Gastlöwin: Blind & Hässlich

Ein Text von Gast-Löwin Barbara Fickert

Eine kürzere Version des Textes erschien auf blindgaengerin.com

„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage!“

„Das Blindsein, spielen Sie das eigentlich nur?“ Als mich vor ca. zehn Jahren ein Berliner Taxifahrer mit dieser Frage irritierte, dachte ich, ich sei im falschen Film. Dabei war ich doch gerade erst auf dem Weg ins Kino, bewaffnet mit meinem weißen Langstock. Und genau das war das Problem, jedenfalls das des Taxifahrers. Diese Anekdote war für mich im doppelten Sinne eine einmalige.

Weil sich allerdings das Gerücht bis heute hartnäckig hält, man könne nur sehenden Auges Spaß im Kino haben, werde ich nicht müde, immer wieder zu betonen: Das geht auch ausschließlich hörenden Ohres! Im Idealfall mit einer Audiodeskription, die dann über die App Greta zum Download bereitgestellt ist. Beides war zu meiner Begeisterung der Fall bei Blind & Hässlich.

Oh je, schoß es mir bei dem Filmtitel durch den Kopf! Was hat sich Regisseur Tom Lass da bloß geballt für eine Filmfigur einfallen lassen? Diese Vorstellung löste in mir ein unbehagliches Gefühl aus, denn ich musste an eine verwunschene Märchenfigur denken. Aber wie bei „Dick und Doof“ verteilen sich die beiden Adjektive in Lass’ Film auf zwei paar Schultern.

Ein Bild von Naomi Achterbusch in der Rolle der Jona. Mit leicht schielendem und leerem Blick schaut sie ernst ins Leere. © Daredo Media

Die erste Eigenschaft schultert die 18-jährige Jona. Aber sie tut genau das, was mir der Taxifahrer damals unterstellt hat: Sie spielt das Blindsein nur. Nach der rechtlichen, etwas umständlich formulierten Definition ist blind, wer auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille oder Kontaktlinse nicht mehr als zwei Prozent von dem sehen kann, was ein Mensch mit normaler Sehkraft erkennt.

Die inzwischen 24-jährige Naomi Achternbusch hat es in ihrem ersten Film als Jona gleich mit einer Doppelrolle zu tun. Sie switcht zwischen Blindsein und Nichtblindsein hin und her. Und das macht sie sehr überzeugend, gefühlvoll und kein bißchen peinlich! Denn das Blindsein spielen will gelernt sein. Dazu gehört, sich nach allen Regeln der Kunst mit dem weißen Langstock zu bewegen, immerfort zu schielen und nicht doch aus Versehen auf das Handy zu linsen, statt das Gequatsche der Voice Over-Stimme abzuwarten. Viel Beherrschung bedarf es bestimmt auch, dem Reflex zu widerstehen, mit den Pupillen der Hand zu folgen, die einem vor den Augen herumfuchtelt. Und immer den Ball flach halten, nie einfach losrennen oder eine Information nutzen, die einem eigentlich verborgen bleiben müßte. Die glaubwürdige Balance zwischen Souveränität und an Grenzen stoßen, die macht’s aus!

Der Grund für Jonas Spiel ist ein ganz pragmatischer: Im Blindenwohnheim ist noch ein Zimmer frei! Irgendwo muß sie schließlich unterkommen, nachdem sie mit dem Auto ihrer Mutter von zu Hause nach Berlin abgehauen ist. Und ein WG-Zimmer zu ergattern, scheitert schon an den sehr abstrusen, aber amüsanten Bewerbungsgesprächen. Den Plan haben die beiden Kusinen Jona und Cecile gemeinsam ausgeheckt. Cecile, die bereits in dem Heim wohnt, könnte nur das Nichtblindsein spielen. Überlegungen, die Geschichte aus dieser umgekehrten, eigentlich sehr spannenden Perspektive zu erzählen, gab es anfangs tatsächlich, wurden aber wieder verworfen. Das Täuschungsmanöver wäre viel zu schnell aufgeflogen, sagte Tom Lass in einem Interview.

Neben der irrwitzig komischen, unverkrampften und doch sensiblen Art und Weise, wie hier mit dem Thema Blindsein umgegangen wird, hat der Film noch eine zweite ganz große Stärke! Die heißt Clara Schramm, war bei den Dreharbeiten 16 Jahre alt und ist blind! Als Cecile hat sie mit ihrer natürlichen Art und ihrem sonnigen Gemüt sofort mein Herz erobert. Ihr ist es zu verdanken, daß das sehende Publikum ein paar realistische Einblicke in das Leben einer blinden jungen Frau bekommt. Clara Schramm hätte von mir aus als Cecile noch viel präsenter sein können. Dass die Rollen blinder Filmfiguren auch von Menschen mit Sehbeeinträchtigung gespielt werden, ist nämlich im deutschen Kino eine ganz große Ausnahme und spontan mir fällt nur eine einzige weitere ein: Bei Die Blindgänger aus dem Jahr 2004 sind in den Hauptrollen zwei blinde, damals 13-jährige Mädchen zu sehen.

