Fifty Shades of Grey – Befreite Lust

Ich habe lange überlegt, wie ich meinen Text zu Fifty Shades of Grey – Befreite Lust aufziehen soll. Der Blockbuster-Check erschien mir unpassend, denn in diese Kategorie fällt der Film meiner Meinung nach nicht. Aber Drei Gedanken zu… sind einfach zu wenige. Deshalb versuche ich es jetzt einmal mit einer ganz neuen Strategie und werde euch Schritt für Schritt anhand von Zitaten durch den ganzen Film führen. Das wird den einen oder anderen Spoiler mit sich bringen, aber wer Fifty Shades of Grey – Befreite Lust wegen des Plots guckt, ist ohnehin nicht zu retten. Und richtige Fans wiederum kennen auf Grund der Romanlektüre den komplexen Handlungsverlauf sowieso schon.

© Universal

„Alles was ich besitze gehört nun Dir“

Der dritte Teil des Fifty Shades Franchise beginnt mit der Hochzeit von Anna (Dakota Johnson) und Christian (Jamie Dornan), bei der sich die sadomasochistischen Turteltäubchen in US-amerikanischer Manier gegenseitig Ehegelübde vortragen. Angeblich, so Christian, gehöre sein unfassbar und unerklärlich großes Vermögen nun auch seiner frisch Angetrauten. Das jedoch ist vollkommener Bullshit, denn im Zuge des Films darf Anna nicht ein einziges Mal darüber entscheiden, wofür das vermeintlich gemeinsame Geld ausgegeben wird. Selbst wenn sie bei der Bank eine größere Summe abhebt, zugegebener Maßen fünf Millionen Dollar, wird ihr Gatte telefonisch kontaktiert. Mehrere Male „überrascht“ Christian sie mit Investitionen wie Häusern oder teuren Reisen, die er über ihren Kopf hinweg tätigt, über die sie aber natürlich stets in Entzückung gerät. Die angeblich romantischen Überraschungen aber kaschieren den tristen Fakt, dass Anna bei den Finanzen – wie auch in nahezu allen anderen Aspekten des gemeinsamen Lebens – kein Mitspracherecht besitzt. „Eigentlich entscheidet das meine Frau“, behauptet Christian später gegenüber seiner Architektin und räumt damit Anna großmütig das Recht ein, ihr zukünftiges Heim mitzugestalten. Ach, wie ist er doch toll, der Mr. Grey. Seufz.

„Du zeigst auch so schon genug“

Mit ihrer Hochzeit ist Annas Körper endgültig in Christians Besitz übergangen. In den Flitterwochen in Frankreich, das Anna „Land der Möpse“ tauft, verbietet Christian seiner Gattin sich ohne Bikinioberteil sonnenzubaden. Angeblich fürchtet er die Paparazzi, die seine Frau* nackt ablichten und aufs Titelblatt bannen könnten. Diese Fürsorge ist jedoch einmal mehr lediglich Deckmantel für Kontrolle, denn selbst wenn zwischen den Palmen eine Armada lüsterner Fotograf_innen lauerte, was nicht der Fall ist, dürfte Anna noch immer selbst entscheiden, ob sie sich deren Kameras ausliefern möchte.

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Und das tut sie dann auch. In einem unbeschreiblich kraftvollen emanzipatorischen Akt dreht sie sich im Schlaf versehentlich auf den Rücken und präsentiert der breiten Öffentlichkeit (Keine Paparazzi in Sicht! Zu keinem Zeitpunkt!) dreist und ungehorsam ihre obszöne Oben-Ohne-Nacktheit. Skandal! Das Fatale an der Inszenierung dieser Situation ist, dass Annas Entscheidungsfreiheit den eigenen Körper betreffend hier als etwas Außergewöhnliches und Diskussionswürdiges dargestellt wird. Aber es handelt sich nicht um einen revolutionären feministischen Akt, sondern um eine Form der Selbstbehauptung, die längst selbstverständlich sein sollte.

