Gut Gebrüllt: Brenda Lien über Schönheit, Kapitalismus und Quoten

Brenda Lien ist Filmstudentin an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, engagiert sich im Gleichstellungsreferat, hat dort einen Awareness-Preis ins Leben gerufen und beschäftigt sich auch in ihrer eigenen Kunst mit den Themen Gender und Sexismus. Als ich Brenda im Zuge meiner Jury-Teilnahme zum Awarenes-Preis kennenlernte, war ich von all dem schwer beeindruckt und wollte unbedingt mehr über sie und ihre Arbeit erfahren. Für GUT GEBRÜLLT hat sie mir nicht nur von ihrem künstlerischen Schaffen erzählt, sondern auch über den Zusammen von Kapitalismus und Sexismus gesprochen, über Quoten und Qualität und darüber, warum auch an Kunsthochschulen noch lange keine Gleichberechtigung herrscht.

Diese Spannung, zwischen Konformität einerseits und andererseits gegen “das System” anzukämpfen, beschäftigt mich bis heute.

Dein Kurzfilm Der gekerbte Raum aus Stein gegen ein Ideal aus Glas arbeitet mit einem Text von der Poetry Slammerin Josefine Berkholz. Wie bist Du auf diesen Text gestoßen und weshalb hast Du Dich dafür entschieden?

Nach unserem ersten Poesiefilmprojekt zu ihrem Text Konturen zeigte mir Josefine ihren neuen Text Sturmflutkommando: Eine Gruppe Menschen, die sich eines Problems oder einer Ungerechtigkeit bewusst sind, aber aus Angst nichts dagegen unternehmen und kapitulieren. Diese Spannung, zwischen Konformität einerseits und andererseits gegen “das System” anzukämpfen, beschäftigt mich bis heute.

Weshalb hast Du Dich für ein Rotoskopie-Konzept, also eine schauspielgestützte Animation, entschieden?

Die Figuren aus Josefines Text wollte ich symbolisch begreifen. Variablen, in die wir Personengruppen, aber auch ein ganzes Land einsetzen können. Die Protagonistin ist das „Ideal“, und das Kleid, das ihr übergestülpt wird, die Konvention oder das politische System XY. Sie zerreißt es oder fesselt sich damit selbst, wenn sie kapituliert. Eine realfilmische Visualisierung wäre unpassend gewesen, denn bei einem menschlichen Gesicht sehe ich eher das Individuum, die Persönlichkeit. Die Rotoskopie abstrahiert dieses Moment und hinterlässt die Rolle an sich.

Viele Animationsfilme sind aufgrund ihrer Machart sehr statisch; dem wollte ich durch eine Handkameraführung entgegen wirken. Mit Lena Lauzemis und einer Schauspielklasse der HfMDK drehte ich Szenen, die als Physiodrama konzipiert waren, also Geschichten und Gefühle mit Körper und Tanz ausdrücken. Und danach ging ich erst einmal ein Jahr lang ans Zeichnen!

Ein Jahr?!?! Warum so lange?

Da die Bewegungen durch das Videobild schon vorgegeben sind, kann ich mich ganz auf das Zeichnen konzentrieren, das sehr frei ist – im Gegensatz zum reinen Animieren, bei dem die Bewegung erst im Zeichnen kreiert wird. 9000 analoge Zeichnungen entstanden, die daraufhin abfotografiert und digital koloriert wurden.

Durch ein klares Wort mache ich mich auch angreifbar.

Der Film ist sehr lyrisch, lässt viel Interpretationsspielraum für die Zuschauenden. Dein jüngster Film Call of Beauty hingegen ist weniger subtil und hat eine sehr klare Botschaft. Wie kam es zu dieser stilistischen Wende?

Die Abstraktheit und Komplexität von Der gekerbte Raum aus Stein gegen ein Ideal aus Glas macht ihn in seinen Aussagen etwas ungenau. Durch das indirekte Sprechen in Symbolen, flüchte ich mich auch in eine Sicherheit „nichts wirklich“ gesagt zu haben. Durch ein klares Wort mache ich mich auch angreifbar. In meinem nächsten Film wollte ich zu einem Thema, das ich aktuell sehr wichtig finde, Stellung nehmen.

Woher kam die Idee zu Call of Beauty. Schaust Du selbst Beauty-Videos auf YouTube oder wie bist Du darauf aufmerksam geworden?

Ich habe mich schon lange mit diesem Thema beschäftigt; als Jugendliche drehte ich sogar einmal eine Beauty-YouTuberinnen-Parodie und machte mich über deren Narzissmus und Oberflächlichkeit lustig. Aber es ist leicht sich über schminkbesessene Mädchen lustig zu machen – und noch leichter, es als unwichtiges Thema abzutun. Diesmal wollte ich nicht nur auf sie drauf schauen, sondern versuchen sie zu verstehen. Warum ist ihnen Schönheit so wichtig? Wie macht sich dieser Schönheitswahn – auch bei mir – bemerkbar und woher kommt er eigentlich?

