Filmkritik: Wuthering Heights

Es geht stürmisch zu in diesem Film und das sollte niemanden wundern, denn immerhin heißt die Romanvorlage zu Wuthering Heights in Deutschland Sturmhöhe. Ich habe das Buch damals im Deutschunterricht gelesen. Warum, ist mir in Anbetracht der englischsprachigen Autorin Emily Bronte ein Rätsel. Aber das nur am Rande. Interessiert hat mich die Literaturverfilmung aus einem ganz anderen Grund: die Optik. Um für meine Neugier Verständnis zu wecken, drehe ich die Reihenfolge meiner Kritik heute einmal um und stelle zuerst den Trailer vor.

© Prokino

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Was man beim Ansehen des Trailers nicht erkennen kann: Regisseurin Andrea Arnold arbeitet mit dem heutzutage sehr untypischen 4:3 Format, das den Bildausschnitt extrem klein erscheinen lässt. In einer Zeit, in der wir selbst zu Hause die Möglichkeit haben, uns Kinofilme in aller Breite zu Gemüte zu führen, kann diese Vorliebe der Filmemacherin nicht ohne Wirkung bleiben. Ich persönlich fühlte mich begrenzt – am liebsten hätte ich die schwarzen Streifen an der Seite des Bildschirms wie Vorhänge zur Seite geschoben – gleichzeitig aber auch fokussiert. Der Blick wird auf das Wesentliche gerichtet und droht sich nicht in den Naturaufnahme zu verlieren. Diesen Eindruck verstärkt auch die in Venedig prämierte Kamera von Robbie Ryan, die unsere Aufmerksamkeit durch surreal wirkende Close-Ups immer wieder auf Details lenkt, die zunächst in keinem Zusammenhang zur Geschichte zu stehen scheinen und dann doch so viel Bedeutung entwickeln. Zusammen mit der wackligen Kameraführung erinnerte mich dieser Stil ein wenig an Lore. Doch Wuthering Heights ist von der freundlichen Natur und den starken Farbenspielen Cate Shortlands weit entfernt. Die Landschaft ist in ihrer Wildheit ein Spiegel der Seelen, die auf ihr herumtollen, sich in ihr verlieren und von ihren Emotionen übermannt werden. Und doch, obwohl es stürmisch, zuweilen grau und bedrohlich zugeht auf dieser Hochebene, die den Schauplatz der Geschichte bildet, konnte ich mich daran nicht satt sehen. Ach, einmal die frische Luft atmen, die ich nur erahnen kann. Den Wind durch meine Haare wehen lassen. Es ist erstaunlich wie unmittelbar dieses Setting auf den Zuschauer trotz des kleinen Bildausschnitts wirkt.

wuthering heights 2

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Das Gefühl der Begrenztheit spiegelt sich auch in der Dramaturgie in einer Art naturalistischer Determiniertheit wider. Nun kannte ich ja die Geschichte schon aus dem Deutschunterricht, doch selbst Unwissenden dürfte innerhalb kürzester Zeit klar sein, worauf dieses Drama hinausläuft. Das ist mitnichten negativ gemeint. Im Gegenteil: Es gelingt Andrea Arnold, den Fortgang der Geschichte bereits in den ersten Bildern, beispielsweise durch die schon erwähnten Nahaufnahmen, anzudeuten, sozusagen den Geist des Finales als böses Omen schon zuvor durch die Bilder schweben zu lassen. Besonders eindrucksvoll inszeniert sie die unschuldige und doch immens erotische Beziehung der jungen Protagonist_innen. In jedem Blick, in jeder Berührung spiegelt sich das Verlangen wider, dass bald von ihnen Besitz ergreifen und sie in den Ruin treiben wird.