Die als revolutionäre Aufsässigkeit getarnte legitime Entscheidungsfreiheit zieht sich motivisch durch den ganzen Film. Wann immer Anna sich gegen die Kontrolle Christians zur Wehr setzt, wird ihr Verhalten als kesse Widerspenstigkeit inszeniert, als wäre es eine reale Option sich ganz den Wünschen und Vorstellungen eines anderen Menschen zu unterwerfen. So unter dem Motto: „Ja, ok, Du darfst entscheiden, wie ich meine Haare trage, aber dafür möchte ich Freitag eine Stunde länger weggehen dürfen.“ Und nur für den Fall, dass daran irgendein Zweifel besteht: Nein, das ist keine angemessene Kommunikation zwischen Eheleuten!

„Ich habe gelobt, Dich zu beschützen“

Die Flitterwochen finden ein jähes Ende, als Annas ehemaliger Boss und aktueller Stalker Jack (Eric Johnson) einen Brandanschlag auf Christians Bürogebäude verübt. Obwohl Jack hier eindeutig Mr. Grey attackiert, nutzt der Multimilliardär den Anschlag als Rechtfertigung seiner Kontrollsucht. Das Beharren darauf, Anna beschützen zu müssen, wirkt geradezu absurd, da sie sich zu diesem Zeitpunkt der Geschichte noch in keinerlei Gefahr befunden hat.

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„So wie es der Herr gern hat“

Mit diesem Satz präsentiert Anna ihrem Christian stolz ein selbstgekochtes Abendessen. Weil sich das für verheiratete Frauen* eben so gehört. „Daran könnte ich mich gewöhnen“, spricht der Gatte erfreut. Hier könnte ein Loriot-Sketch folgen („Das Ei ist hart!“), aber leider nimmt sich die Szene hundertprozentig ernst. Anbei: Wäre es nicht ein feine Idee, Fifty Shades mal im Stil von Loriot zu inszenieren?

Aber zurück zum Thema: Da Christian bekannter Maßen nicht an der Berufstätigkeit seiner Frau* gelegen ist, glauben wir ihm hier ausnahmsweise mal jedes Wort. Zu einem späteren Zeitpunkt wird Mr. Grey übrigens versuchen, ebenfalls Kochkünste an den Tag zu legen. Und er wird natürlich scheitern. Weil er ein Mann* ist und Männer* nicht kochen können. Ist doch klar wie beim Gourmet-Catering georderte Kloßbrühe!

„Sie wurden befördert. Und sie waren nicht einmal hier!“

Nach Hochzeit und Flitterwochen ist Anna urplötzlich und ohne jedes Bewerbungsgespräch Chef-Lektorin der Belletristik-Abteilung ihres Verlags. Angeblich hat das überhaupt nichts mit der Tatsache zu tun, dass der Verlag ihrem Ehemann* gehört. Und damit wir das auch glauben, werden uns mit dem Holzhammer in lächerlich konstruierten Szenen mehrfach Annas berufliche Fähigkeiten vor Augen geführt. Zum Beispiel, indem ein Mitarbeiter ihr in Teletubby-Wiederholungsmanier ein Lob ausspricht: „Das war gute Arbeit. Das war gute Arbeit.“ Oder wenn sie ihrem Team komplexe Anweisungen gibt, wie jene, die Schriftart eines Buchs um zwei Punkte zu vergrößern. Wer kann in Anbetracht dieser Höchstleistung noch an ihrer Kompetenz zweifeln?

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„Ich denke darüber nach.“

Anna möchte gerne im beruflichen Umfeld ihren Geburtsnamen behalten. Wie sie Christian und auch uns überzeugend darlegt, geht es ihr dabei auch um eine eigene unabhängige Identität – in Anbetracht der völligen Vereinnahmung durch Mr. Grey ein absolut nachvollziehbares Anliegen. Aber Christian sieht das natürlich anders. Um diesen Affront gegen sein Ego zu artikulieren, platzt er übrigens in Annas berufliches Meeting. Wie so ziemlich alle Grenzüberschreitungen in Fifty Shades of Grey – Befreite Lust wird aber auch diese nur kurz kommentiert und dann unter „Boys will be Boys“ abgeheftet. Statt also den Anklage-Spieß umzudrehen und Christian in die Schranken zu weisen, willigt Anna ein, über die Namensänderung nachzudenken. Und ratet mal, wie sie sich entscheidet…

