FFMUC 2017: Clair Obscur

Frauen*, die aus Fenstern hinaus in die Welt blicken, gerne aus verschlossenen Fenstern mit Gardinen – das war in den 50er Jahren im US-amerikanischen Melodrama schon einmal „in“ und sollte die Gefangenschaft in der häuslichen Sphäre verdeutlichen, in der sich Frauen* nach der Rückkehr der Männer* aus dem Zweiten Weltkrieg und dem konservativen Backlash ihrer Gesellschaft plötzlich wieder befanden.

© Filmfest München 2017

Auch in Clair Obscur von Yesim Ustaoglu schauen Frauen* durch Fenster, selbst die, die keine unterdrückten Hausfrauen* sind. Wie zum Beispiel Hauptfigur Chehnaz (Funda Eryiğit), die als Psychologin ein selbstbestimmtes, „westliches“ Leben lebt und trotz der langjährigen Beziehung zu Cem (Mehmet Kurtuluş) ihre Unabhängigkeit behält. So glaubt sie zumindest und so glauben auch wir.

Denn Yesim Ustaoglu kontrastiert die moderne türkische Heldin mit Elmas (Ecem Uzun), einer Kindfrau*, die in ihrer Zwangsehe Erniedrigung durch die Schwiegermutter, Freiheitsberaubung und sexualisierte Gewalt erfährt. Geduckt, traurig, verschüchtert schleicht sie durch ihr häusliches Gefängnis und betet jeden Abend darum, ihr Mann* werde sie heute einmal nicht vergewaltigen.

Als dieser Mann* und auch die herrische Schwiegermutter eines Morgens tot, Elmas wiederum blau gefroren auf dem Balkon gefunden werden, beginnen die zunächst voneinander getrennten Geschichten der zwei ungleichen Frauen* Chehnaz und Elmas sich zu verschränken. Und während Chehnaz versucht, Elmas Erinnerungen an die verhängnisvolle Nacht zu entlocken und ihr Trauma zu ergründen, kommt die Psychologin nicht umhin, auch ihre eigene Beziehung in Frage zu stellen.

© Filmfest München 2017

Die aufmerksame Beobachterin könnte schon bei den ersten Bildern von Cem und Chehnaz Zweifel spüren. Natürlich: Verglichen mit Elmas’ Märtyrium sehen wir hier eine moderne Beziehung. Wo die KindfraU* unter den kritischen Augen ihrer Schwiegermutter eine Mahlzeit nach der anderen auftragen muss, greift Cem selbst zum Kochlöffel und zaubert seiner Chehnaz Menüs auf Spitzenkochniveau. Aber ist es das, worauf es ankommt?

Es sind Details, wie Cems Beharren darauf, statt Raki lieber Rotwein zu trinken, das keine Widerworte zuzulassen scheint. Vor allem aber sind es die Sexszenen, denen Yesim Ustaoglu besonders viel Aufmerksamkeit widmet und in denen sie für das Publikum die Situation einer Frau* erfahrbar macht, für die der einvernehmliche Beischlaf nur Frust und Schmerz bereithält.

Und wieder: Zweifelsohne ist Elmas’ Situation schrecklicher, furchtbarer, im Grund nicht mit Chehnaz’ zu vergleichen. Aber etwas haben sie dann doch gemeinsam, diese unangenehmen Szenarien männlicher* Lust: Die Frauen* spielen eine erschreckend untergeordnete Rolle. Eins muss schon genauer hinsehen oder sich intensiver mit der Darstellung von Sexualität im Film beschäftigt haben, um die Disbalance des „modernen“ Paares sofort zu entdecken. Kein Vorspiel, eine für den leidenschaftlichen Akt frappierend teilnahmslose Frau* und kein sichtbarer weiblicher* Orgasmus. Dass das vielen Zuschauenden zunächst einmal nicht auffallen wird, liegt daran, wie sehr wir nicht nur an diese Bilder, sondern auch an diese Situationen gewohnt sind. Sex ist, wenn der Mann* die Frau* penetriert und dabei mit seinen Brunftlauten alle Elche der Welt vor Neid erblassen lässt.

