Gastlöwin: I Am Not A Witch

Ein Text von Gast-Löwin Franziska Tretter

Es gibt immer noch Länder, in denen Hexenkraft als etwas Reales begriffen wird. Fernab von jeglicher Harry Potter- oder Mittelerde-Romantik gibt es also immer noch Orte auf der Welt, an denen Frauen* oder – wie im Falle von Rungano Nyonis Spielfilm – sogar Kinder als Hexen beschimpft werden. In I Am Not A Witch wird die neunjährige Shula (Maggie Mulubwa) wegen einer Nichtigkeit der Hexerei bezichtigt, innerhalb kürzester Zeit für schuldig befunden, verbannt und in ein Hexenlager in der Wüste geschickt. Dort gelten strenge Regeln und sie muss sich einem Ritual unterziehen um die Regeln des Hexenlebens zu verinnerlichen. Zu diesen Regeln gehört ein weißes Band, mit dem Shula – wie auch die anderen „Hexen“ –  fortan an einem großen Baum festgebunden wird. Nun ist sie verflucht, glaubt das Mädchen. Und wenn sie jemals das Band durchtrenne, werde sie zur Ziege.

© Clandestine Pictures

Die Ausgestoßenen der Gemeinschaft

Auch wenn der Filmtitel dies vielleicht andeuten mag, so richtig leugnet Shula ihre Hexenkraft nie. Sie schweigt, schaut, lernt und passt sich an. Und gerade hier wird der Film interessant. I Am Not A Witch ist von einer unterschwelligen Gesellschaftskritik durchzogen. Menschen be- und verurteilen andere Menschen leichtfertig, die Polizei schaut zu, die Regierung macht sogar noch ein Geschäft dabei und die Ausgestoßenen fügen sich irgendwann ihrem Schicksal. Die als Hexen deklarierten Personen haben alle etwas gemeinsam: Es sind Frauen*, Alte und Kinder. Alle drei Personengruppen haben in vielen Ländern der Erde nicht die gleichen Rechte wie der Rest der Gesellschaft. Sie sind von Diskriminierung und/oder Marginalisierung betroffen und infolgedessen weniger sichtbar. In einer der eindringlichsten Szenen des Films, kommt eine Gruppe Tourist_innen, um sich die „Hexen“ aus der Nähe anzuschauen. Shula sitzt in einem überdimensionalen Holzkopf und wird von einer Touristin, die Shulas missliche Lage nicht erkennt, dazu aufgefordert doch einmal zu lächeln und ein Foto mit ihr zu machen – DAS Paradebeispiel eines Spruchs, den Frauen* auch in unserer Gesellschaft oft hören. Diese Szene zeigt auch, wie erschreckend wenig Solidarität es unter den Frauen gibt und es macht fassungslos, wie die Regierung das Treiben unterstützt. Mr. Banda (Henry B.J .Phiri), ein korrupter Regierungsbeamter, setzt die Hexen als Gerichtsbarkeit ein und kassiert dafür sogar eine Belohnung. Gibt es eine Straftat und mehrere Verdächtige, dann muss die Hexe den Schuldigen finden. Liegt sie richtig, bekommt sie Geschenke, die sie mit der Hexengemeinschaft teilt; liegt sie falsch, könnte das im schlimmsten Fall ihren Tod bedeuten.

© Clandestine Pictures

Satire oder Ernst?

In Filmkritiken zu dem Film habe ich schon mehrfach das Wort „Satire“ gelesen. Ich kann diese Lesart zwar nachvollziehen, weil es aus europäischer Sicht “lachhaft” ist, wie für uns sinnlos erscheinende Anschuldigungen mit einem Leben in Verbannung enden. Für mich ist I Am Not A Witch allerdings eher ein Drama, denn Shulas Weg ist einer vom Regen in die Traufe. Jeder Hoffnungsschimmer bleibt genau das – nur ein Schimmer. Die Situation verbessert sich nicht grundlegend für Shula. Das Gegenteil ist der Fall. Der Umgang der Gesellschaft mit Shula ist ebenso verstörend wie das durchorganisierte System des Hexenlagers, das insbesondere durch seinen Realitätsbezug erschreckt. Nichtregierungsorganisationen schätzen die Zahl der in sogenannte „Hexenlager“ deportierten Frauen* auf ca. 3000. Die Regisseurin nahm sich allerdings einige künstlerische Freiheiten heraus um „ihr“ Hexenlager auf die Leinwand zu bringen. Die weißen Bänder, welche von den Hexen getragen werden müssen, sind ihre Erfindung – eine fantastische Idee, um die Verbannung und das Gefangensein in ein Bild zu übersetzen. Im letzten Drittel wird der Film, der sich nun auf den immer gleichen Tagesablauf der Hexen im Camp konzentriert, leider etwas eintönig. Diese Eintönigkeit des Hexenleben-Alltags mündet aber in ein schockierendes Finale, das die vorhergehende, träge Ereignislosigkeit wieder etwas relativiert. Als Erstlingsfilm liefert Rungano Nyoni eine fantastische Leistung ab, nicht zuletzt auch wegen ihrer starken Besetzung, die nahezu vollständig aus Laiendarsteller_innen bestand.

© Clandestine Pictures

Emanzipatorisch wertvoll?

Ob dieser Film emanzipatorisch wertvoll ist? Der Film zeigt Frauen*, die in unterschiedlichen  Glaubensmustern agieren, aus denen sie sich nicht befreien können. Ich habe als Zuschauerin mehrfach gehofft, dass sich eine von ihnen umentscheidet. Dass die Frau*, die Shula bei der Polizei angeschwärzt hat, ein schlechtes Gewissen bekommt. Dass eine “Hexe” ihr Band durchschneidet, vielleicht sogar Shula selbst. Oder dass Mr. Banda das von ihm begangene Unrecht als solches erkennt. Stattdessen endet der Film mit einer unbequemen Note: Es ändert sich nichts. Fast nichts. Die Hexen singen Trauerlieder.

© Franziska Tretter

Über die Gast-Löwin

Franziska Tretter teilt auf ihrem Blog adoringaudience.de schon seit fünf Jahren ihre Leidenschaft für Filme, Serien, NT-Live-Übertragungen (und britische Schauspieler) mit dem Rest der Welt. So entstanden schon über 600 Kritiken und filmpolitische Texte. Schwerpunkt ist dabei die amerikanische und europäische Film- und Serienlandschaft.

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