Gastlöwin: Heul doch!

Ein Text von Gast-Löwin Nils Pickert

„Ich geh heute ins Kino, um mal wieder so richtig schön zu heulen.“

Diesen Satz habe ich schon einige Male gehört, allerdings noch nie von einem Mann*. Sondern immer nur von Frauen*, die damit oftmals ein offenbar erwünschtes Gemeinschaftserlebnis mit ihren Freundinnen beschreiben. Mich hat diese Vorstellung immer befremdet: Mir zusammen mit anderen, um nicht zu sagen Geschlechtsgenossen, einen Film anzugucken, um dabei gemeinsam Tränen zu vergießen. Für mich ist Weinen immer ein Zeichen dafür gewesen, dass irgendetwas ganz furchtbar schief läuft. Etwas das falsch ist und ich mir zu verkneifen habe. Das Aufgabe, Überwältigung und absolute Hilflosigkeit in einer Welt bedeutet, in der ich mich als Mann* von nichts und niemanden zu überwältigen lassen habe und schon gar nicht hilflos sein darf. Kinogefühle hatten für mich sehr lange in einem engen Rahmen rund um Yippeekiyay, motherfucker! stattzufinden.

Allerdings gerät mein limitiertes Konzept von Weinen seit einiger Zeit immer wieder gehörig ins Wanken. Zum Beispiel dadurch, dass meine Lebenskomplizin insbesondere in ihrer ersten Schwangerschaft so hormongeplagt war, dass sie teilweise minutenlang darüber lachen musste, dass sie ohne jeden äußeren Grund weint. Tränenüberströmt saß sie in unserer Küche und brüllte vor Lachen. Ich fand das – um es vorsichtig zu formulieren – verwirrend.

Aber auch dadurch, dass ich mittlerweile Vater von vier Kindern bin. Meine Kinder überwältigen mich emotional immer wieder und selbst wenn ich mich dagegen wehren wollte, wäre ich dazu nicht in der Lage. Es ist ein unglaublich positives Gefühl von Überwältigung, obwohl man mir lange auf allen Ebenen eingetrichtert hat, dass ich mich auf so einen unmännlichen* Scheiß erst gar nicht einlassen soll.

Und dann ist da noch eine dritte Sache, über die ich selten rede. Ein kleines, gar nicht mal so schmutziges Geheimnis, das ich meistens für mich behalte: Ich bin ein Mitweiner – auch und gerade in Filmen und Serien. Ich werde also weniger von traurigen, aussichtslosen oder herzzerreißenden Situationen angerührt, als vielmehr von Menschen, die weinen. Nicht von allen, aber geschlechtsübergreifend und gerne auch ohne jeden Kontext. Wenn die Schauspielerin Bryce Dallas ihr Talent, auf Knopfdruck zu weinen, in einer Late Night Show unter Beweis stellt, indem sie zu einem absurden Monolog von Conan O‘Brian über Baumärkte Tränen vergießt, dann nimmt mich das ziemlich mit.

Eine ähnliche Performance ihrer Kollegin Amy Adams bei Jimmy Fallon berührt mich kein Stück.

Das sagt jedoch nichts über ihre schauspielerischen Qualitäten, sondern etwas über die Art des jeweiligen Weinens aus und wohl auch über mich. Ich kann mir mehrere Leute anschauen, die auf Kommando losheulen, und sofort sagen, wer mich berührt und wer nicht.

Die beiden alten, bärtigen Männer* – sonst niemand. Warum das so ist und wie genau das funktioniert, ist mir ein Rätsel. Warum ich ausgerechnet bei der Schauspielerin Alyson Hannigan die Fassung verliere, weiß ich nicht. Nicht bei ihrem absichtlich falschen How I Met Your Mother Comedy Weinen, sondern bei diesem Buffy, die Welt geht unter, ich werde verlassen und ich muss damit klarkommen Gesicht. Schlimm, ganz schlimm.

Anscheinend bin ich jedoch nicht der einzige mit dieser merkwürdigen Schwäche für Cry Faces. Das beim Weinen ausdrucksstarke, irgendwie bizarre Gesicht der Schauspielerin Claire Danes beschäftigt Teile ihres Publikums länger schon so sehr, dass es ein eigenes Tumblr hat.

In jüngster Zeit scheinen es aber vor allem Männer*tränen zu sein, die als aufsehenerregend empfunden werden. Ob es ganze Artikel über die großartigen weinenden Männer von This Is Us sind oder eine generelle Chartzusammenstellung von filmischen Heulszenen.

Weinenden Männern* wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Und zwar nicht nur in dem Sinne, dass es gut und höchste Zeit ist, dass auch Männer* verzweifelt weinend und überwältigt gezeigt und ihnen diese Gefühle zugestanden werden, sondern eben auch in dem, dass ihre Tränen eine höhere Wertigkeit zu haben scheinen, weil die Fallhöhe größer ist. Dass sie besonderer und kostbarer sind als die von Frauen*. „Das Stärkste, was ein Mann tun kann, ist weinen“ hat der Rapper Jay-Z gerade in einem Interview mit der New York Times gesagt und liegt damit genauso richtig wie falsch.

Einerseits ist es tatsächlich ein tabuisierter, unglaublich befreiender Akt, die Zurichtung auf stereotype Männlichkeit* herauszufordern und zu durchbrechen. Andererseits zeigt das Abfeiern der Tatsache, dass Männer* zu einer grundlegenden menschlichen Regung in der Lage sind, wie zerbrechlich, toxisch und limitiert unsere Männlichkeits*konzepte sind.

Ich für meinen Teil bin dazu übergegangen, ein mögliches Weinen nicht schon im Ansatz reflexartig zu unterdrücken. Das ist eine ganz neue, ziemlich tränenreiche Welt. Mal sehen, wohin mich das noch führt. Womöglich in einen Film featuring eine heulende Alyson Hannigan. Wenn das mal nicht wunderbar schlimm wird.

 

© Nils Pickert

Über die Gast-Löwin

Nils Pickert ist freier Autor und Journalist für diverse Medien und darf darüber hinaus für den Verein Pinkstinks Sexismus umrempeln. Er ist Turngerät von mittlerweile 4 Kindern, Exilberliner und lebt mit Lebenskomplizin und Rasselbande in der Nähe von Kiel.

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