IFFF 2017: Ovarian Psycos

Booooorn to be wiiiiillllld… Jeder kennt den Song von Steppenwolf und sieht bei seinen Klängen umgehend Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nickolson auf Motorrädern über amerikanische Landstraßen brausen. Hinter diesem Bild aus Easy Rider steht der Befreiungsschlag einer ganzen Generation, eine Gegenkultur, eine Freiheitsbewegung. In zeitgenössischen Termini denken wir bei Motorradgangs hingegen weniger an Hippies als an gewaltbereite „Rocker“ wie die Hell’s Angels, die es gerne mal mit Mord und Totschlag in die Schlagzeilen schaffen.

© Joanna Sokolowski und Kate Trumbull-LaValle

Irgendwo zwischen diesen Polen aus Freiheitsbewegung und Unruhestiftung rangieren die Ovarian Psycos, eine queerfeministische Fahrradgang, die mit ihren nächtlichen Radtouren die Straßen von East L.A. zurückerobert. Mit vermummten Gesichtern und einem stilisierten Ovarien-Logo auf dem Mundschutz sieht die Truppe nahezu angsteinflößend aus. Und genau darum geht es. Die Mitglieder sind Frauen* aus prekären Lebenssituationen, die mit Gewalt aufgewachsen sind, auf der Straße wie auch in der Form inzestuöser Bedrohungen, und nun nonaggressiv, aber doch mit deutlich sichtbarer Wut ihren Lebensraum zurückerobern.

Das sorgt nicht nur bei den Menschen in ihrem Umfeld für Ratlosigkeit, sondern durchaus auch beim Publikum von Joanna Sokolowskis und Kate Trumbull-LaValles Dokumentarfilm. Es ist vielleicht das größte Problem der Bewegung selbst und dementsprechend auch ein Stolperstein ihrer filmischen Aufarbeitung, dass eine klare Zielsetzung, ein ausformuliertes politisches Anliegen fehlt. Vermutlich geht es den Ovarian Psycos eher um einen symbolischen Akt und die Sichtbarmachung eines Diskurses. Durch Angst vor Überfällen in die häusliche Sphäre verbannt, erheben die – mehrheitlich hispanischen – Frauen* einen Anspruch auf ihr Wohnviertel, dem sie durch die Radtouren demonstrativ Ausdruck verleihen. Kein bisschen leise und mit einer ordentlichen Portion (verbaler) Aggressivität eignen sich die Teilnehmerinnen außerdem eine männlich* konnotierte Gangkultur an und deuten sie für ihr eigenes Anliegen um.

© Joanna Sokolowski und Kate Trumbull-LaValle

Sokolowski und Trumbull-LaValle zeigen aber keine wütenden Opferfiguren, sondern kluge und kreative Frauen*, die einen hohen Grad an Selbstreflektion an den Tag legen. Es geht eben nicht nur um Fahrradfahren, sondern auch um das Aufgreifen einer Tradition von Frauen*bewegungen, die sich gegen soziale Ungerechtigkeit eingesetzt haben, aber aus der Geschichte herausgeschrieben wurden. Außerdem geht es ihnen um das Anknüpfen an eine vorkoloniale Kultur der Gleichberechtigung, weshalb indigene Rituale bei den Ovarian Psycos eine zentrale Rolle spielen.

Wie schon die eingangs erwähnte Gegenkultur der 70er Jahre agieren auch die Ovarian Psycos in Konflikt mit der älteren Generation, nämlich ihren Müttern. Diese ältere Generation zeichnet sich durch passive Akzeptanz aus, die für die Illusion von Sicherheit lieber die eigene Freiheit aufgibt, als mit waghalsigen Aktionen für Selbstverwirklichung zu kämpfen. Das Thema Mutterschaft wiederum spielt für Sokolowski und Trumbull-LaValle in ihrem Film eine doppelte Rolle, denn die Auseinandersetzung der Protagonistinnen findet nicht nur mit ihren Müttern, sondern auch mit der eigenen Mutterschaft statt. „Wie kann ich meinem Kind all das geben, was ich vermisst habe, wenn ich für diese Mütterlichkeit kein Vorbild besitze?“, so die Überlegung der Anführerin.

Das sympathische am Dokumentarfilm Ovarian Psycos ist, dass Schattenseiten und Widersprüche nicht verschwiegen, sondern offengelegt werden, wie beispielsweise die zuvor genannte unklare Zielsetzung. Probleme in der Selbstorganisation werden ebenso deutlich wie das altbekannte „Feminist-Burnout“, das überall dort grassiert, wo sich Frauen* ehrenamtlich, aber mit beträchtlicher Energie und Zeitaufwendung für Gleichberechtigung engagieren. Und auch ein paar virtuelle Gegenstimmen in Form von Trollkommentaren dürfen nicht fehlen.

© Joanna Sokolowski und Kate Trumbull-LaValle

Gleichzeitig gelingt es den Filmemacherinnen mit dem Stil ihres Werks die Energie und vielleicht auch Verworrenheit der Organisation zu spiegeln. Insbesondere zu Beginn legt Ovarian Psycos ein irrsinniges Tempo an den Tag. Schiefe Kamera Winkel, wacklige Bilder, energetische Hip Hop Musik – so lässt sich der Kampfgeist der Protagonistinnen umgehend auf das Kinopublikum übertragen, das nun am liebsten aufs Fahrrad springen und Fäuste schwingend und Parolen grölend durch eine beliebige Innenstadt düsen möchte.

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