„Das machen nur Prolls“

In einem emanzipatorischen Rundum-Schlag darf Anna in diesem Teil der Geschichte eine Verfolgungsjagd bestreiten. Zunächst möchte Christian sein Frauchen lieber nicht ans Steuer des geliebten Sportwagens setzen, überlegt es sich zu unser aller Freude aber anders. Natürlich ist genau das der (einzige!) Moment, in dem das Ehepaar Grey von einem anderen Auto verfolgt wird. ‚Oh nein’, sollen wir denken, ‚ob Anna dem gewachsen ist?’ Und dann zeigt die Heldin uns allen, was in ihr steckt und braust davon. Die Lichthupe möchte sie im dichten Autobahnverkehr übrigens nicht benutzen, weil das nur Prolls täten. Zum Glück geht es aber auch ohne. ‚Oha’, sollen wir dann denken, ‚wie überraschend, dass auch eine Frau* einen Fluchtwagen fahren kann.’ Die Überraschung aber unterminiert das emanzipatorische Potential der Sequenz vollständig. Zudem kann Anna den Verfolger nur abhängen, weil Christian ihr sagt, „wo es lang geht“ – mal was ganz Neues… Seitdem suche ich in meinem Filmgedächtnis nach Verfolgungsjagden, in denen die weibliche* Beifahrerin ihrem Helden am Steuer den besten Weg souffliert: „Mr. Bond, jetzt rechts einordnen und an der nächsten Kreuzung abbiegen.“

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„Geh nach der Arbeit direkt nach Hause“

Wir hörten es schon: Anna ist in großer Gefahr, weil Jack in Christians Büro eingedrungen ist. Logisch also, dass Herr Grey seiner Ehefrau* verbietet, sich nach der ohnehin völlig überflüssigen Erwerbsarbeit auch noch mit Freund_innen zu treffen. Aber weil Anna ja so eine krasse Emanze ist, setzt sie sich mit bewundernswertem Mut über den Befehl ihres Mannes* hinweg und trifft sich dreist und ungehorsam mit ihrer besten Freundin Kate (Eloise Mumford). Boah, was für eine Frau*!

„Du bist so verheiratet

Ich finde übrigens auch, dass Anna lieber hätte nach Hause gehen sollen, denn Kate ist wirklich zu nichts zu gebrauchen. Die Kontrolle durch Christian interpretiert diese nämlich als integralen Bestandteil des Ehelebens und nicht als Symptom einer abusiven Beziehung. „Er hatte sicher seine Gründe“, versichert sie Anna. Und: „Er ist der Richtige.“

Der Richtige für was, Kate? Für ein Leben unter der Fuchtel eines narzisstischen Psychopathen? Wer solche Freundinnen hat, braucht wahrlich keine Feindinnen mehr.

„Er hat vor nichts Angst.“

Elliot (Luke Grimes) kennt seinen Bruder Christian offenbar nicht besonders gut, wenn er ihn mit obigem Satz beschreibt. Denn mal ehrlich: Christian hat doch ständig die Hosen voll! Seine Angst, Anna zu verlieren – ob an einen anderen Mann*, ein Verbrechen, einen Unfall oder einen Schnupfen – ist so immens und omnipräsent, dass sie die gesamte Beziehung dominiert. Christian Grey ist vieles, aber ganz bestimmt nicht angstfrei!

Und das ist eigentlich auch total in Ordnung. Männer* dürfen Angst haben. Sie müssen nicht makellos schön, unverschämt reich, übermenschlich stark und dominant sein. Es sind nicht Ängste, die Christian zu einem abusiven Partner machen, sondern die Unterdrückung derselben und vieler anderer Emotionen. Fifty Shades ist insbesondere in diesem dritten Teil auch eine Geschichte von der Überwindung toxischer Männlichkeit*. Christian wird vom Übermann* zu einem kleinen Kind, das seine frühen Traumata überwinden muss, Schwäche und Ängste eingestehen, ja sogar weinen muss, um eine gesunde Beziehung führen zu können. Wenn irgendetwas an Fifty Shades of Grey – Befreite Lust positiv zu nennen ist, dann diese Botschaft. Immerhin.

