GUT GEBRÜLLT beim IFFF 2016: Elite Zexer

Sufat Chol (Sand Storm), ein in der Gesellschaft der südisraelischen Beduin_innen angesiedeltes Drama über das Spannungsfeld zwischen Emanzipation und Tradition, gehörte dieses Jahr zu meinen Lieblingsfilmen der Berlinale. Umso mehr freute ich mich, als ich beim Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund/Köln Gelegenheit hatte, Regisseurin Elite Zexer kennenzulernen und mit ihr über den Film, aber auch das Thema Tradition und die Situation der Filmfrauen* in Israel zu sprechen.

© United King Films

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Filmlöwin: Wie kamst Du zu der Geschichte und dem Setting von Sand Storm?

Elite: Meine Mutter ist unter anderem Fotografin. Sie hat eine Ausstellung mit Bildern von Beduininnen gemacht und hat mich eingeladen, mit ihr zusammenzuarbeiten. Sie hat im Zuge dieser Arbeit viele Freundschaften geschlossen und ich wurde Teil dieses „Familienprojekts“. In meiner Zeit vor Ort hatte ich dann ein intensives, emotionales Erlebnis, an das die Geschichte des 18 jährigen Mädchens in meinem Film angelehnt ist.

Musstest Du für den Film viel recherchieren?

Ich bin immer wieder dort hingereist, aber ich sehe das eigentlich nicht als Recherche. Ich habe Zeit mit Freund_innen verbracht und sie besser kennengelernt. Erst fünf Jahre, nachdem ich den Beduin_innen zum ersten Mal begegnet bin, habe ich mit dem Schreiben angefangen.

Ist die Geschichte von Sand Storm ein Produkt verschiedener wahrer Geschichten, die Du gehört hast?

Ja, eine Kombination aus verschiedenen wahren Geschichten, verschiedenen Menschen und anderen Inspirationsquellen.

© United King Films

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Sind die Schauspieler Beduin_innen?

Ich konnte nicht mit Beduininnen drehen, weil sie sehr traditionell sind. Deshalb sind alle Frauen im Film, auch die Kinder, Araberinnen. Der Hauptdarsteller ist ein Fotograf von Al Jazeera. Es gibt aber einige Nebenrollen, die mit Beduinen besetzt sind und viele der Komparsen sind ebenfalls Beduinen.

Hast Du den Film vor Ort gezeigt?

Der Film ist ja erst seit drei Monaten im Umlauf. Bislang wurde er in Israel noch gar nicht gezeigt. Aber die Beduin_innen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, haben ihn gesehen, weil ich sicher gehen wollte, keine groben Fehler zu machen.

Hast Du vor den Film dort zu zeigen?

Natürlich!

Wie war es für die Schauspieler_innen in diese für sie fremde Kultur einzutauchen?

Ich glaube, sie waren sehr froh darüber, diesen Teil Israels kennenzulernen. Viele Israelis kennen ihn nämlich gar nicht. Es war faszinierend für sie, dort zu sein. Auch die Sprache ist ein bisschen anders. Es ist zwar Arabisch, aber ein anderer Dialekt, den sie erst lernen mussten.

© Vered Adir

© Vered Adir

Das heißt, am Set waren Menschen mit sehr unterschiedlichem kulturellen Hintergrund: jüdisch, arabisch und die Beduin_innen.

Genau. Alle am selben Set.

Und wie war das?

Unglaublich. Wir waren wirklich wie eine große, glückliche Familie und es war völlig egal, wer von wo kam. Wir waren ja alle für dieselbe Sache dort.

In Deinem Film geht es ja auch um eine bestimmten kulturellen Hintergrund bzw. Traditionen und darum, wie schwer es ist, sich davon zu lösen.

Ja, es war mir sehr wichtig, die Bedeutung der Familie zu vermitteln. Die Familie sagt dir nicht nur, wie du zu leben hast, sondern sie umgibt Dich auch mit Liebe und Sicherheit. Davon willst du ein Teil sein und es ist sehr schwer, sich von etwas zu lösen, das für dein Leben eine so große Bedeutung hat. Deshalb ist es auch sehr schwer eine Entscheidung gegen die Familie zu treffen.

Hast Du das Gefühl, dass sich die Kultur und Tradition der Beduin_innen gerade verändert?

Ich glaube, sie öffnen sich mehr und mehr der modernen Gesellschaft. Sie versuchen herauszufinden, wie sie sich für die guten Dinge öffnen können, die von außen kommen, ohne das zu verlieren, was sie lieben. Das ist schwierig und braucht Zeit. Aber sie wissen, dass sie sich damit auseinandersetzen müssen und tun es auch.

© United King Films

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Die Schwierigkeit, Traditionen zu bewahren und sich gleichzeitig für die „Zukunft“ zu öffnen, besteht ja im Grunde in jeder Kultur und Gesellschaft.

Natürlich. In meinem Film gibt es viele universelle Themen und es gibt vieles, mit dem wir uns identifizieren können, wenn auch vielleicht nicht in diesem Extrem wie es im Film passiert. Zum Beispiel kommt es wie im Film auch bei uns vor, dass Familien zerbrechen, weil der Ehemann eine jüngere Frau trifft und sich die Kinder plötzlich zwischen Vater und Mutter entscheiden müssen!

Glaubst Du, dass uns Filme etwas über die Welt beibringen können?

Wenn Du einen Film machen willst, um etwas zu bewirken, wird er auch genauso aussehen. Ich glaube nicht an „Botschaftskino“. Ich glaube, wenn die Geschichte stark genug ist und funktioniert, wird sie eine Botschaft vermitteln. Aber wenn du einen Film machst, um ein Statement abzugeben, wird das Ergebnis auch wie ein Statement aussehen und nicht wie ein Film.

© Elite Zexer

© Elite Zexer

Wie ist es, als Frau in Israel Filme zu machen?

Es ist viel besser als früher. Vor Sand Storm habe ich einen Kurzfilm über dasselbe Thema gemacht und in dem Jahr, in dem dieser Film entstand, gab es keinen einzigen Spielfilm von einer Frau in Israel. Heute aber macht die Arbeit von Regisseurinnen etwa ein Drittel der israelischen Filme aus.

Kommen diese Filme auch ins Kino?

Sie kommen genauso häufig ins Kino wie die von Regisseuren. Und sie laufen auf Festivals und gewinnen Preise. Aber wir sind noch nicht bei 50%, also liegt noch ein bisschen Weg vor uns.

Hast Du eine Erklärung dafür, wie es zu dieser Veränderung kam?

Ich glaube, da kommt Verschiedenes zusammen. Das eine ist, dass wir ein Jahr hatten, in dem viele Filme von Frauen sehr erfolgreich waren. Das hat der Sache natürlich gut getan. Außerdem haben wir eine Vereinigung von Filmemacherinnen gegründet und angefangen, uns gegenseitig zu unterstützen.

Glaubst Du, dass Israel eine 50/50-Quote in der Film- und Fernsehregie erreichen wird?

Wir haben wirklich so viele gute Filmemacherinnen in Israel. Ich habe dieses Jahr in Sundance gewonnen, eine Freundin von mir hatte ihren Film in San Sebastián und Warschau, andere Filme waren in Venedig und Toronto. Vor einem Jahr hat Talya Lavie mit Zero Motivation in Tribeca gewonnen. Ihr Film hat in Israel mehr eingespielt als jeder andere in den vergangenen zehn Jahren. Es zeigt sich also, was Frauen können. Ich weiß nicht, wann wir bei einer 50% Quote ankommen, aber ich glaube dass wir auf einem guten Weg sind.

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