IFFF 2018: Hjärtat (The Heart)

„What is the point of love in an unequal society?“

Das fragt sich die Fotografiestudentin Mika zu Beginn des Liebesfilms Hjärtat. Sie hat ausgesprochen gerne Sex, aber dafür braucht es ja nun wirklich keine Bindung. Doch wie immer im Leben kommt es anders als mensch denkt und ohne es zu planen oder auch nur zu wollen, verliebt sich Mika in Tesfay (Ahmed Berhan) und entscheidet sich trotz aller Bindungsskepsis für eine monogame Paarbeziehung. Sie zieht zu ihm nach Stockholm, der Himmel hängt voller Geigen. Statt Fotografin ist sie jetzt Verkäuferin, aber was macht das schon bei so viel Liebe.

© Garagefilm

Das Leben genießen ganz ohne Neurose

So weit, so unspektakulär und doch revolutionär. Zunächst einmal ist Mika nämlich in vielerlei Hinsicht eine gänzlich ungewöhnliche Frauen*figur. Nicht weil sie gerne Sex und ungerne Beziehungen hat, sondern weil sie diese Lebenseinstellung ganz ohne Neurose und Lebenskrise ausleben darf. Mika ist schlicht und einfach eine moderne junge Frau*, wie es sie zu Millionen gibt – nur eben nicht auf unseren Kinoleinwänden. Oftmals nämlich wird Promiskuität beziehungsweise das Trennen von Sex- und Liebesleben bei weiblichen* Filmfiguren mit Daddy-Issues oder anderen Traumata als Form emotionaler Verwirrung übererklärt, was nicht nur die Filmheldin pathologisiert, sondern auch alle Zuschauerinnen, die sich mit ihr identifizieren!

Allein für ihre Hauptfigur möchte ich Regisseurin, Drehbuchautorin, Editorin und Hauptdarstellerin Fanni Metilius knutschen und zwar mindestens genauso schön laut und schmatzend wie all die feuchten Küsse, die sie in fast aufdringlicher Intensität in der ersten halben Stunde ihres Films inszeniert. Ach, sie ist herrlich diese Leidenschaft der ersten großen Liebe, das Nicht-Voneinander-Lassen-Können, das sich Verlieren im Gegenüber, der sexuelle Engtanz Pheromone sprühender Körper. Metelius erzeugt mit den zahlreichen und ausufernden Momenten freudvoll-verspielter Erotik eine enorme Fallhöhe, an der sie ihre Heldin schließlich langsam und qualvoll hinunterrutschen lässt.

Beziehungsanalyse ohne Gaslighting

Denn es kommt, was kommen muss: Die Beziehung gerät in eine Krise. Aber nicht wegen konstruierter Eifersuchtsdramen, Kinderdiskussionen oder weiblicher* Neurosen. Alles beginnt damit, dass sich Tesfay von Mika sexuell zurückzieht – für die leidenschaftliche junge Frau* eine frustrierende, aber auch verwirrende Erfahrung. Stimmt vielleicht etwas nicht mit ihr? Sollte ihr Sex vielleicht weniger wichtig sein? Die klassische Frustrations-Aggressions-Kette führt zu Streitigkeiten in der Beziehung, für die Mika nur zu gerne die Verantwortung übernimmt. Denn wer zickt denn hier rum?

Dass wir als Kinopublikum dennoch die Übertragung passiver Aggressionen als solche verstehen, ist auf die Perspektive der Erzählung zurückzuführen, die Mika konsequent treu bleibt. So geht Fanni Metelius’ Beziehungsanalyse nicht ins Gaslighting über und wir können den Frust der Hauptfigur miterleben sowie die darin wurzelnden Reaktionen nachvollziehen. Gleichzeitig verliert die Regisseurin niemals den Respekt vor ihrer männlichen* Hauptfigur, die immer ein sympathischer, wenn eben auch verlorener junger Mann* bleibt. Tesfay ist an Mikas Unglück ebenso wenig Schuld wie sie an seinem, sondern beide müssen lernen, für Gefühle selbst Verantwortung zu übernehmen.

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Liebe in einer ungerechten Gesellschaft

Aber das ist gar nicht so einfach. Denn während die Emotionen aus Mika nur so heraussprudeln, bleibt Tesfay ruhig. Immer. Wirklich immer. Auch abends, wenn Mika ausgehen will, möchte er lieber auf der Couch bleiben. „Ich bin so müde.“ Und die Videospiele sind ohnehin vergnüglicher als Hausarbeit. Aus dem zunächst rein sexuellen Rückzug wird bald eine depressive Abkehr vom Leben, die eben auch eine Abkehr von Mika beinhaltet. Bis diese sich schließlich zu fragen beginnt, ob sie wohl eine Therapie machen sollte…

Dieser Schluss mag merkwürdig klingen, aber er ist ebenso wahrhaftig wie alles in diesem Film. Ich kenne viele Frauen* wie Mika, mich selbst eingeschlossen, die ihre Lebenslust an Partner* verlieren, deren Depressionen sie sich anziehen wie extra für sie bereitgestellte Schuhe. Weil Männer* in unserer Gesellschaft nicht lernen, schon gar nicht im Kino, dass auch sie Lebenskrisen und Depressionen erleben und schon gar nicht wie sie diese überwinden können. Und weil Frauen* im Gegenzug dazu ständig lernen, insbesondere im Kino, dass sie grundsätzlich der neurotische, komplizierte Part der Beziehung und somit in der Verantwortung seien, die gemeinsame Liebe auch auf Kosten ihrer eigenen Glückseligkeit aufrechtzuerhalten.

