Gut Gebrüllt beim IFFF 2016: Ana Cristina Barragán

© Ana Cristina Barragán

© Ana Cristina Barragán

„Ana Cristina Barragán zeichnet das intime Porträt eines Mädchens, das auf der Schwelle des Erwachsenwerdens mit dem Wunsch dazuzugehören kämpft und dem Preis, den es dafür zu zahlen gilt. Dank der kinematographischen Wucht wie auch der Zartheit bedarf es keiner erklärenden Dialoge, damit der Film unter die Haut geht. Vom ersten Moment an sehen wir die Welt radikal nur durch die Augen dieses ernsten Mädchens, wunderbar verkörpert von der jungen Macarena Arias. Barragán erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte, die weit über sich selbst hinausgeht und zu einem starken Ausdruck von Liebe wird.“

So begründete die Jury des Internationalen Frauenfilmfestivals Dortmund/Köln 2016 ihre Entscheidung, der ecuadorianischen Regisseurin Ana Cristina Barragán den mit stolzen 10.000 Euro dotierten Hauptpreis zu verleihen. Grund genug für mich, mit Ana Cristina über ihre Arbeit und die Situation von Filmemacherinnen in Ecuador zu sprechen.

Filmlöwin: Du arbeitest mit einem sehr starken Fokus auf Deiner Hauptfigur. Die Kamera ist so nah an ihr dran, dass wir den Spielort oft nur erahnen können. Warum hast Du Dich für diese Perspektive entschieden?

Ana Cristina: Das ist eine Entscheidung, die während des Drehs gefallen ist und die sich dann im Schnittprozess als richtig erwiesen hat. Es gab auch anderes Material, das wir dann einfach nicht verwendet haben. Diese Entscheidung haben wir auch auf der Grundlage dessen getroffen, was Alba, also Macarena Arias, uns gegeben hat. Ich wollte immer sehr nah an ihrem Gesicht sein, nicht nur aus formalen Gründen, sondern weil es sich richtig angefühlt hat. Die distanzierten Shots waren nahezu eine Verschwendung.

© Caleidoscopio Cine

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Wie hast Du mit Macarena gearbeitet? Hatte sie Schauspielerfahrung?

Nein, sie hat vorher noch nie geschauspielert. Wir haben ein sehr großes Casting mit 600 Mädchen gemacht, um sie zu finden. Und dann haben wir zwei, drei Monate mit ihr geprobt. Es ging vor allem um Sensibilisierung, denn sie ist zwar sehr klug, aber hatte auch Probleme ihre Emotionen wahrzunehmen, wenn die Kamera lief.

Wie sahen diese Proben mit Macarena aus, also wie seid ihr vorgegangen?

Unsere Aufgabe war es, Macarena dabei zu helfen ihre Gefühle bewusst wahrzunehmen. Wir haben uns beispielsweise darüber unterhalten, wie sich die Emotion Wut anfühlt, welche Farbe sie haben könnte und Macarena hat diese Emotion dann gemalt. Oder sie hat mit verbundenen Augen gegessen, um ihre Sinne zu schärfen. Als wir dann zu drehen begannen, konnte sie ihren Part wirklich fühlen. Es war beeindruckend wie stark der Unterschied zum Anfang war.

© Caleidoscopio Cine

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Hattest Du Erfahrung mit Kinderdarsteller_innen oder gab es am Set einen Fachmenschen, der mit Macarena geprobt hat?

Ich habe schon in meinen Kurzfilmen mit Mädchen von etwa 11 Jahren gearbeitet. Ich hatte also Erfahrung. Eine Person für die Vorbereitung Macarenas hatte ich nicht. Ich will nicht, dass das jemand anderes macht, weil das für mich zum Regieführen dazugehört. Und ich will meine Fähigkeiten in dieser Hinsicht für meinen nächsten Film auch unbedingt ausbauen, mehr darüber lernen wie man Schauspieler_innen anleitet.

Hast Du selbst schon mal vor der Kamera gestanden?

Ich bin keine Schauspielerin, habe aber in einem Film mitgespielt, der demnächst rauskommt. Ich musste sehr viel proben und habe dabei viel darüber gelernt, wie sich Schauspieler_innen fühlen, welche Regieanweisungen hilfreich sind und welche nicht.

Ich hatte den Eindruck, dass „Klasse“ eine wichtige Rolle in Deinem Film spielt. Ist dieses Thema in Ecuador sehr präsent?

Es gibt viele Filme, die sich damit auseinandersetzen, aber auf eine andere Art und Weise. Mein Film ist ein Film über Innenwelten. Der Hauptgrund, warum Alba abgelehnt wird oder warum ihr Vater so seltsam erscheint, liegt in ihrer Persönlichkeit nicht in ihrer Schichtzugehörigkeit. Alba ist sehr schüchtern, ein bisschen anders als die anderen und macht einen sehr schmerzhaften Prozess durch. Das Thema der Gesellschaftsschicht ist natürlich auch da, aber es steht nicht im Mittelpunkt.

Ein anderes Thema Deines Films ist Identität. Hängt das nicht auch mit der Frage der Schichtzugehörigkeit zusammen?

Ja, Identität ist ein ganz wichtiges Thema des Films, aber nicht unbedingt hinsichtlich Albas Schichtzugehörigkeit, sondern allgemein hinsichtlich der Akzeptanz ihrer selbst und ihrer Herkunft. Sie muss akzeptieren, dass sie anders ist und andere Dinge will. Am Anfang fühlt sie sich anders, aber sie wehrt sich dagegen. Sie schämt sich für sich und ihren Vater. Aber am Ende akzeptiert sie, wer sie ist. Sie erkennt das Anderssein als etwas Wertvolles.

© Guido Schiefer

© Guido Schiefer

Wie ist es denn um die Situation von Filmemacherinnen in Ecuador bestellt? Gibt es da einen Unterschied zwischen Frauen* und Männern*?

Ich glaube, Ecuador unterscheidet sich da nicht von anderen Ländern. Was den Unterschied zwischen Männern und Frauen angeht, ist es wohl ähnlich wie z.B. in Deutschland. Aber es ist generell schwierig in Ecuador Filme zu machen, weil es so wenige Fördermöglichkeiten gibt.

Was sind denn in dieser Hinsicht Deine Erfahrung als Filmemacherin?

Natürlich sind die Männer, mit denen ich gearbeitet habe nette Menschen, die nichts gegen Frauen haben, aber der Machismo ist immer ein bisschen da, wenn auch sehr subtil. Das betrifft auch Frauen! Ich habe das Gefühl, dass du als Regisseurin stärker sein musst, Dich in Deiner Führungsrolle mehr beweisen musst als ein Mann. Ein Mann mag denselben Charakter haben, aber hat weniger Probleme als Anführer akzeptiert zu werden.

Meinst Du, das kann und wird sich ändern?

Ich glaube, dass diese Veränderung sehr schwierig ist. Vielleicht habe ich es bei meinem zweiten Film leichter, weil die Filmindustrie und die Männer, mit denen ich gearbeitet habe, Alba als einen erfolgreichen Film sehen. Aber es wird immer schwierig sein. Wir alle, Männer wie Frauen, müssen daran arbeiten den Status Quo zu ändern. Das ist schwierig, aber notwendig.

Aber möglich?

Ja, ich glaube, dass es möglich ist. Aber es ist harte Arbeit und braucht viel Zeit.

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