Hast Du Antworten auf diese Fragen gefunden?

Da kommen wir schnell auf Medien und Werbung; dabei hat Beauty-Werbung gar nicht unbedingt zum Ziel, dass wir uns schöner fühlen. Im Gegenteil, sie baut erst einmal unser Selbstwertgefühl ab, steckt unerreichbare Schönheitsideale, sodass wir uns “fett und hässlich” fühlen – ohne diese Art der Werbung gäbe es für uns überhaupt keinen Grund diese Produkte zu kaufen.

© Lena Lauzemis

Call of Beauty © Lena Reidt/Brenda Lien

Welche Rolle spielt dabei das Medium YouTube?

YouTube stand ursprünglich für ein freies Medium, auf dem alle alles veröffentlichen konnten – auch „Review-Videos“, in denen YouTuber_innen Beauty-Produkte testen und eine Meinung abgeben, die „ehrlicher“ als Werbung gilt. Das hätte eine Bedrohung für die Werbung der Beauty-Industrie sein können, da die Videos die Mythen und Autorität der Beauty-Werbung untergraben. Die Beauty-Industrie nutzte aber eben diese vermeintliche Authentizität der YouTuber_innen, um als „echte Kund_innen-Rezension“ verkleidet eine Art trojanisches Pferd in die Herzen der Zuschauenden zu tragen.

Wie bzw. warum funktioniert das?

Das Publikum schaltet beim Schauen der Videos alle Kontrollmechanismen ab, die es beim Schauen von Werbung hat, und gewinnt den Eindruck mit einer Freundin von nebenan zu sprechen. Um diese Illusion perfekt zu machen gibt es mittlerweile zahlreiche Firmen, deren Ziel es ist, die Grenzen zwischen redaktionellem und kommerziellem Inhalt geschickt zu verschleiern. Das ist vor allem dann problematisch, wenn es sich um ein junges Publikum handelt, das oft noch nicht ausreichend Medienkompetenz mit sich bringt – ich meine, wer weiß schon, was das hellweiße „P“ am Bildrand bedeutet?

Ich glaube wir können viel über eine Gesellschaft erfahren, wenn wir betrachten, wie viel Macht sie über die Körper der Individuen besitzt.

Beide Filme kreisen um das Thema Körper, aber auch um die Manipulation des Körpers durch Schminke und digitale Effekte. Was reizt Dich an diesem Thema?

In beiden Filmen versucht die Umwelt die Körper zu formen und Macht auf sie auszuüben. Dieser Verformungszwang kommt aber in Call of Beauty nicht nur von außen – er steckt schon so tief, dass er internalisiert wurde und die jungen Frauen ihren Körper selber züchtigen. Dabei ist unser Körper doch das Privateste, das uns bleibt. Ich glaube wir können viel über eine Gesellschaft erfahren, wenn wir betrachten, wie viel Macht sie über die Körper der Individuen besitzt.

© Brenda Lien

© Brenda Lien

Was sagt uns denn beispielsweise Call of Beauty über unsere Gesellschaft?

Selbstoptimierung gehört zum Alltag und alles Normale kommt uns optimierungswürdig vor – wir wissen gar nicht mehr, wie „normal“ aussieht und sind von unserer eigenen Realität (z.B. dem Blick in den Spiegel) entfremdet. Uns wird suggeriert: Jede_r kann schön sein, wenn eines nur genügend Arbeit, Zeit und Geld investiert. Was sich aber als freiheitliche Selbstverwirklichung der Schönheit ausgibt, ist in Wirklichkeit ein kapitalistisches System, das einen finanziell und energetisch ausmergelt – Beautyprodukte kosten viel Geld, nehmen Zeit in Anspruch und Diäten können es uns sogar physische und psychische Kraft rauben. Wenn wir das gedanklich weiterspinnen wollten, könnten wir das sogar mit Systemen vergleichen, die eine unterdrückte Arbeiter_innengruppe still halten, indem sie ihr durch Überarbeitung und Mangelernährung Denkvermögen nehmen.

Der Titel des Films ist übrigens von dem Computerspiel Call of Duty abgeleitet – die männliche Pflicht zum Kriegsdienst, der Zwang zur Identifikation mit einem bestimmten Männlichkeitsbild. Das wollte ich mit anklingen lassen: Schönheit nicht als Möglichkeit, sondern als weibliche Notwendigkeit und Pflicht oder sogar als Weiblichkeit an sich.