Ein Bild von Jona und Ferdi auf der Brücke. Er schaut ein wenig skeptisch zu ihr hinüber, sie blickt geradeaus. © Daredo Media

Naomi Achternbusch vor der Kamera und Jona im Film waren bei Clara bzw. Cecile also in besten und professionellen Händen. Ihre erste Bewährungsprobe, die schneller kommt als gedacht, besteht Jona mit Bravour und rettet dabei auch noch Ferdis Leben. Jona hat natürlich die Selbstmordabsicht des verzweifelten jungen Mannes auf der Mitte einer der vielen Brücken Berlins erkannt. Wie angewurzelt bleibt sie neben ihm stehen. Sie behauptet stur, ihren Weg mit Ceciles reparaturbedürftigem Blindenführhund in die Hundeschule nur mit Ferdis Hilfe fortsetzen zu können. Denn sie sei ja blind. Der junge Mann willigt erst ein, nachdem Jona ihm beteuert, ihn nicht einmal ein bißchen sehen zu können. Ferdi hält sich nämlich für hässlich und glaubt, dass aus diesem Grund alle Frauen, die er anspricht, vor ihm Reißaus nehmen. Jetzt schöpft er aus Jonas Blindsein einen Hoffnungsschimmer und Jona selbst scheint der wirre junge Mann auch nicht ganz unsympathisch zu sein.

Ferdi, gespielt von Tom Lass, ist natürlich genauso wenig hässlich, wie Jona blind ist. Das hat mir die sehr passend ausgewählte Sprecherin der Audiodeskription ins Ohr geflüstert. Ihre eher tiefere und reifer klingende Stimme hebt sich von denen der überwiegend jungen Filmfiguren sehr gut ab. So brachte sie etwas Ruhe und für mich viel Klarheit in das turbulente Geschehen.

Ich hatte früher bei dem ein oder anderen Typen den Eindruck, daß er in meiner Sehschwäche einen Vorteil für sich sah, ähnlich wie Ferdi bei Jona. Allerdings nicht, um mich zur Hundeschule zu begleiten. Ich hatte gar keinen Hund! So nach dem Motto: Bei der kann ich es ja versuchen, die kriegt ja sonst keinen ab. Die habe ich alle sofort in die Wüste geschickt, kompromisslos auf den Richtigen gewartet, und der stand eines Tages vor meiner Tür! Mit diesen unschönen Erfahrungen stehe ich bestimmt nicht alleine da. Aber ich denke, dass sich auch Frauen einem potentiellen sehbehinderten Partner mit denselben Hintergedanken nähern. Jedenfalls bin ich über Tom Lass’ Idee hocherfreut, diesen speziellen Aspekt bei der Partnersuche, wenn auch etwas abgewandelt, in einem Film aufzugreifen. Denn Jona ist nun einmal nicht blind und reagiert völlig panisch und besorgt, als Ferdi von ihrem Spiel erfährt.

Ein Bild von Clara Schramm als Cecile, die mit halb geschlossenen Augen in sich hinein lächelt. © Daredo Medie

Obwohl ich im Kino lachen mußte wie lange nicht mehr, hat mich die Geschichte besonders wegen der Filmfigur der Cecile ganz schön aufgewühlt. Der Besitzer des Clubs, in dem Ferdi und Jona gelegentlich arbeiten, scheint Cecile zunächst schöne Augen  zu machen. Sie strahlt übers ganze Gesicht, als er mit ihr tanzt und beim Baden in einem See mit ihr herumtobt. Nachdem er ausgerechnet von ihr erfährt, daß Jona gar nicht blind ist, serviert er Cecile eiskalt mit der Begründung ab, niemals etwas mit einer Blinden anzufangen. Schlimmer und verletzender geht’s nicht. So direkt hat mir das zwar keiner gesagt, aber ähnliche Verdachtsmomente hatte ich schon das ein oder andere mal. Aber Cecile macht eine gute Miene zum bösen Spiel, die mir mit den Worten „Sie lächelt tapfer“ beschrieben wurde. Ein Happy End wie für Jona und Ferdi gibt es für sie nicht!

Mit diesen leicht melancholischen Gedanken mache ich jetzt Schluss und lasse noch einmal den guten alten Shakespeare zu Wort kommen: „Menschen deuten oft nach ihrer Weise die Dinge, weit entfernt vom wahren Sinn.“

Da Screen-Reader, die Online-Texte für blinde Menschen automatisiert vorlesen, das Gender Gap beziehungsweise Sternchen als Satzzeichen vorlesen, enthält dieser Text ausnahmsweise keines dieser Zeichen.

Barbara Fickert

Über die Gast-Löwin:

Barbara Fickert hat nach ihrem Abitur in Heidelberg und Berlin Jura studiert, nach dem Abbruch ihres Studiums als Logistikerin gearbeitet und schreibt seit 2015 den Blog Blindgängerin über ihre Kinoerlebnisse als blinde Frau im Kino. Barbara ist nicht nur die vielleicht einzige blinde Filmkritikerin Deutschlands, sondern produziert mit der Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH auch selbst Audiodeskriptionen und engagiert sich für mehr und besseres Kino zum Hören.

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