Filmkritik: Lore

© piffl Medien

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Mit Lore findet im November ein ganz neuer Blick auf die deutsche Nachkriegszeit seinen Weg in unsere Kinos. Während der Zweite Weltkrieg nicht nur auf den Kinoleinwänden, sondern auch in unseren Lehrplänen eine Menge Raum einnimmt, wird den Jahren nach Kriegsende allgemein eher weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Nationalsozialist_innen als Opfer darzustellen, ist eine brenzlige Angelegenheit. Die australische Regisseurin Cate Shortland wagt es dennoch und betrachtet die deutsche Nachkriegszeit aus der Sicht einer jungen Frau.

Lore (Saskia Rosendahl) lebt mit ihrer Familie im Schwarzwald. Vom Zweiten Weltkrieg bekommt sie nicht viel mit. Der Vater (Hans-Jochen Wagner) kämpft für den Führer und auch der Rest der Familie steht voll und ganz hinter der nationalsozialistischen Ideologie. Doch plötzlich ist alles anders: Ihre Mutter (Ursina Lardi) berichtet Lore vom Tod Hitlers und von einem Tag auf den anderen gehört das Mädchen nicht mehr zum privilegierten Teil der Bevölkerung, sondern wird von ihren Mitmenschen mit Misstrauen und Antipathie betrachtet. Als beide Eltern in russische Gefangenschaft geraten, tritt Lore mit ihren jüngeren Geschwistern die lange Reise nach Norddeutschland an, wo sie im Haus der Großmutter Zuflucht suchen wollen. Doch der Weg dorthin ist beschwerlich: Mit ihren 17 Jahren ist Lore kaum in der Lage, die Verantwortung für die anderen Kinder zu übernehmen. Neben dem Hunger und der Angst vor Übergriffen, ist es vor allem der Kampf mit der Wahrheit, der ihr die Kraft raubt. Ist Hitler wirklich für den Tod so vieler Menschen verantwortlich? Wem kann sie noch trauen in einer Welt, in der alles, was als Wahrheit galt, plötzlich eine Lüge sein soll?

Schon der Trailer zu Lore hatte mich neugierig auf die Ästhetik des Films gemacht. Und tatsächlich konnte mich Cate Shortland schon in den ersten Minuten allein durch ihre Darstellung vollkommen in ihren Bann ziehen. Auf der einen Seite bilden die leuchtenden Farben – insbesondere grün, blau und rot – einen krassen Kontrast zur tristen Nachkriegszeit. Zum anderen erschafft sie mit zahlreichen extremen Nahaufnahmen und dem Spiel mit der Unschärfe eine geradezu märchenhafte Atmosphäre. So wirken Lore und ihre Geschwister ein wenig wie eine „Hänsel und Gretel“-Variation. Die böse Hexe ist hierbei keine einzelne Figur, sondern wird von all jenen repräsentiert, die den Kindern auf Grund ihrer Sozialisation feindlich gegenüber treten. Ich konnte mich am Farben- und Formenspiel der Regisseurin gar nicht satt sehen. Es ist vor allem die Natur, die niemals unbarmherzig, sondern stets freundlich inszeniert wird. Der Widerspruch zwischen der ernsten und zuweilen gar furchtbaren Geschichte und der märchenhaften Ästhetik ist aber notwendig. Hätte sich Cate Shortland für einen Stil entschieden, der dem Ton ihrer Geschichte entspricht, wäre Lore für den Zuschauer schier unerträglich gewesen. So aber gleicht die positive Kraft der Bilder die große Tragik der Erzählung aus, ohne sie jedoch zu verharmlosen.

Die Oberfläche trügt nicht nur in Bezug auf Shortlands Farbenpracht, unter der sich eine Tragödie versteckt. Auch Lore selbst trägt eine Maske, unter der sie ihre Fragen und Ängste verbirgt. In einer Situation, in der gesellschaftliche Veränderung und die eigene Notlage bisherige Moralvorstellungen außer Kraft setzen, gibt es für Lore keinen Orientierungspunkt mehr. Unter ihrem verhärmten, niemals aber verzweifelten Gesichtsausdruck verbirgt sich eine erbitterte Suche nach Sinn und Wahrheit. Ihre Gefühlskälte und ihr Pragmatismus sind Ausdruck absoluter Hilflosigkeit. So ist sie auch nicht in der Lage, dem gutmütigen Thomas (Kai Malina), der sich der kleinen Familie als Beschützer anschließt, freundlich gegenüber zu treten. Trotz der offensichtlichen Anziehung, die zwischen den beiden Heranwachsenden entsteht, begegnet sie ihm stets mit Ablehnung. Ein weiterer Grund für diese Reaktion ist jedoch auch in ihrer Sozialisation zu sehen. Cate Shortland zeigt in ihrem Film, wie schwer es für die ideologisch geprägte Jugend ist, ihr Weltbild nach Kriegsende plötzlich in Frage zu stellen.

Im Grunde ist Lore nicht nur ein Film über eine Flucht, sondern auch ein Film über das Erwachsenwerden. Wir können die Geschichte auf einer symbolischen Ebene auch als einen Akt der Befreiung begreifen. Wie jeder Teenager muss auch Lore die „Regeln“ ihrer Eltern hinterfragen und ihre eigenen moralischen Vorstellungen entwickeln. Am Ende macht uns Cate Shortland genau das klar: Manchmal müssen Traditionen zerbrochen werden, um Raum für Neues zu schaffen. Diese Zerstörung des Bekannten und Vertrauten aber ist immer mit großen Schmerzen verbunden. Und diese werden in Lore nicht nur den Protagonist_innen, sondern durch deren Erleben auch den Zuschauer_innen zugemutet. Wie auch die literarische Vorlage Die dunkle Kammer von Rachel Seiffert, gibt Lore seinem Publikum kein Urteil vor. Hierdurch öffnet Cate Shortland ihren Film auch für Lesarten jenseits des Themas Nationalsozialismus. Statt den mahnenden Zeigefinger gegen Lore zu heben, die nicht imstande ist, ihre antisemitische Haltung aufzugeben, zeigt die Regisseurin paradigmatisch den inneren Konflikt der Nachfolgegeneration eines totalitären Regimes. Dabei ist es im Grunde vollkommen unerheblich, ob es um das Dritte Reich, die DDR oder einen radikal-islamischen Staat geht. Somit kann uns der Film auch dabei helfen, junge Menschen zu verstehen, die an der Ideologie von Staaten festhalten, in denen sie nur wenige Jahre ihrer Kindheit verbracht haben.

In jedem Fall hat mich Lore auf allen Ebenen begeistert und Cate Shortland ist hiermit definitiv auf die Liste der Regisseurinnen gerutscht, deren Arbeit ich zukünftig aufmerksam verfolgen werde. Ohne Zögern kann ich daher an dieser Stelle ausnahmsweise einmal eine definitive Empfehlung aussprechen. Und wartet nicht auf die DVD, denn Lore ist wahrhaftig ein KINOfilm, dessen atemberaubende Ästhetik die große Leinwand mehr als verdient hat.

KINOSTART: 1. November 2012

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