Fifty Shades of Grey 2 – Eine wahrhaft gefährliche Liebe

Warum Fifty Shades of Grey 2 ein schlechter Film ist, da bin ich mir sicher, könnt ihr so ziemlich überall lesen (sollte jemand eine positive Kritik finden, möge sie_er diese bitte in den Kommentaren verlinken!). Deshalb werde ich mich nicht über die haarsträubend konstruierte Dramaturgie, die schlechten Schauspieler und die Abwesenheit jeglichen Sex-Appeals empören. Auch nicht über die Filmmusik, die wie eine dicke Schicht Nutella über den Film gekleistert ist, um seine abgrundtiefes Niveau zu verdecken – und das völlig erfolglos. Aber genug davon. Fifty Shades of Grey 2 ist nämlich nicht nur ein schlechter, sondern auch gefährlicher Film.

© Universal Pictures

Das schreckliche Leiden gewaltbereiter Männer*

Er hat es ja so schwer gehabt, der arme Mr. Grey, so schwer, dass er fortan alle Frauen* wie Dinge behandeln und in den psychischen Abgrund treiben muss. Armer Mr. Grey. Bitte eine große Runde Mitleid für Mr. Grey. Und jetzt alle im Chor: „Ohhhhh, armer Mr. Grey.“

Fifty Shades of Grey 2 beginnt mit einer Traum- bzw. Erinnerungssequenz Christians, die uns seine schwere Kindheit als Sohn einer Drogenabhängigen (immer diese bösen, bösen Mütter!) illustriert und ihn fortan als Opfer der Vergangenheit charakterisiert. Was immer er in den folgenden Filmminuten auch tun wird, erscheint nun durch die Brille dieses initialen Mitleids, dieser präventiven Entschuldigung. Das geht übrigens nicht nur uns so: Jeder Streit zwischen den Hauptfiguren wird durch die Opferrolle Christians aufgelöst. Egal wie gravierend der Konflikt, am Ende tut Anastasia ihr Liebhaber leid und sie verzeiht ihm all seine narzisstischen Exzesse.

Der Einstieg in den Film über Christians Traumbilder hat aber noch eine andere Konsequenz: Fifty Shades of Grey 2, die Geschichte einer Frau* und ihrer Sexualität, beginnt nicht mir ihrer Perspektive, sondern mit der des männlichen* Gegenübers. Aber wieso auch einen Film über eine Frau* mit eben jener beginnen? Das würde ja nur dazu führen, dass wir durch ihre Augen statt auf sie blicken. Wo kämen wir denn da hin?

© Universal Pictures

Der nackte Wahnsinn

Die Romanvorlage von Fifty Shades of Grey besticht oder nervt (das ist wohl Ansichtssache) durch ihre ausführlichen Glorifizierungen der männlichen* Hauptfigur. So schön, so perfekt, so sexy. Leider ist auch in der zweiten Verfilmung hiervon nichts zu spüren. Ein paar kurze nackte Momente und eine haarsträubend affektierte Frühsportszene ersetzen die seitenlangen Objektifizierungen Christians. Dafür dauert es nur fünf Minuten, bis die Kamera – durch die Augen von Anastasias Chefs, denn das ist ja die Perspektive, die uns interessiert – die weibliche* Hauptfigur zum ersten Mal sexualisiert. Darauf folgen noch viele weitere ähnliche Momente. Ständig zeigt der Film die Heldin nackig, während ihr Liebhaber noch halb oder gar ganz bekleidet ist. Die Kamera erfreut sich an ihrem Anblick in Reizwäsche vor einem Spiegel. Lange. Ausführlich. Weil: Schön anzusehen halt. Am Ende tropft Öl von ihren Brüsten, die – selbstredend – ohne ihr Gesicht zu sehen sind, als pornographisches Fragment, das doch wirklich als pars pro toto für die ganze Frau* stehen kann. Was denn sonst sollte eine Frau* ausmachen, wenn nicht ihre Titten? Ehrlich jetzt mal!

Und weil Anastasias Körper natürlich viel wichtiger ist als beispielsweise ihre berufliche Karriere, die in ein paar Szenen stiefmütterlich abgehandelt wird, ist es auch nur logisch, dass sie selbst nach wildem Sex noch aussieht wie aus dem Ei gepellt. Immer perfekt. Immer schön. Denn darum geht es im Leben einer Frau*. Alle Leserinnen jetzt bitte einmal in den Spiegel gucken. Wenn ihr mit dem Text bis hierhin gekommen seid, habt ihr das nämlich schon zu viel lange nicht mehr getan.

