IFFF 2017: Corniche Kennedy

Nicht alles was gut aussieht, ist auch gut. Wein aus Flaschen mit hübschem Etikett kann widerlich schmecken, Häuser mit schönen Fassaden innen schimmeln, erotische wirkende Menschen im Bett zu Tode langweilen und zauberhaft gefilmte Filme maßlos enttäuschen. So wie Corniche Kennedy. Vorgestellt im Wettbewerb des Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund/Köln als ein Werk, das vor allem durch seine Bildgestaltung beeindruckt habe, konnte Corniche Kennedy zumindest bei mir auf der inhaltlichen Ebene nicht einmal im Ansatz überzeugen.

© Jour2Fête

Schön gefilmt von Kamerafrau Isabelle Razavet ist die französische Coming of Age Geschichte mit Sicherheit. Fast wie ein Kammerspiel siedelt Filmemacherin Dominique Cabrera den Großteil ihrer Handlung an einer Küstenstraße an. Auf engstem Raum trifft die Tochter aus gutem Hause, Suzanne (Lola Creton), auf eine Gruppe prekärer Jugendlicher, darunter auch zwei junge Männer*, Mehdi (Alain Demaria) und Marco (Kamel Kadri), mit denen sie eine zum Scheitern verurteilte ménage à trois eingeht. Das Hobby der Clique sind waghalsige Sprünge von den Klippen ins Meer, die Razavet in atemberaubenden Bildern einfängt. Die Sonne glitzert auf dem blauen Meer, zärtlich schmiegen sich die Körper der jungen Protagonist_innen aneinander. Oh ja, das ist zweifelsohne alles überaus hübsch anzusehen.

Unter der durchaus attraktiven Optik aber ist Corniche Kennedy ein ziemlich chaotischer Narrationshaufen, der tief in die eingestaubte Stereotypenkiste greift. Allein die Konstellation der romantischen Triade rangiert zwischen ärgerlich und einfallslos, bringt sie doch die Begegnung des braven Mädchens, hier die klassisch melancholisch-fragile Französin, und dem bösen Buben, hier verkörpert durch gleich zwei junge Männer mit Migrationsgeschichte, zum gefühlt millionsten Mal auf die Leinwand. Wie wäre es stattdessen mal mit der Geschichte vom zart besaiteten Schicki-Micki Hipster, der sich in eine selbstbewusste Ghettobraut verknallt? Nur so eine Idee…

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Warum sich Suzanne der Clique anschließt, bleibt übrigens eine offene Frage. Wirken die ersten Sprünge von den Klippen noch als beeindruckender Befreiungsschlag der jungen Frau*, verliert sie im Anschluss mehr und mehr ihre Agenda und wird zum Wanderpokal für die Männer* der Geschichte. Auch wenn ab und an mal die Diskussion aufkommt, für welchen Kerl sich Suzanne nun entscheiden möge, trifft die finale Wahl schließlich Mehdi. Von der zentralen ménage à trois ist Suzanne darüber hinaus die Figur, über deren Leben wir am wenigsten erfahren, die bis auf ihre Mutter über keinerlei soziales Umfeld verfügt und die, wie sollte es auch anders sein, mit auffällig wenig Dialog bedacht wird.

Wo Suzanne scheitert, demonstriert eine andere Frauen*figur die Verzichtbarkeit althergebrachter Klischees. Polizeichefin Linda (Linda Lassouedsticht als Woman of Color in ihrem Berufsfeld positiv hervor. Im letzten Drittel des Films wird sie von Marco auf Grund ihrer Hautfarbe zur Verräterin erklärt, befinde sie sich doch auf der falschen Seite des Gesetzes. „Ich bin nicht schwarz, ich bin Polizistin!“ entgegnet Linda selbstbewusst und sprengt damit rassistische Klischees. Ihre weibliche* Identität ist hierbei nicht einmal mehr eine Randnotiz.

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Während Corniche Kennedy in Hinblick auf die Figur der Linda Stereotypen zu dekonstruieren scheint, bleibt der Film an anderer Stelle in klassistischen Mustern stecken. Mehdi und Marco kommen natürlich aus problematischen familiären Verhältnissen, sind natürlich schon länger mit dem Gesetz in Konflikt, haben natürlich die Schule abgebrochen und sehen ihre Zukunft natürlich im Verkauf einer größeren Menge Drogen. Suzanne wiederum bleibt bis zum Ende die naive Touristin auf elendsvoyeuristischer Unterschichtsexkursion, die mit Freuden kurz vor dem Abschluss alles hinschmeißt, um in eine aufregende Zukunft durchzubrennen. Im Gegensatz zum Klippensprung ist das bedauerlicher Weise nicht mehr empowernd, sondern schlicht und einfach dämlich.

Und so wabert Corniche Kennedy zwischen emanzipatorischen Anläufen, die mit Höchstgeschwindigkeit vor die Wand fahren, einer richtungs- und damit auch rückgratlosen Heldin und klassistischer Arroganz, die von oben herab die Geschichte armer benachteiligter Ghetto-Jungs erzählt, die ihrem Milieu nicht entrinnen können.

Am Ende steht einfach nur ein großes Fragezeichen. Nicht nur wegen der losen Handlungsfäden, die so verloren in der Meeresbrise wehen wie Suzannes Haare im Moped-Fahrtwind. Sondern auch wegen des inkohärenten Mosaiks aus Charakterversatzstücken, Gesellschaftspotraitfragmenten und widersprüchlichen Botschaften. Nach diesem Film möchte eins einfach nur noch von einer Klippe springen und sich im kalten Wasser wieder einen klaren Kopf verschaffen. Was für ein – zugegebener Maßen zauberhübsches – Chaos…

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