns den Preis einer Frau geben, weil die gewinnen sonst nie“.

Wie ist es in Ungarn? Wie ist dort die Situation der Filmemacherinnen?

Ich unterrichte an der Filmhochschule und finde es sehr interessant, die jungen Filmemacherinnen im Vergleich zu meiner Zeit als Studentin zu sehen. Heute gibt es sehr viele,  damals war ich die einzige junge Frau* in der Klasse und vor mir und nach mir gab es Klassen ganz ohne Frauen*. Deshalb dachte ich, heute muss das viel leichter sein. Aber ich war schockiert zu sehen, dass das Umfeld für die Studentinnen heute viel härter ist. Und erst später habe ich verstanden, dass ich in den 1980er-Jahren einfach ein Sonderling war, eine Ausnahme, etwas Lustiges. Ich war keine Gefahr für die Karriere der Jungs. Aber jetzt hat die Präsenz der Filmemacherinnen eine kritische Masse erreicht und die Spielregeln haben sich geändert. Sie werden plötzlich zu Konkurrentinnen. Das ist schwierig!

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