FFHH 2017: A Worthy Companion – Die Angst vor der bösen Frau

„Ich habe noch nie einen Film gesehen, der sich derart selbst ein Bein stellt.“ – Das war mein erster Kommentar zu A Worthy Companion, den ich meiner Sitznachbarin nach der Pressevorführung beim Filmfest Hamburg zuraunte. Es ist nahezu unerträglich, dieser Geschichte beim Scheitern, der völlig unreflektierten Platzierung von Rape Culture Mythen und beim Wiederkäuen einer sexistischen Täter-Opfer-Ordnung zuzusehen. Was bleibt ist ein großes WHAT THE FUCK und ein dringendes Bedürfnis, dieses in Worte zu fassen. In der Hoffnung, dass es irgendwann mal eine Generation von Filmschaffenden geben wird, die in der Lage ist, Frauen*figuren zu erzählen, ohne sie in Opfer zu verwandeln.

Das Schlimmste an A Worthy Companion: Der Anfang ist großartig und um so schmerzhafter ist das darauf folgende Scheitern. Das Regie- und Autoren-Duo Carlos und Jason Sanchez entwirft zunächst eine Frauen*figur, wie ich sie bislang vermisst habe: Laura (Evan Rachel Wood) ist eine narzisstische Soziopathin der subtilen Sorte, der zwischenmenschliche Beziehungen nur durch Machtspielchen und Manipulation gelingen und der diese inneren Dämonen nicht anzusehen sind. Aktuell hat sie es auf Eva (Julia Sarah Stone) abgesehen, ein 16 jähriges Mädchen, dem sie erfolgreich nahelegt, vor der – zugegebener Maßen recht unangenehmen – Mutter davon zu laufen. Nun vollkommen von „Sugar Mummy“ Laura abhängig, erliegt die zarte Eva mehr und mehr der giftigen Einflussnahme ihrer “Entführerin”. Dabei wendet Laura hier eben jene Strategien an, die in zahllosen Psychothrillern wieder und wieder durch Männer* ausagiert wurden: Auf jede Aggression folgt ein vermeintlich von tiefer Reue getriebener Zusammenbruch, innerhalb dessen die Gefangene zur Trösterin ihrer Peinigerin wird und sich dabei noch tiefer in deren Machtspiel verliert.

© Seville International

Dass auch Frauen* zu derlei Verhalten, psychischer und körperlicher Gewalt, Freiheitsberaubung, Erniedrigung und Manipulation in der Lage sind, ist ohne Frage wahr und deshalb auf der Kinoleinwand eine Errungenschaft. Den Regisseuren gelingt es zudem, Laura weder zu verteufeln, noch ihre Handlungen zu entschuldigen. Dass sie ein Verbrechen begeht, dem Mädchen* in ihrer Obhut keine Freiheit schenkt, sondern ein neues Gefängnis konstruiert, ist zu jedem Zeitpunkt offensichtlich. Dennoch bleibt die Perspektive des Films größtenteils bei Laura und nimmt die Zuschauer*innen mit in die Erfahrungswelt der Hauptfigur, ihre Logik der Dinge und zuweilen auch in ihren Schmerz. Die Dynamik, die sich auf dieser Basis zwischen den Figuren ergibt, ist hochspannend. Wie weit wird Laura gehen, um Eva zu halten, die mitnichten völlig naiv ergeben, sondern schon frühzeitig absprungbereit ist?

Und dann begeht der Film einen folgenschweren Fehler. Er verwandelt seine Täterin in ein Opfer. Gleich in der ersten Szene des Films werden wir Zeug_innen eines eskalierenden Blind Dates, das sich durchaus als sexueller Übergriff lesen lässt – mit dem pikanten Alleinstellungsmerkmal, dass es sich bei der betroffenen Person um einen Mann*, bei der übergriffigen Person um eine Frau, nämlich Laura, handelt. Diese Eingangssequenz charakterisiert sie umgehend als gewaltbereite Person, der es an Empathie fehlt und die bereit ist, für ihre eigenen Bedürfnisse, die Integrität anderer Menschen zu verletzen. Doch bedauerlicher Weise ist das nicht die einzige Funktion der Szene. Zu einem späteren Zeitpunkt nämlich verwandelt eben jener misshandelte Mann* die Täterin durch einen Racheakt in ein Opfer. Und nun läuft die Geschichte vollends aus dem Ruder.

Carlos und Jason Sanchez sind offenbar nicht in der Lage, ihrer Hauptfigur jene Macht zuzugestehen, die zahllosen männlichen* Psychopathen der Filmwelt zuteil geworden ist. Nein, sie muss körperlich geschunden werden, Mitleid auf sich ziehen und dann auf dem Tiefpunkt dieser narrativen Verirrung auch noch einen Inzest durch den Vater daherlügen und damit einen der fiesesten Rape Culpture Mythen nähren: die Falschanzeige der Vergewaltigung.

© Seville International

Logischer Weise zerbricht damit auch die zuvor spannende Dynamik zwischen den weiblichen* Hauptfiguren, da Evas Mitgefühl für Laura nun keine Folge der Manipulation mehr darstellt, sondern auch aus unserer Zuschauer_innenperspektive plötzlich objektiv gerechtfertigt ist. Denn uns tut Laura nun auch schrecklich leid. Und immer mehr, da sie sich in ein Häufchen Elend verwandelt, eine arme traumatisierte junge Frau*, die doch einfach nur geliebt werden will. Schuld ist wie immer ein Mann*, der Vater nämlich, doch was genau er verbrochen hat, bleibt unklar. Vielleicht gab es doch einen inzestuösen Übergriff, vielleicht andere familiäre Probleme. Dafür interessiert sich der Film jedoch weniger, denn Hauptsache, Laura ist ein Opfer. Was auch immer in ihrer Vergangenheit geschehen ist, es scheint für sie keinen Weg zu geben, dies zu überwinden, ihre Einsamkeit und Schwäche in Stärke zu verwandeln. Sie bleibt eine tragische, gescheiterte Figur und damit ein vernichtendes Anti-Vorbild für all jene Frauen*, die sich grundsätzlich mit dieser Form der Verzweiflung identifizieren können.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich plädiere hier nicht dafür, einer Täterin ein Happy End zu schenken. In dem Moment jedoch, in dem die Narration Laura von der Täterin in ein Opfer verwandelt, steht ihr – ebenso wie Eva – ein Moment des Empowerments und der Befreiung zu. Noch besser aber wäre gewesen, Laura von vornherein in der Rolle der Täterin zu belassen und auf eine platte Psychologisierung der Figur ebenso zu verzichten wie auf ihre Degradierung zu einer bemitleidenswerten Komplettversagerin. Denn tatsächlich: Es gibt Missbrauchsüberlebende, die starke und selbstbewusste Menschen sind, und am Leben scheiternde Frauen*, die keinerlei sexualisierte Gewalt erlebt haben. Echt wahr! Besser wäre also gewesen, einmal eine ganz andere Geschichte zu erzählen, sich nicht an sexistischen Täter-Opfer-Mustern zu bedienen, den Mut zu haben, eine Frau* als fies, bösartig, durchtrieben, gewalttätig und erbarmungslos zu beschreiben.

Davor jedoch, da bin ich mir sicher, hatten Carlo und Jason Sanchez einfach zu große Angst.

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