Nun endlich komme ich dazu, ein paar Worte über die Geschichte zu verlieren. Die junge Cathy (Shannon Beer) lebt mit ihrer Familie in bodenständigen, aber nicht ärmlichen Verhältnissen im Hochmoor von Yorkshire. Eines Tages bringt ihr frommer Vater einen dunkelhäutigen Lumpenjungen mit, den er auf der Straße aufgelesen hat und nun als Teil der Familie aufziehen möchte. Heathcliff (Solomon Grave) und die wilde Cathy werden sofort enge Freund_innen, toben durch die raue Natur, wälzen sich im Dreck und errichten ihr ganz eigenes Zwei-Personen-Universum. Doch als Cathys Vater stirbt und ihr Bruder Hindley (Lee Shaw) das Zepter in die Hand nimmt, wird Heathcliff zu den anderen Angestellten in den Stall verbannt, körperlich wie seelisch misshandelt und von Cathy abgeschottet. Als diese sich dann auch noch mit dem gut situierten Nachbarn verlobt, läuft Heathcliff davon. Hin- und hergerissen zwischen Leidenschaft und Hass kehrt er Jahre später zurück (nun gespielt von James Howson), um an denen Rache zu nehmen, die ihm einst die Würde und die Liebe genommen haben.

Ich kann mich leider nicht mehr im Detail an die Romanvorlage erinnern, doch einer Sache bin ich mir sicher: Heathcliff ist ursprünglich ein einfacher Straßenjunge. Seine Hautfarbe spielt keine Rolle. In ihrer Verfilmung übersetzt Andrea Arnold den Klassenkonflikt in einen Rassenkonflikt, geht hierin aber nicht bis zur letzten Konsequenz, weshalb diese Änderung der Geschichte wenig Neues hinzufügen kann. In einem anderen Setting, beispielsweise den amerikanischen Südstaaten, hätte die Frage der „Rasse“ in Zusammenhang mit der Liebesgeschichte eine ganz neue Dimension der Geschichte eröffnet.

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Eine weitere Veränderung, die ich jedoch nur verspüre und nicht belegen kann, ist die Atmosphäre des Finales. Während Sturmhöhe mir als düstere Geschichte von Wahnsinn und Geisterheimsuchung in Erinnerung geblieben ist, findet Andrea Arnold für ihre Nacherzählung ein in meinen Augen geradezu versöhnliches Ende. Gruselig geht es selbst für mein zartes Gemüt an keiner Stelle zu, was ich nicht unbedingt bedaure. Dennoch fehlte dem Film in der zweiten Hälfte ein wenig die Dynamik.

Dies liegt vor allem an der nicht ganz schlüssigen Charakterentwicklung. Die Beziehung zwischen Cathy und Heathcliff entwickelt sich immer mehr zu einer explosiven Hassliebe, die ihr gesamtes Umfeld mit ins Elend zu ziehen droht. Doch der Übergang von der innigen Kinderfreundschaft zur krankhaften Obsession am Ende der Geschichte ist in Andrea ArnoldWuthering Heights leider sehr holprig geraten. Die intensiven Emotionen, denen sich Heathcliff schließlich ausgesetzt sieht, sind für den Zuschauer nur schwer nachvollziehbar. Schade, schließlich gibt sich die Regisseurin alle Mühe, uns für ihre Hauptfigur einzunehmen. Die gesamte Handlung erzählt sie aus Heathcliffs Perspektive: Ist er ausgeschlossen, so sind es auch wir, weshalb die Kamera wiederholt durch Türschlitze und Fenster späht. Und dennoch verliere zumindest ich am Ende den emotionalen Kontakt zum Protagonisten und somit zur Geschichte.

Wuthering Heights bleibt trotzdem empfehlenswert. Nicht nur wegen der genialen optischen Umsetzung der Geschichte, sondern auch wegen ihrer Relevanz. Cathy und Heathcliff begegnen sich im Gegensatz zu allen anderen Paaren der Geschichte auf Augenhöhe. Nur so wird ihr andauerndes Ringen miteinander möglich. Ist dies das Los der emanzipierten Frau? Die auffällig Gemeinsamkeit mit Anna Karenina (nach der Trennung von ihrem Liebsten werden beide mit tödlicher Krankheit gestraft) bestärkt mich in dieser Annahme. Jene und noch viele weitere Gedanken regt Andrea Arnolds Interpretation der im Grunde zeitlosen Geschichte von Wuthering Heights an. Deshalb ist mein Votum trotz aller Kritik: Ansehen!

VERKAUFSSTART: 14. Februar 2013

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