Und so stellt sich wieder einmal die Frage: What is the point of love in an unequal society?

Die Panik vor dem Happy End

Doch Fanni Metelius bleibt an diesem Punkt der Geschichte natürlich nicht stehen. Der letzte Akt ihrer ungewöhnlichen Love Story gestaltete sich für mich wie ein Psychothriller. Immer wieder bangte ich darum, der Film werde sich für eine konventionelle Auflösung entscheiden. Sobald Mika zu meiner Erleichterung auf dem „richtigen Pfad“ unterwegs war, drehte die Handlung dann doch noch eine Schleife. Und noch eine. Während ich innerlich „NEEIIIN!“ schrie.

Auf diese Weise zieht sich der Film im letzten Drittel leider ein wenig in die Länge, bleibt dabei aber seiner Wahrhaftigkeit treu. Denn Beziehungen verlaufen eben nicht so gradlinig wie im Hollywood-Kino, sondern drehen jene Schleifen aus Streit und Wiederannäherung, wie sie Hjärtat ausführlich erzählt. Für welches Ende sich Regisseurin und Heldin schließlich entscheiden, werde ich freilich nicht verraten. Nur eines sei dazu gesagt: Das Finale ist emanzipatorisch wertvoll.

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Kitsch mit Tiefgang

Und so ist Hjärtat, der als kleine, unscheinbare Liebesgeschichte daherkommt, ein trojanisches Feminismus-Pferd. Mit Hilfe großen Identifikationspotentials sät der Film ein alternatives Bild von Geschlechterrollen, Männlich* und Weiblich*keit. Das gelingt durch die authentischen Charaktere, die wie aus dem Leben mitgeschnittenen Dialoge (ich frage mich, ob Fanni Metelius wohl die Telefonate zwischen mir und meiner Mutter abhört) und das realistisch-diverse Gesellschaftsbild, das völlig unprätentiös und selbstverständlich die Bühne für diese Geschichte bereitet.

Ausgemalt ist das realistische Gerüst mit verspielten Zwischentiteln und dem einen oder anderen überraschend kitschigen Moment. Das bildet keinen Kontrast zur Wahrhaftigkeit des Konzepts, sondern ergänzt sie um die Aura einer lebenslustigen Instagram-Generation, die die Dinge eben gerne ein bisschen hübscher malt als sie sind, sich dabei aber nicht in Oberflächlichkeit verliert, sondern sich ihrer überaus bewusst ist. Mika und ihre Altersgenossinnen sind bei aller Party- und Selbstdarstellungslust kluge und reflektierte Menschen, die sich kritisch mit sich selbst und ihrer Gesellschaft auseinandersetzen. Und wieder zerschießt Fanni Metelius ein Stereotyp: Auch stark geschminkte „Girlys“ im Ibiza-Pauschalurlaub können sich Gedanken über Klassismus und Feminismus machen.

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Feministisch auch hinter den Kulissen

Dass die Regisseurin bei all dem auch vor der Kamera die Hauptrolle übernimmt, mutet insbesondere in Anbetracht der sehr expliziten Sexszenen ein wenig narzisstisch an. Tatsächlich aber liegen dieser Entscheidung differenzierte Überlegungen zur Machtdynamik zwischen Regie und Schauspiel zu Grunde, wie Fanni Metelius nach ihrer Deutschlandpremiere beim Frauenfilmfestival in Köln erzählte. Die Art von Intimität, die sie sich für die Inszenierung dieser Liebesgeschichte vorstellte, konnte sie keiner anderen Darstellerin als sich selbst guten Gewissens abverlangen.

Und so ist Hjärtat auch hinter den Kulissen ein sehr reflektierter Film und weitaus mehr als der verspielte Coming-of-Age-Reigen, als den er sich tarnt. Fanni Metelius entlarvt den Anspruch an Frauen*(figuren), in der Rolle von Manic Pixie Dream Girls müde Männer* munter zu machen, ihr Glück der durch männliche* Bedürfnisse dominierten Paarbeziehung hintenanzustellen. Viele Menschen würden sich nach dem Film aus ihren Beziehungen lösen, Männer* wie Frauen*, berichtet Metelius vom Feedback ihrer Zuschauer_innen.

Auf die Frage „What is the point of love in an unequal society?“ hat Hjärtat trotzdem eine befriedigende Antwort:

Love you(rself)!

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