Ist es Zufall, dass in Deinen Filmen ausschließlich weibliche Figuren sprechen?

Als sozialisierte Frau* bin ich natürlich mit bestimmten Themen und Erlebnissen konfrontiert. Es würde sich komisch anfühlen, aus der Perspektive einer anderen Erfahrungswelt zu erzählen bzw. möchte ich mir nicht anmaßen, etwas über z.B. das Leben eines Jungen* oder einer Person of Color erzählen zu können. Abgesehen davon fehlen mir diese Frauen*rollen in den meisten Filmen und Serien oder sie sind so geschrieben, dass ich mich mit ihrem Verhalten nicht identifizieren kann. Sie sind, wie du ja in deinem Blog thematisierst, oft passiv und hilflos; das entspricht nicht der Realität, die ich erlebe.

So sehr ich für die Stärkung weiblicher* Figuren stehe, sehe ich das Ganze aber auch als eine Art Übergangssituation. Mein Ideal wäre es, dass wir uns (und auch Figuren im Film) nicht als Mann* oder Frau* begegnen, sondern als Menschen.

© Lena Lauzemis

Brenda Lien © Oliver Rossol

Call of Beauty formuliert auch eine Kapitalismuskritik: Die Beauty-Queens „leiden“ darunter, dass sie die Kooperation mit Werbepartnern in ihrer Kreativität einschränkt. Sie zweifeln am Wert ihres Werks. Ist dieses Spannungsfeld – Kunst vs. Kapitalismus – etwas, das für Dich in Hinblick auf Deine berufliche Zukunft eine Rolle spielt? Wie schaust Du als angehende Filmemacherin in die Zukunft?

Die Pole Konformität vs. Individualität sind in beiden Filmen ein Thema, aber auch in meinem beruflichen Umfeld. Als Filmemacher_in merkt eines das ja ziemlich schnell: Mache ich einen komplexen Experimentalfilm, läuft er vielleicht auf zwei Filmfestivals. Mache ich jedoch einen eingängigen Kurzfilm, läuft er überall. Wenn wir also Festival-Screenings als Erfolgsskala nehmen, dann ist eines schon sehr leicht dazu bewegt, sich diesen Aspekten anzupassen.

Manchmal kommen mir Ideen, bei denen ich mich selber frage, ob das wohl funktioniert; aber gerade aus dieser ersten Irritation kommen meiner Erfahrung nach oft die interessantesten Ergebnisse. Deshalb versuche ich mir den Mut zum Experimentieren und auch dem Fehlermachen zu bewahren.

Wie können wir Regisseurinnen eine Zukunft haben, wenn verhindert wird, dass wir eine Vergangenheit aufbauen?

Wie erlebst Du das Thema Gender bzw. Sexismus in Deinem Studium?

An der HfG ist mir irgendwann aufgefallen, dass wir fast ausschließlich Filme, Texte und Kunst von Männern* im Unterricht behandeln. Selbst in unserer Bibliothek war kaum weibliches* Kulturgut zu finden. Spontan hätte ich zehn männliche* Regisseure und Filme von Männern* aufzählen können – aber keine von Frauen*. Plötzlich tat sich ein Vakuum vor mir auf: Wo waren die ganzen Regisseurinnen und Künstlerinnen? Als ich las, dass die Regisseurin des wahrscheinlich ersten fiktionalen Films (Alice Guy) konsequent aus der Filmgeschichte rausgeschrieben wurde, weil sie weiblich* war, da begriff ich, dass der Grund für die wenigen Regisseurinnen nicht ihre schlechten Arbeiten waren, sondern institutionalisierter Sexismus. Wie können wir Regisseurinnen eine Zukunft haben, wenn verhindert wird, dass wir eine Vergangenheit aufbauen?

Sturmflutkommando © Brenda Lien

Sturmflutkommando © Brenda Lien

Wenn Frauen* also keine schlechteren Filme machen, weshalb haben sie es dann in der Filmkunst und -industrie schwerer?

Es hat viel damit zu tun, wie wir gelernt haben “Qualität” einzustufen. Kompetenz und Sicherheit muss ausgestrahlt werden – aber das überstrahlt oft die tatsächliche Qualifikation. Mir und meinen weiblichen* Kommilitoninnen fällt es viel schwerer zu sagen “ich bin das, ich kann das”, während männliche* Kommilitonen bereits nach kurzer Zeit Websites haben und beträchtliche Gagen verlangen. Aber unsere Unsicherheit spiegelt nicht unsere Kompetenz wieder. Meiner Meinung nach ist es hier wichtig nicht nur zu sagen “ihr Frauen* müsst das halt mal besser rüberbringen”, sondern dass Entscheider_innen anerkennen, dass manche ihre Qualifikation nicht so sehr nach außen tragen, ihre Arbeiten aber zeigen, dass sie es können.