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„Ich bin nicht bereit, Dich zu teilen“

Dass Christian seine Anna für sich alleine haben möchte, hat Teil 2 schon eindeutig bewiesen. Jedoch fällt dieser Satz hier nicht bei einem Gespräch zu alternativen Beziehungsformen, sondern beim Thema Familiengründung. Christian ist derart auf seine Anna geprägt, dass er ein Kind nur als Konkurrenz und Annas Kinderwunsch in logischer Konsequenz nur als Affront wahrnehmen kann.

Und es kommt wie es laut der Twilight-Vorlage der Geschichte kommen muss: Anna wird ungewollt schwanger. Dafür muss sie sich entschuldigen, als hätte sie Samenraub begangen. Hat sie aber nicht, doch Verhütung ist in Fifty Shades eben Frauen*sache. „Babys passieren, wenn man Sex hat“, bringt Anna zu ihrer Verteidigung und Aufklärung des pubertierenden Kinopublikums vor. Dass der gottgleiche Christian über seinen perfekten Penis auch ein Kondom ziehen könnte, bleibt aber unerwähnt. Was ebenfalls unerwähnt bleibt, ist die Konsequenz für Annas berufliche Laufbahn. Stattdessen steht das Leid des armen unfreiwilligen Vaters im Zentrum. Dieser jedoch – da können wir uns sicher sein – wird keine Elternzeit nehmen, sondern weiterhin in seinem Privatflugzeug von einem Business-Deal zum nächsten jetten und sich daran freuen, die Gattin ganz ohne Bondage-Seile endlich an Haus und Hof gefesselt zu haben.

Als die Schwangere dann auch noch zu bedenken gibt, es könne sich bei dem Kind um ein Mädchen* handeln, bringt Christian nur noch ein erschöpftes und misogynes „Großer Gott“ heraus. Mal im Ernst: Was gibt es Schlimmeres als Töchter? Ich denke, Gott hat sie nur geschaffen, um Männer* zu bestrafen… WHAT THE FUCK?!

„Werd’ verdammt noch mal erwachsen!“

Zugegeben: Anna hat sich seit dem ersten Teil positiv entwickelt. Ihre Gegenwehr beschränkt sich nicht nur auf die erwähnten „ungehorsamen“ Momente. Sie weist die blonde Architektin mit dem üppigen Dekolleté, die aggressiv mit Christian flirtet, überzeugend in die Schranken. Sie fährt den Fluchtwagen. Sie setzt ihre Berufstätigkeit durch. Und sie konfrontiert Christian mit seiner Schwäche, seinen Kindheitstraumata und der daraus resultierenden Beziehungsunfähigkeit. Völlig zurecht bleibt Anna der eigenen Wut zum ersten Mal länger als zwei Minuten treu, wenn Christian sich über das Drama seiner Vaterschaft lieber bei „Mrs. Robinson“ ausheult als mit seiner Ehefrau* in den Dialog zu gehen. Anna übernimmt auch zunehmend die Initiative in den noch immer jeglicher Erotik entbehrenden Sexszenen. Im Finale wird sie sogar ihre Schwägerin Mia (Rita Ora) retten und dabei eine Pistole abfeuern. Aber…

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„Du bist ein Edelmann“

… am Ende hat Anna dann irgendwie doch nichts aus ihrer eigenen Geschichte gelernt. Christian Grey ist und bleibt für sie die Erfüllung aller Träume, die Perfektion in Person. Während der Milliardär zu bedenken gibt, der Wohlstand seiner Adoptiveltern könnte durchaus etwas mit seiner eigenen erfolgreichen Laufbahn zu tun gehabt haben, ist Anna in vollendeter Naivität und klassistischer Beschränktheit davon überzeugt, dass nur Christians uferlose Integrität und Intelligenz ihn zu dem gemacht haben können, was er heute ist: ein Edelmann*. Damit immerhin liefert sie zum Finale noch einmal einen großen Gag und wir dürfen lachend und kopfschüttelnd das Kino verlassen.

The End

Kinostart: 8. Februar 2018

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