Gegen das Tabu – Pro Quote Akademie zur Lohngerechtigkeit

Am 19. Januar 2017 lud Pro Quote Regie zur einer Fachtagung mit dem Thema Lohngerechtigkeit in der Filmbranche – ein Anlass, zu dem die FILMLÖWIN natürlich nicht fehlen durfte. Zwar beschäftige ich mich auf diesem Blog vornehmlich mit Inhalten und weniger mit Finanzen, jedoch sind Inhalte immer auch maßgeblich davon abhängig, wer einen Film macht und finanziert.

Manuela Schwesig © Filmlöwin

„Es muss auch hinter den Kulissen kritisch zugehen“

Eine Studie vom Die Filmschaffenden e.V. ergab, dass 48% der filmschaffenden Frauen* nicht von ihrem Beruf leben können und 56% schon jetzt wissen, dass ihre Rente sie in die Altersarmut führen wird. Wenn das noch keinen Handlungsbedarf rechtfertigt, dann vielleicht Folgendes: Die deutsche Filmproduktion ist mehrheitlich von Fördergeldern abhängig. Allerdings gehen nur 15% dieser Gelder an Produktionen mit weiblicher* Regie, was in Anbetracht einer Absolventinnenquote an den Hochschulen von fast 50% nichts anderes als schockierend ist. Denn – und das müssen wir immer im Hinterkopf behalten – wir sprechen hier von öffentlichen Mitteln. Wie Kirsten Niehuus vom Medienboard Berlin-Brandenburg erzählte, kommt zudem kaum ein Kinofilm ohne die Beteiligung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens aus, das sich – wie der Name schon verrät – ebenfalls mit öffentlichen Geldern finanziert.

Bundesministerin Manuela Schwesig, und ich oute mich hiermit als großer Fan dieser Frau*, führte mit einer kleinen Rede in die Veranstaltung ein, in der sie sympathischer Weise den Begriff „Frauen*quote“ mit dem deeskalativen Wort „Geschlechterquote“ ersetzte. Weniger diplomatisch allerdings ging sie mit dem Status Quo ins Gericht. Dass Kunst Gesellschaftskritik übe reiche nicht. „Es muss auch hinter den Kulissen kritisch zugehen“, proklamierte sie und forderte (womit sie endgültig mein Herz gewann) mehr weibliche* Perspektiven und weniger stereotype Geschlechterbilder im Film zuzulassen.

„Es geht uns alle an“

Über den Handlungsbedarf waren sich alle Anwesenden einig, was – wie Henrike von Platen, Initiatorin vom Bündnis Fair Pay, zu bedenken gab – bereits eine Errungenschaft darstellt. Tatsächlich wurde bei der Veranstaltung zu keinem Zeitpunkt über die Notwendigkeit einer Quote oder Frauen*förderung diskutiert, sondern ausschließlich über den Weg zum gemeinsamen Ziel.

Besonders erfreute mich die rege Beteiligung verschiedener Männer*. „Es geht uns alle an“, postulierte Schauspieler Hans-Werner Meyer, Stellvertretender Vorsitzender des Bundesverband Schauspiel. Lohngerechtigkeit bedeute im Grunde Familiengerechtigkeit, erklärte er und ersetzte damit ein weiteres Reizwort durch einen umfassenderen und weniger polemischen Begriff. Wenn Frauen* nämlich gleich bezahlt würden, könnten Männer* mehr Zeit mit der Familie verbringen, weil ihr höheres Gehalt in der familiären Budgetaufstellung sie nicht mehr automatisch auch zu mehr Erwerbsarbeit verpflichte. Dabei stellte auch Meyer einen direkten Bezug zwischen sexistischen Strukturen in der Berufswelt und medialen Inhalten her. „Es hängt auch mit den Geschichten zusammen, die wir erzählen“, sagte er und leitete daraus den Anspruch an die Filmförderung ab, auf der inhaltlichen Ebene auch auf Rollenbilder zu achten. Mit antiquierten Rollenbildern nämlich, argumentierte er, könne eine Geschichte gar nicht spannend sein – eine Position, der ich nur lauthals beipflichten kann.

Wie nun aber vorgehen? Henrike von Platen erinnerte im Laufe der Veranstaltung immer wieder daran, dass auch die kleinste Anstrengung am Ende große Wirkung entfalten könne. So ginge es bei den Quoten-Diskussionen nicht nur um den unmittelbaren Effekt eine Mehrbeschäftigung von Frauen*, sondern vor allem auch um die Initiation eines Diskurses. Darüber hinaus könne beim Thema fairer Bezahlung jeder einmal das eigene Konsumverhalten, den 5€-Haarschnitt oder den Discounter-Einkauf überdenken. Kurzum: Fangen wir doch alle bei uns selbst an!

Ringelpiez mit dem Schuldschuh

Die wohl undankbarste Position hatte an diesem Tag Claudia Tronnier vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF inne. Nicht nur, dass sie kurzfristig für eine kranke Kollegin hatte einspringen müssen, sie musste sich auch zu den Diskriminierungsvorwürfen Birte Meiers äußern und die mehr als nur lächerlichen Quotenbemühungen ihres Arbeitgebers vertreten. Was die Frontal 21-Reporterin Birte Meier angeht, schien Frau Tronnier übrigens deutlich souveräner. Hier sei der Fehler begangen worden, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, nicht auf männliche* Kollegen mit vergleichbaren Beschäftigungsverhältnissen zu schauen, sondern auf Festangestellte mit mehr Berufserfahrung. Diese Erklärung wurde von den Zuhörenden noch recht freundlich aufgenommen. Dass das ZDF aber plane, seine Frauen*quote in der Regie jährlich um einen ganzen Prozentpunkt anzuheben, sorgte dann nur noch für Lacher. Dabei – und das machte die Gesamtsituation irgendwie tragisch – hat Claudia Tronnier in ihrem Ressort eine Vorbildfunktion inne, denn das Kleine Fernsehspiel kann sich bereits mit einem Regie-Geschlechtergleichgewicht brüsten.