Was könnte konkret anders oder besser gemacht werden, um für mehr Gleichberechtigung zu sorgen?

Ich versuche immer, bei mir selber anzufangen: Worauf achte ich, wenn ich mein Filmteam zusammenstelle? Bin ich in meinen Zuschreibungen sexistisch? Traue ich womöglich meinen männlichen* Kommilitonen (technisch) mehr zu, als den weiblichen*? Wer bekommt bei mir welche Position? Bei Call of Beauty habe ich mir zum Ziel gesetzt, ein reines Frauen*team zusammenzustellen. Ich glaube, wir Filmemacherinnen können uns gegenseitig sehr gut pushen, indem wir uns (gute) Positionen im Filmteam verschaffen und vor allem uns gegenseitig vertrauen!

©

© Hyeseon Jeong

Du bist Mitbegründerin des Gleichstellungsreferats Deiner Hochschule. Wie kam es dazu?

Das Gleichstellungsreferat habe ich letzten Sommer mit meiner Kommilitonin Lena Reidt (die auch bei Call of Beauty Kamera gemacht hat) gegründet. Uns ist aufgefallen, dass selbst in einem vermeintlich frei denkenden, kreativen Umfeld einer Kunsthochschule diskriminierende Strukturen existieren. Dies äußert sich beispielsweise im ungleichen Verhältnis von weiblichen* und männlichen* Professuren, aber auch in der fehlenden Barrierefreiheit oder der erschwerten Vereinbarkeit von Studium bzw. Beruf und Familie. Sexistische oder rassistische Tendenzen und sexuelle Belästigung werden als solche nicht ausreichend thematisiert und beeinträchtigen das Arbeitsumfeld.

Wir wollen die HfG zu einem Ort machen, an dem sich alle wohlfühlen und kreativ arbeiten können, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung etc. Daher ist es uns wichtig, Leute für diese Themen zu sensibilisieren.

Deshalb auch der Awareness-Preis?

Ja, auch damit möchten wir eine Beschäftigung mit diesen Themen fördern und mit einem Geldpreis von 2000 Euro die ideelle Relevanz unterstreichen. Wir haben uns sehr gefreut, Dich als Jury-Mitglied und als Vortragende gewinnen zu können. Nach deinem Vortrag über den “Blockbuster-Check” gab es viele, die gesagt haben: „Wow, so habe ich noch nicht darüber nachgedacht!“ Er hat uns alle inspiriert und angeregt, anders an das Filmemachen ranzugehen oder hinsichtlich stereotyper Rollen sensiblere Drehbücher zu schreiben.

Der gekerbte Raum aus Stein gegen ein Ideal aus Glas © Lena Lauzemis

Der gekerbte Raum aus Stein gegen ein Ideal aus Glas © Josefine Berkholz/ Brenda Lien

Und noch mal ganz platt gefragt: Quote – ja oder nein?

Die (Regie-) Quote ist meiner Meinung nach ein wichtiges und hilfreiches Mittel, um institutionalisierte, sexistische Strukturen aufzubrechen – da uns die letzten Jahrzehnte zeigten, dass sie sich offensichtlich nicht von selbst auflösen.

Von der vermeintlich disqualifizierenden Beleidigung „du bist ja nur eine Quotenfrau*“ sollten wir Frauen* uns aber nicht unterkriegen lassen. Das ist auch eine Taktik: Uns wird oft eingeredet, wir hätten etwas nur auf Grund unseres Geschlechts erreicht und nicht wegen der Qualität unserer Arbeit. Da schleicht sich dann ein unwohles Gefühl ein, dass frau zu viel verlangt oder es nicht verdient hätte.

Eine Quote fördert Qualität.

Hat denn die Quote Deiner Meinung nach Einfluss auf die Qualität?

Manche denken, die Quote fördere, dass das Geschlecht stärker ins Gewicht falle als die Qualität der Arbeit. Ich denke aber, dass es genau umgekehrt ist, dass gerade in den jetzigen Strukturen das Geschlecht die Bewertung zu stark beeinflusst. Eine Quote fordert ja auch dazu heraus, sich nicht nur auf die geringe Zahl der Bewerberinnen zu berufen, sondern darüber hinaus nach qualifizierten Frauen* zu suchen. Sie bringt uns vor allem dazu, nicht nur die Lautesten zu engagieren, sondern die Geeignetsten, Besten – die (Regie-) Quote fördert damit auch Qualität.

Da kann ich nur sagen: Gut gebrüllt! Brendas Arbeit könnte ihr übrigens über ihre Webseite, ihre Facebook-Seite oder ihren YouTube-Kanal verfolgen.

It's only fair to share...Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Flattr the authorEmail this to someone