IFFF 2018: A Woman Captured

Dreckige Gänse in einem viel zu kleinen Gehege – das ist eines der ersten Bilder, die sich mir in A Woman Captured einprägen und nicht mehr aus dem Kopf gehen. Zunächst wähnte ich hier noch eine Parallele: Die Gänse seien gefangen wie die Protagonistin dieses Dokumentarfilms. Schließlich komme ich jedoch zu der ernüchternden Erkenntnis, dass das Federvieh hier deutlich mehr Freiheiten besitzt als die Haushälterin, deren Alltag Regisseurin Bernadett Tuza-Ritter mit der Kamera beobachtet.

Zunächst gibt es keinerlei Kommentar. Die ultra nahe Kamera begleitet Marish bei ihren täglichen Pflichten im Haushalt, während die übrigen Anwesenden nur als Stimmen, Silhouetten oder unscharf im Hintergrund zugegen sind. Der Fokus liegt ganz klar auf der kleinen runzligen Frau*, die sichtbar demütig ihren Aufgaben nachgeht.

Bis hierhin könnte es sich noch um eine hart arbeitende Haushaltshilfe im letzten Lebensdrittel handeln. Aber weit gefehlt. Nicht nur dass Marish mit 52 Jahren deutlich jünger ist als von mir angenommen, sie ist auch keine Angestellte, sondern eine Sklavin, die von ihrer „Arbeitgeberin“ Eta keinerlei Honorar erhält und mit psychischer wie auch physischer Gewalt in allen Lebensbereichen kontrolliert wird. Marish hat kein Privatleben, arbeitet 12 Stunden pro Tag in einer Fabrik und übernimmt darüberhinaus zahlreiche Haushaltsaufgaben. Sie hat keine Freund_innen und aus Scham den Kontakt zu ihren erwachsenen Kindern abgebrochen. Die jüngste Tochter ist den sklavischen Lebensbedingungen in Etas Haushalt entflohen und lebt nun im Kinderheim. Marish muss ihr gesamtes Einkommen an Eta abgeben, hat keine eigenen finanziellen Mitteln. Sie wirkt unterernährt, gebrochen, im wahrsten Sinne des Wortes vom Leben gezeichnet.

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Die Kamera von Bernadett Tuza-Ritter ist mir gegenüber erbarmungslos, stets im wahrsten Sinne des Wortes hautnah bei Marish und gibt mir damit keine Chance, mich von der Geschichte zurückzuziehen. Die wiederholten Erniedrigungen der Sklavin kann ich schließlich kaum mehr ertragen. Wut und Trauer brodeln in meinem Bauch und während der ersten Hälfte des Films stehen mir permanent Tränen in den Augen.

Gleichzeitig aber ist die Kamera Marish gegenüber barmherzig. Bernadett Tuza-Ritter sucht keinen Elendsvoyeurismus, sondern die Abbildung einer modernen Form von Sklaverei in all ihrer realistischen Schrecklichkeit. Dabei ist das Einverständnis der Protagonistin zentral. Die Filmemacherin lässt Marish über ihre Rolle in diesem Film reflektieren und verleiht ihr damit eigene Gestaltungsmacht. Marish will sich zeigen, ihre Geschichte erzählen. Und wo sie ihre Grenzen zieht, bleibt die Kamera draußen. Indem Tuza-Ritter Momente der Schwäche nicht visuell auskostet und der Protagonistin Macht über das eigene Bild zugesteht, bringt sie Würde in einen ansonsten vollends würdelosen Raum.