Frau Tronnier ist also nicht Schuld am Schlamassel. Aber wer denn dann? Fortan wurde die Verantwortung brav von einer zur nächsten gereicht. Ist doch klar: Niemand möchte Schuld am Status Quo sein. RBB-Intendantin Patricia Schlesinger verwies darauf, dass es nur natürlich sei, bei Projektplanungen erst einmal bekannte Gesichter anzusprechen, die eben in der Regel Männer* seien. Es brauche sowohl eine bewusstere Suche nach Regisseurinnen als auch eine bessere Vernetzung, um in den verschiedenen Gewerken direkt auf Frauen* zugehen zu können. Eine Quote sei dabei definitiv „eine Krücke“, aber eine notwendig, ohne die es aktuell einfach nicht ginge.

Wer aber soll nun diese Quote wo durchsetzen? Allein in den Vergabegremien reiche eine paritätische Besetzung nicht aus, erklärte Tabea Rößner vom Bündnis 90/ Die Grünen, da Frauen* nicht immer automatisch Frauen* fördern würden. Wo aber taugt die Quote dann? Dr. Jan Ole Püschel vom Bundesministerium für Medien und Kultur gab zu bedenken, dass Frauen* deutlich weniger Gelder beantragten. Und auch Kirsten Niehuus wollte sich den Schuldschuh nicht so recht anziehen. Kinofilme würden meist als fertiges Paket vorgelegt. Ihr Einfluss beschränke sich also auf die Frage, wer produziere, nicht aber, wer Regie führe.

Wohl aber könne doch verhindert werden, so Jörg Langer vom Die Filmschaffenden e.V., dass Projekte mit untertariflicher Entlohnung gefördert würden. Aber auch diesen Schuh ließ sich Frau Niehuus nicht aufschwatzen. Würde sie ausschließlich Projekte mit übertariflichen Löhnen fördern, wären die meisten Arthaus-Produktionen von vornherein ausgeschlossen und das Geld flösse nur noch in große Projekte mit erheblichem Mainstream-Appeal. Tabea Rößner unterstützte das Argument, indem sie zu bedenken gab, dass so manche Filmschaffenden gerne untertariflich arbeiteten, um ein Herzensprojekt zu verwirklichen.

Wie so oft im Leben, gibt es also auch in dieser Diskussion kein Schwarz oder Weiß, sondern nur eine elendig komplexe Grauzone, der Herrin zu werden weit mehr Zeit braucht als nur diesen einen Vormittag.

Schluss mit dem Tabu – Reden hilft!

Die große Stärke der Veranstaltung von Pro Quote Regie waren die an die Mittagspause angeschlossenen Workshops. Somit blieb die Tagung nämlich nicht im Benennen von Problemen und dem Herumreichen des unliebsamen Schuldschuhs stecken, sondern widmete sich auch praktikablen Lösungsansätzen. Als sich die beiden Arbeitsgruppen zu den Themen Kino und Fernsehen am Ende der Veranstaltung wieder zusammenfanden, wurde eine beträchtliche Schnittmenge offenbar. Es scheint keine große Rolle zu spielen, von welchem Mediensegment wir sprechen. Die Lösungen sind überall gleich und ich wage zu behaupten, dass sich dies noch auf weit mehr Berufsfelder als nur die Film- und Fernsehregie bezieht.

Transparenz und Tabubruch – das sind die beiden wichtigsten Werkzeuge zu mehr Lohngerechtigkeit. Wir müssen anfangen miteinander über Geld zu sprechen. Es darf kein No-Go mehr sein, unsere Kolleg_innen nach ihrem Gehalt zu fragen oder bei Arbeitgeber_innen eine transparente Lohnpolitik einzufordern. In dieser Hinsicht hat das Bundeskabinett mit dem Gesetz zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen am 11. Januar 2017 bereits einen wichtigen Schritt getan.

Weitere wichtige Bausteine sind das Verbandsklagerecht, dass die einzelne Klägerin aus der Schusslinie nimmt, und die Familienfreundlichkeit von Filmproduktionen, beispielsweise durch eine Kinderbetreuung am Set oder kürzere Drehtage.

Wie Henrike von Platen aber schon zu Beginn der Veranstaltung betonte, müssen wir vor allem bei uns selbst anfangen, wenn wir wirklich etwas verändern wollen. Solidarität ist dabei das große Schlüsselwort. „Zusammen sind wir stark“, klingt so schrecklich pathetisch, ist aber eine zeitlose Lebensweisheit. Die EMMA hat mit ihrer paradoxen Hetze gegen Hetzfeministinnen diese Woche eindrucksvoll gezeigt, wie es NICHT geht. Wenn wir uns zuhören, anstatt uns anzugreifen, werden wir mehr lernen. Wenn wir einander fördern, erreichen wir deutlich mehr als mit ausgefahrenen Ellenbogen. Und wenn wir uns auf unser gemeinsames Anliegen konzentrieren und weniger auf unsere unterschiedlichen Strategien, kommen wir alle schneller ans Ziel.

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