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„Ich besitze eine Menge“

Was macht eins mit schönen Dingen, wie z.B. Frauen*? Genau: Besitzen. Christian Grey ist Milliardär und kann sich alles kaufen was er will. Auch Anastasia. Wenn er zu Beginn eine halbe Galerie ersteht, damit kein anderer Mensch das Foto „seiner“ Frau* im Wohnzimmer hängen hat („Ich will nicht, dass Fremde dich anstarren“) legt Christian Grey den Grundstein für den weiteren Verlauf seiner Beziehung mit Ana. Zwar bemerkt sie an einer Stelle völlig richtig, dass dies keine Beziehung, sondern ein Besitzverhältnis sei, doch hat dieser Dialog bedauerlicher Weise keinerlei Konsequenzen für den weiteren Verlauf der Dinge.

Aber Christian besitzt nicht nur Anas Fotos, sondern auch sie selbst. Anas Entscheidung, sich wieder auf ihren Ex einzulassen, ist temporär ziemlich eng mit seinen großzügigen Geschenken verbunden (natürlich nicht kausal, denn für Kausalität interessiert sich der Film ja nicht), was mich – und vermutlich viele weitere Zuschauer_innen – zu der Annahme führt, dass er sie eben doch durch Geschenke und Aufmerksamkeiten um den Finger wickelt. Er kauft sie. Und dann besitzt er sie. So einfach ist das mit den Frauen*. Dass die böse Mrs. Robinson, grandios besetzt mit Kim Basinger, Ana dies am Ende des Films explizit zum Vorwurf macht, stellt also einen Moment unfreiwilliger Selbstironie des Films dar.

Zugegeben. Ana unternimmt immer wieder kleine emanzipatorische Versuche, zum Beispiel wenn sie im Restaurant ihr eigenes Essen bestellt, anstatt Christian wählen zu lassen. An dieser Stelle jetzt mal Szenenapplaus für Anastasia bitte!! Sie hat alleine Essen bestellt! Das sollten wir anerkennen! Aber nicht nur das, sie verführt ihn auch, so ein bisschen. Ich meine, sie verführt ihn zu Dingen, die er eigentlich lieber machen will als sie, aber… Mein Gott, sie streichelt zufällig seine Extremitäten beim Kochen. Das nennt eins doch Verführung, oder??? Oder??? Dass Mr. Grey seiner Ana dann schließlich „Komm für mich“ zusäuselt, ist nur konsequent. Denn für wen sollte Ana denn sonst orgasmieren? Für sich selbst etwa? Was für’n Quatsch.

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Komm schon Baby, du willst es doch auch!

Die Moral der gesamten Geschichte dieses zweiten Fifty Shades Films ist das klassische „Du willst es doch auch“. Ja, Ana will es doch eigentlich auch. Zwar hat sie sich am Ende von Teil 1 aus ziemlich nachvollziehbaren Gründen gegen Christian und seine harten SM-Spiele entschieden, aber natürlich will sie es im Grunde doch auch. So ist das eben mit den Frauen*. Sie meinen halt einfach nie „nein“, wenn sie „nein“ sagen.

„Ich will, dass du mich schlägst“ säuselt Ana irgendwann in einer der zahlreichen, vollständig ihrer Erotik beraubten Sexszenen. Das Problem ist nur: Wir verstehen sie nicht, verstehen nicht, warum sie sich nach diesen Schlägen sehnt. Nun kann es durchaus sein, dass eine Frau sich nicht für SM interessiert und durch ihre_n Partner_in neugierig wird. Aber weil Fifty Shades of Grey 2 ja leider nicht an Kausaltät interessiert ist, haben wir keine Chance nachzuvollziehen, was es eigentlich ist, dass Anastasia reizt. Warum will sie denn den Hintern versohlt bekommen? Warum will sie denn mit Spreizstange zwischen den Beinen von hinten genommen werden? Was reizt sie denn an der Unterwerfung? Die Antwort dieses Films ist eindeutig: „Scheißegal, Hauptsache sie tut so als findet sie’s geil.“

Noch ein paar Worte zum Sex in Fifty Shades of Grey 2 allgemein: Frau* ausziehen, eine Minute lecken und dann penetrieren, so funktioniert hier das erneut klinisch reine und gänzlich unerotische Liebesspiel. In der Welt von Fifty Shades of Grey 2 können Liebeskugeln nach stundenlangem Tragen glattpoliert und ohne Schleimspuren aus der Muschi gezogen werden. Also mal ehrlich… Wer soll das eigentlich glauben, geschweige denn sexy finden??

