IFFF 2017: Peur de Rien

Peur de rien – Angst vor nichts. Das könnte auch der Untertitel für die französische Fassung von Ronja Räubertochter sein. Denn es gibt durchaus Parallelen zwischen dem Kinderbuch von Astrid Lindgren und dem französischen Film von Danielle Arbid: Wie Ronja zieht auch Lina (Manal Issa) quasi in die Wildnis, flieht vor ihrem schwierigen Elternhaus und wächst an ihren Herausforderungen zu einer Erwachsenen heran. Eins allerdings unterscheidet sie grundlegend von Lindgrens Heldin: Ronja hat ein Ziel!

Ronja Räubertochter © Universum

Das lässt sich von Lina leider nicht behaupten. Zum Studium kommt sie als junge Frau* zu Beginn der 90er Jahre aus dem Libanon nach Paris. Eigentlich soll sie bei Tante und Onkel wohnen und Wirtschaft studieren. Doch der Onkel bedrängt sie und das Wirtschaftsstudium ist viel zu streng. Und so beginnt Lina mit dem, was sie die nächsten zwei Stunden Laufzeit des Films tun wird: Sie lässt sich treiben. Von einer Clique zur nächsten, von einem Mann* zum anderen. Wohin die Reise geht, scheint eine Nebensache zu sein – auch für Regisseurin Danielle Arbid.

Die Dramaturgie von Peur de rien erinnert an Filme von Mia Hansen-Løve. Statt eines fein säuberlich in Akten strukturierten Spannungsbogens zeigt Arbid eine unaufgeregte Langzeitbeobachtung, in der sich Ereignisse nicht hierarchisch zu einem Klimax aufbauen, sondern in vollendeter Gleichberechtigung ineinander übergehen. So wie Lina sich durch ihr neues Leben treiben lässt und grundsätzlich immer nur jene Probleme löst, die ihr just in diesem Moment vor die Füße fallen, scheint auch Peur de rien keine Richtung zu verfolgen, keine Botschaft transportieren zu wollen, sondern die Heldin einfach nur ein Stück ihres Weges entlang zu begleiten. Zusammen mit dem nostalgischen Blick in die frühen 90er Jahre – damals als es noch keine Handys, Computer und Facebook gab, sondern Telefonkarten und Schallplatten – lädt Peur de rien sein Publikum zum Schwelgen ein, dazu, sich ebenso treiben zu lassen wie seine Hauptfigur.

© Les Films Pelléas

Grundsätzlich ist daran nichts auszusetzen, sondern maximal eine Frage des Geschmacks. Dasselbe gilt wohl auch für die melancholisch-fragile französische Heldin (freilich eigentlich eine Libanesin, aber eben doch die Hauptfigur eines französischen Films), die mir persönlich mit ihrem Dackelblick ebenso auf die Nerven geht wie mit ihrer Sprachlosigkeit. Wobei ich in diesem Fall dann doch Abstand davon nehmen möchte, hier nur von individuellen Präferenzen zu sprechen, denn mir geht es ja nicht darum, ob ich mit Lina abends bei einem Glas Wein zusammen sitzen möchte (Nein, das wäre mir viieel zu langweilig!), sondern darum, ob sie als Charakter jenseits sexistischer Stereotypen rangiert und damit als Identifikationsfigur dienen kann.

Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Einerseits wird Lina als selbstbestimmte junge Frau* in die Geschichte eingeführt, die sich ohne zu zögern gegen die Belästigung durch ihren Onkel zur Wehr setzt, die Opferrolle hinter sich lässt und angstfrei in ein neues Leben aufbricht. Andererseits gerät die Heldin fortan vom Regen in die Traufe, findet sich ständig in ungesunden Beziehungen mit unsympathischen Menschen wider und stolpert von einer in die nächste Misere. Das alles natürlich nicht ohne den ach so niedlichen Hundeblick, den nur melancholisch-fragile Französinnen in dieser Perfektion beherrschen.

© Les Films Pelléas

Das Problematische daran ist nicht unbedingt die pessimistische Weltsicht, die Lina ohnehin in einem Aufsatz am Beginn des Films vorweg nimmt, in dem sie die französische Realität als durch und durch „hässlich“ beschreibt. Es geht auch nicht um die Menschen, die ihren Weg kreuzen und verkomplizieren und vornehmlich altbekannte Stereotypen statt komplexer und glaubwürdiger Charaktere darstellen und nicht mal darum, dass sie alle auf die eine oder andere Weise unsympathisch wirken (mit Ausnahme von Linas überlebensgroßer Uni-Dozentin). Meine schärfste Kritik gilt der Heldin selbst, die engelsgleich und unfehlbar inmitten all dieser Schlechtigkeit immer nur als Opfer wirken kann.

Dabei gibt sich Danielle Arbid doch so viel Mühe, ihre Hauptfigur zum unangefochtenen Zentrum dieser Geschichte zu machen. Die Kamera schwirrt um Lina wie die Motte um das Licht, klebt an ihr, lässt sie nicht los. Ja manchmal wirken die zahlreichen Close Ups fast aufdringlich und klaustrophobisch. Lina ist nicht nur in allen Szenen, alle Szenen sind auch in Lina, oder anders formuliert, die Heldin wird von diesem Film geradezu verfolgt. Die Passivität der Figur verstärkt diesen Eindruck: Lina scheint immer nur weg, niemals aber irgendwo hinzurennen, weshalb sie die Kamera immer nur jagen und niemals begleiten kann.

© Les Films Pelléas

Vom reichen Snob über den liebenswerten aber wankelmütigen Hobbydrogendealer bis hin zum linken Intellektuellen. Von der Partyclique über pöbelnde Royalist_innen (die Rechtspopulisten der 90er) bis hin zur kommunistischen Student_innenzeitung. Lina fliegt von einer Blume zur nächsten, kostet hier und dort ein bisschen Nektar, lässt sich von den Ideen anderer anstecken, bringt aber keine eigenen ein. Was die übrigen Figuren im Überfluss besitzen (was zum Teil beträchtliche Komik generiert), fehlt der Heldin vollkommen: Passion. Was Lina will, wonach sie strebt, wofür ihr Herz schlägt, ist ihr selbst am Ende leider ebenso unklar wie dem Kinopublikum.

Interessanter Weise lassen sich in diesem Punkt klare Parallelen zu Corniche Kennedy erkennen, der wie Peur de rien im Wettbewerb des Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund/Köln zu sehen war, denn auch in der letztgenannten französischen Coming of Age Geschichte gelingt es nicht, die Heldin zu ermächtigen, ihr Entscheidungsgewalt über ihr Leben und lebensbejahende Selbstverwirklichung zu verleihen. Während die Dokumentarfilme des diesjährigen Festivals, beispielsweise Sonita oder Ovarian Psycos, kraftvolle Heldinnen auf Weltverbesserungsmission präsentieren, verlieren sich zumindest die eben genannten französischen Filme in melancholisch-fragilen und harmlosen Püppchen, die als emanzipatorisch wertvolle Identifikationsfiguren wenig taugen. Peur de rien, Angst vor nichts, ist also ein irreführender Titel. Schon Ronja Räubertochter wusste, dass es nicht reicht, sich nicht vor dem Mattis-Wald zu fürchten, sondern dass es darauf ankommt, den eigenen Grundsätzen treu zu bleiben. Aber dazu muss frau eben erst einmal welche haben!

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