FFHH 2016: Nelly

„Ich habe Dinge getan, nur um darüber zu schreiben“, mit diesem Satz Nelly Arcans lässt sich die Verfilmung ihres Lebens und Schaffens durch Regisseurin Anna Émond vortrefflich zusammenfassen. Kleine Mosaiksteine aus achronologisch geordneten Episoden wollen vom Kinopublikum zu einem großen Ganzen zusammengesetzt werden, ohne dass der Film einen Hinweis darauf gäbe, wann es sich um biographische Szenen und wann um adaptierte Romanauszüge handelt. Doch im Grunde, und auch das lässt Émond ihre Heldin im Voice Over dezidiert ausformulieren, ist diese Unterscheidung hinfällig.

„Alles was ich erlebe, betrifft eine andere“ ist ein weiterer Schlüsselsatz der Hauptfigur, der die Entfremdung der kanadischen Schriftstellerin von sich selbst beschreibt. Getrieben von einem Gefühl der inneren Leere wie auch einem omnipräsenten und doch diffusen Hass, befindet sich Nelly Arcan (geboren als Isabell Fortier) in ihrem Schreiben auf einer aussichtlosen Suche nach sich selbst, verliert sich mit jeder Romanfigur mehr in der Zwischenwelt aus Realität und Fiktion.

© Seville International

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Nelly ist klug, so viel lässt sich mit Sicherheit sagen. Die Worte, mit denen sie ihr Leben und Erleben zu vermitteln sucht, zeugen von einem hellen Geist, der an der Dunkelheit der Welt verzweifelt. In ihrem Leben wie auch in ihrem Werk geht es um Liebe und Sexualität und um die trügerische Freiheit, die in beidem zu finden ist. Cynthia ist eines von Nellys Alter Egos, eine erfolgreiche und selbstbewusste Prostituierte, die ihre erotische Selbstinszenierung in vollen Zügen genießt, ohne dabei jedoch den introspektiven Blick auf ihr Seelenleben zu verlieren. Im Gegensatz zu anderen Darstellungen von Sexarbeit, beispielsweise in der auf ganzer Linie misslungenen Romanadaption Fucking Berlin, wählt Nelly eine deutlich realistischere Herangehensweise an Prostitution, zeigt die obligatorischen Besuche beim Gynäkologen wie auch Online-Bewertungen der Freier und verhandelte Diskurse wie Safer Sex, aber auch die individuelle Grenzziehung einer jeden professionellen Hure. Dass Cynthia wie alle anderen Figuren schließlich einen Absturz erlebt, ist keine Absage an Prostitution. Weder die Sexarbeiterin noch Nellys andere Persönlichkeitsanteile werden für ihre aktive Sexualität bestraft. Vielmehr sind es in jeder der ineinander verwobenen Erzählungen Selbstzweifel und der daraus resultierende Verlust der eigenen Linie, des eigenen Ichs, der die Frauen* an den Rand des Abgrunds bringt – und darüber hinaus.

Hauptdarstellerin Mylène MacKay liefert eine bemerkenswerte Leistung ab, verkörpert die verschiedenen Alter Egos Nellys mit derart individuellen körperlichen und mimischen Merkmalen, dass sie tatsächlich wie voneinander unabhängige, einzigartige Persönlichkeiten erscheinen. Damit vermag MacKay auch ruhige Momente des Films alleinig zu tragen und dem Publikum trotz des Verwirrspiels mit Realität und Fiktion einen direkten Zugang zur Hauptfigur bzw. ihren diversen Abbildern zu öffnen.

© Seville International

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Der melancholische Unterton des Films schmälert ein wenig meine Begeisterung, doch wäre eine andere, lebensbejahende Inszenierung in Anbetracht von Nelly Arcans Suizid im Alter von 36 Jahren auch fehl am Platz. Wir können Anna Émond für die omnipräsente Stimmung des Scheiterns ebenso wenig rügen wie Stephen Daldry für sein Portrait Virgina Woolfs in The Hours.

Dass Nellys Depression weder durch ein Psychogramm noch gesellschaftliche Erwartungshaltungen erklärt wird, ist eine Stärke und keine Schwäche des Films. Nelly zeigt keine labile Frau in einer Opferposition, sondern eine, die den Kampf gegen die inneren Dämonen immer wieder aufs neue aufnimmt, auch wenn sie ihn schlussendlich verliert. Nelly Arcon ist keine Figur, die wir bemitleiden, sondern mit der wir mitfühlen, eine Frau*, die wir bewundern und respektieren, während wir gleichzeitig ihre Schwäche anerkennen. Kurzum: ein komplexes Frauen*-Portrait, wie es im Kino viel öfter gezeichnet werden sollte.

NELLY- Trailer with English subtitles from Seville International on Vimeo.

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