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Der Albtraumprinz

Stellt euch mal folgende Filmhandlung vor: Eine junge, herzensgute Frau* verliebt sich in einen wunderschönen, vermeintlich perfekten Mann*. Nach und nach aber bemerkt sie seine krankhafte Eifersucht, seinen Drang sie zu besitzen. Er blamiert sie vor ihrem neuen Chef und kauft dann gar die Firma, in der sie arbeitet, obwohl sie ihn bittet, dies zu unterlassen. Als sie einen Scheck zerreißt, den er ihr ungefragt zugesteckt hat, lässt er das Geld auf ihr Konto überweisen. Doch woher hat er eigentlich ihre Kontonummer? Schließlich findet sie in seinem Arbeitszimmer eine Akte, die ihr gesamtes Leben dokumentiert – inklusive heimlich geschossenen Fotos in Alltagssituationen.

Gruselig, oder?! NEIN! Das ist romantisch, zumindest in Fifty Shades of Grey 2, in dem der Albtraumprinz jede Grenze seiner Prinzessin niederreißt, während er die eigenen mit rotem Lippenstift (echt wahr!!) markiert.

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Das Ausmaß dieser abusiven Beziehungsstruktur wird endgültig offenbar, wenn Christians traumatisierte Ex auf den Plan tritt. Mit Schnittwunden an den Handgelenken steht sie wie der Geist der Vergangenheit mehrfach völlig unvermittelt im Bild (Kausalität, wir erinnern uns, ist hier überflüssig). Als sie schließlich Ana mit einer Waffe bedroht, muss Christian, der Knight in Shining Armor, zur Rettung eilen. Das tut er mit einer unverblümten Demonstration seiner narzisstischen Machtgier: „Knie nieder“ spricht er zu der verzweifelten jungen Frau*. Und sie kniet in vollendeter Dankbarkeit und lässt sich den Kopf tätscheln. Später landet sie dann in der Psychiatrie, da wo hysterische Frauen* hingehören. Nicht etwa die Männer*, die sie traumatisiert haben. Nein, denn die brauchen wir ja in unseren Chefetagen.

Was würdet ihr tun, liebe Lesende, wenn ihr dieses Schauspiel mit ansähet? Ich glaube, ihr würdet rennen. Schnell und weit. Aber das tut Anastasia nicht, weil… naja… der arme Christian, der kann ja nicht anders und eigentlich meint er das ja gut und … (hier beliebige Entschuldigung aus dem Lehrbuch für abusive Beziehungen einfügen).

Aber wieso? Wieso rennt Ana nicht? Wieso wird sie nicht wütend, wenn Christian ihr an den Kopf wirft „Mach EINMAL was man dir sagt!“? Warum lässt sie sich sofort wieder um den Finger wickeln, lässt diesen Konflikten wie auch die vorhergehenden einfach auf sich beruhen?

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„Ich habe Austen und Brontë gelesen und niemand konnte mithalten“, erklärt Anastasia am Anfang ihrem Christian, als dieser sie nach ihrer so spät erblühenden Sexualität fragt. Nun, ich habe Austen und Brontë nicht sehr intensiv gelesen bzw. ist es zu lange her. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob diese Romane eine junge Frau* wie Anastasia tatsächlich auf den Irrweg zu Christian Grey schicken können. Passender wäre gewesen, und auch hier deutet sich eine unbeabsichtigte ironische Meta-Ebene an, wenn Anastasia Fifty Shades of Grey gelesen hätte. Eine Geschichte, die suggeriert, frau müsse sich für den perfekten Mann* so lange verbiegen, bis sie in SEIN Bild passe. Sie müsse vor allen Dingen schön und sexy sein. Sie müsse seine Grenzen mehr als ihre eigenen respektieren und stets mit seinen Augen auf die Welt und vor allem auf sich selbst blicken. Denn es sind Geschichten wie Fifty Shades of Grey, geschrieben wie verfilmt, die, Fremdbestimmung als Romantik deklarierend, den Weg für Sexismus und psychische wie auch körperliche Gewalt in Beziehungen ebnen.

Fifty Shades of Grey 2 trägt den deutschen Nebentitel „Gefährliche Liebe“. Die hier angesprochene Gefahr sollte jedoch nicht in den unglaubwürdigen Hieben auf Anastasias Hintern gesehen werden (wer sich ein bisschen mit BDSM auskennt, kann sich hier nur scheckig lachen), sondern in den wahrlich gruseligen impliziten Botschaften. Fifty Shades of Grey 2 ist keine Romanze, sondern ein Horror- oder ein dystopischer Science Fiction Film. So werden wir enden, wenn wir weiterhin Filme und Bücher wie Fifty Shades of Grey rezipieren. Dieser Film könnte ein kongeniales selbstreflexives Mahnmal darstellen. Wenn er nur nicht so unterirdisch schlecht wäre…

Kinostart: 9. Februar 2016

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