IFFF 2017: Sonita

„Warum wird nicht allen Mädchen in Afghanistan geholfen?“ fragt ein Junge* nach dem Screening von Sonita beim Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund/Köln. Der Dokumentarfilm von Rokhsareh Ghaemmaghami über eine afghanische Rapperin ist hier im Rahmen des Schulfilmprogramms zu sehen – aus verschiedenen Gründen ein durchaus interessantes Setting. Im Publikum sitzen zahlreiche Jugendliche muslimischen Glaubens, einige sicherlich auch mit Migrationsgeschichte. Auch wenn das Thema Zwangsheirat in Deutschland wohl keine vergleichbare Rolle spielt, so sind diesem Publkum doch sicherlich einzelne Diskurse des Films durchaus vertraut. Wie zum Beispiel die Frage nach dem Tragen des Kopftuchs. „Warum hat Sonita ihr Kopftuch abgelegt?“ will ein Mädchen* mit Kopftuch nach dem Film wissen. Weder auf ihre Frage noch auf die ihres Vorredners gibt es eine einfache Antwort, aber darauf kommt es hier auch nicht an. Sonita will keine Fragen beantworten, sondern dazu auffordern, sie zu stellen, und das ist dem Film eindeutig gelungen.

© Real Fiction

Filmemacherin Rokhsareh Ghaemmaghami begleitet Sonita bei ihren ersten Schritten der erträumten Musikkarriere, die das Teenager-Mädchen* ausgerechnet im Exil im Iran anstrebt, einem Land, in dem schon die Existenz einer Solosängerin einem Skandal gleichkommt. Aber nicht nur das: Sonita will auch noch über soziale Ungerechtigkeit, insbesondere die Situation von Frauen* und Mädchen* in Afghanistan singen. Das Thema ihres ersten professionell aufgenommenen Songs ist die Zwangsheirat.

9.000 Dollar, so viel soll beispielsweise Sonita kosten. Ihre Familie in Afghanistan drängt sie zur Rückkehr, damit sie durch eine Heirat dem Bruder das nötige Kleingeld für eine eigene Braut verschaffen kann. Und weil ihr nicht einmal die eigene Mutter im Kampf gegen diese Absurdität beisteht, entscheidet sich Regisseurin Rokhsareh Ghaemmaghami zu einem folgenschweren Schritt: Sie mischt sich ein, „investiert“ 2.000 Dollar, um Sonita mehr Zeit für ihre Musikkarriere einzuräumen, in der Hoffnung, dass sie auf diesem Wege der Zwangsehe entkommen könne.

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Ghaemmaghamis Eingreifen ist mehr als streitbar, verändert sie durch ihre Handlungen doch erheblich jene Realität, die sie lediglich abzubilden suchte. Dass der Film trotzdem funktioniert, ist seiner Transparenz und der Ehrlichkeit der Macherin geschuldet. Der Wendepunkt liegt im Grunde schon lange vor Ghaemmaghamis Entscheidung, sich in die Ereignisse einzumischen. Bereits im ersten Drittel des Films erlaubt sie einen ungewöhnlichen Perspektivwechsel, gibt Sonita die Kamera in die Hand und vertauscht damit die Rollen von Regisseurin und Protagonistin. Diese Instanzen, macht sie uns klar, sind – zumindest in diesem Fall – untrennbar miteinander verwoben. Das Auflösen der Hierarchie zwischen Künstlerin und Objekt, von einem patriarchalen System, ist in sich selbst ein feministischer Akt und steht damit nicht im Widerspruch, sondern eigentlich in vollendeter Harmonie mit dem Inhalt des Films. Der Diskurs, den nicht nur Ghaemmaghami, sondern auch ihr Tontechniker vor der Kamera über die Legitimität der Einmischung führen, verhilft dem Gesamtwerk auch zu einer Metaebene. Sonita ist am Ende nicht mehr nur ein Film über ein bewundernswertes Mädchen* und ihren Weg in ein selbstbestimmtes Leben, sondern auch eine moralische Reflektion über die Grenzen des Dokumentarfilms.

Aber nicht nur inhaltlich, auch dramaturgisch scheint Sonita Genregrenzen zu transzendieren. Ob es nun am packenden Verlauf des portraitierten Einzelschicksals liegt oder an einer gelungenen Montage: Der Dokumentarfilm entwickelt vorübergehend den Spannungsbogen eines Spielfilms. Bis auf die letzten 20 Minuten funktioniert Sonita ähnlich fesselnd wie eine fiktive Erzählung, was insbesondere dem jugendlichen Zielpublikum entgegenkommt. Das wiederum zeigte gen Ende des Films durch wachsende Unruhe das Abfallen der Spannungsdramaturgie unmissverständlich an. Es zeichnet Ghaemmaghamis Werk allerdings positiv aus, dass es der Versuchung einer künstlichen Dramatisierung widersteht, die Protagonistin nicht für Tränendrüsenattacken missbraucht, sondern ihr mit gleichbleibendem Respekt und vor allem auf Augenhöhe begegnet.

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Alles in allem überzeugt Sonita als große medienpädagogische Fundgrube, als ergreifendes Portrait und vor allem als emanzipatorisch wertvolle Geschichte über das Empowerment einer jungen Frau*. Was als naiver Teenagertraum beginnt wird eine Erfolgsstory, die das Publikum dazu auffordert, stets selbstbewusst nach den Sternen zu greifen. Geht nicht, gibt’s nicht – das ist die Moral von der Geschichte. Aufgeben können wir dann, wenn wir alles versucht haben. Und keine Sekunde früher.

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