Die Nähe der Kamera zur Protagonistin war dabei in den Anfängen des Projekts ein rein ästhetisches Konzept: Bernadett Tuza-Ritter wollte die Geschichte von Marish allein über deren Gesicht erzählen. Damals wusste die Regisseurin noch nicht, welche Geschichte sie aufdecken würde, nicht einmal, dass so etwas wie moderne Sklaverei überhaupt existierte. Da Eta und ihre Familie nicht gefilmt werden wollten, entwickelte sich das ästhetische Konzept zur Notwendigkeit. Doch dessen Wirkung geht weit über die Anonymität der Sklav_innentreiber_innen hinaus: A Woman Captured wirkt klaustrophobisch. Marish ist im Rahmen des Bildes ebenso gefangen wie in Etas Haus und ihrer Lebenssituation.

Doch Bernadett Tuza-Ritter verlässt sich nicht allein auf ihre Bilder, sondern arbeitet mit wenigen, gezielt platzierten Texttafeln. Auf diese Weise lässt sie das Kinopublikum den eigenen Prozess nachvollziehen. Denn unser Schock als Zuschauer_innen, wenn wir Marishs Situation zu begreifen beginnen, ist ein – wenn auch mit Sicherheit sehr kleines – Abbild der emotionalen Extremsituation, der sich die Regisseurin während ihrer Arbeit unerwarteter Weise ausgesetzt sah.

Den Umfang der Versklavung durch die Texttafel offenzulegen, ist auch die Grundlage für das Verständnis der folgenden Entwicklungen. Denn es passiert noch etwas anderes im Laufe der Dreharbeiten: A Woman Captured wird nicht nur von einem Film über eine Hausangestellte zu einem Film über eine Sklavin, sondern schließlich zu einem Film über weibliche* Solidarität und Emanzipation. Denn Bernadett Tuza-Ritter entscheidet sich, ihre professionelle Distanz als Filmemacherin ihrer Menschlichkeit unterzuordnen und eine Beziehung zu Marish einzugehen. Mit Sicherheit wäre diese Geschichte also anders verlaufen, wäre Tuza-Ritter ihrer Position als Beobachterin treu geblieben. Und mit Sicherheit wäre diese Geschichte auch anders verlaufen, wenn die Filmemacherin gar nicht erst in Marishs Leben getreten wäre. Aber nun ist sie da und stellt fest, die einzige Vertraute einer verzweifelten Frau* zu sein. Was nun? „Manchmal ist es wichtiger ein Mensch zu sein als eine Filmemacherin“, sagt Bernadett Tuza-Ritter dazu im Publikumsgespräch nach dem Film.

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Aus dem Vertrauen in Bernadette schöpft Marish Vertrauen in sich selbst und den Mut, um ihre Freiheit zu kämpfen. Vorübergehend wird A Woman Captured zum Krimi. „Ich zittere vor Angst“, sagt Marish bei ihrem Fluchtversuch. Und wir zittern mit ihr. Und um sie.

Das Ende ist dann so märchenhaft lebensbejahend, das es kaum zu glauben ist, und dabei doch kein bisschen kitschig. A Woman Captured verharrt nicht in einer empathischen Perspektive, die in uns Mitleid erzeugt, sondern erzählt und zeigt eine bewundernswerte Ermächtigung. Marish, die eigentlich Edit heißt, legt ihren Sklavinnennamen ab und wird wieder zu einer selbstbestimmten, selbstbewussten Frau*. Der Kamerablick beginnt sich zu weiten, mehr Personen mit hineinzunehmen, mit der Isolation zu brechen. Denn es geht diesem Film nicht darum, einem ästhetischen Konzept treu zu bleiben. Es geht um Menschlichkeit und wie wir uns diese bewahren oder zurückerobern. Auch – oder vielleicht gerade? – als Künstler_innen.

Nach A Woman Captured sah ich mich übrigens außerstande, das Kino zu verlassen und blieb zum Filmgespräch. Das tue ich normaler Weise nicht, weil es meine professionelle Distanz zu den Filmemacher_innen beeinträchtigt. Aber manchmal, so habe ich jetzt gelernt, ist es wichtiger, ein Mensch zu sein als eine Filmkritikerin.

Kinostart: Herbst 2018

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