© Filmfest München 2017

Doch in der Nebeneinanderstellung der beiden Frauen*schicksale, wird das Ungleichgewicht zwischen Chehnaz und Cem plötzlich sichtbar. Dabei verharmlost Yesim Ustaoglu die Situation von Elmas zu keinem Zeitpunkt, tendiert sogar eher dazu, sie übermäßig zu intensivieren, zum Beispiel durch das deutlich zu lang geratene Ausagieren einer Psychodrama-Sitzung. Weniger wäre hier deutlich mehr gewesen. Jedoch ist Elmas Situation so eindeutig, dass sie nicht derselben subtilen Analyse bedarf, die Ustaoglu vornimmt, um uns Chehnaz’ Gefangenschaft vor Augen zu führen. Aber diese Analyse ist wichtig, denn sie dekonstruiert eines der penetrantesten Argumente gegen den zeitgenössischen Feminismus.

Es ist diese „In Afrika sterben Kinder“-Taktik, mit der Frauen* in westlichen Nationen oftmals mundtot gemacht werden, wenn sie von Diskriminierung und Misogynie in ihrer Gesellschaft sprechen. In Saudi-Arabien dürfen die Frauen* nicht einmal Auto fahren und Du jammerst über eine Quote in Vorstandsetagen? Ja, das tue ich. Denn das eine macht das andere nicht weniger ungerecht. Vielleicht ist es für uns sogar oftmals eine Falle, uns intensiv mit den menschenverachtenden Ausmaßen von Sexismus und Frauen*feindlichkeit auf der Welt auseinandersetzen, weil wir damit unseren eigenen Kampf aus den Augen verlieren. Natürlich sieht mein Leben neben dem von Elmas perfekt aus und jedes Problem vernachlässigbar klein.

© Filmfest München 2017

Aber jede_r hat das Recht auf Freiheit, auf Unabhängigkeit auch – und das ist wirklich wichtig! – auf eine erfüllte und selbstbestimmte Sexualität. Yesim Ustaoglu hält uns den Spiegel vor und fragt: Wie viel Respekt erfährst Du, Frau* im Publikum, in Deiner aktuellen Beziehung? Darfst Du das Getränk zum Abendessen aussuchen, das Urlaubsziel, die Wochenendunternehmung? Ist Deine Lust genauso wichtig wie die Deines Partners? Ist Deine Befriedigung ebenso integraler Bestandteil des Liebesspiels wie seine? Und Du, lieber Mann* im Publikum: Begegnest Du Deiner Partnerin wirklich auf Augenhöhe? Gehst auf ihre Bedürfnisse ein? Erlabst Du ihr, Euer gemeinsames (Liebes)Leben ebenso mitzugestalten wie Du selbst?

Patriarchat bedeutet nicht nur, minderjährige Mädchen* zu verheiraten, sie im Haus einzusperren und als Dienstmädchen* und Sexsklavinnen zu missbrauchen. Patriarchat ist etwas viel Größeres, grundlegendes, so verwurzelt und verwoben in unser alltägliches Leben und gerade in Anbetracht augenscheinlicherer Missstände so erschreckend unsichtbar. Außer es kommt eine Regisseurin wie Yesim Ustaoglu und nutzt eine Geschichte wie die von Elmas, die wir – zumindest hier in Deutschland – mit großer Regelmäßigkeit hören, sehen und lesen, nicht als Kontrast, sondern als Weiterführung unserer eigenen Erfahrungswelt. Das was uns an Elmas’ Situation so schockiert, schmerzt, wütend macht, ist als subtile und versteckte Grundstruktur vielleicht auch Teil unseres eigenen Lebens. Und egal wie viel schwächer patriarchale Machstrukturen, Sexismus und Misogynie hier ausgeprägt sind: Auch da gehören sie nicht hin! Nirgends!

Danke Yesim Ustaoglu.

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