FFHH 2016: Alle Farben des Lebens

Ausgerechnet in einem drei Generationen umspannenden Frauen*haushalt aus dem lesbischen Großmütterpaar Dodo (Susan Sarandon) und Frances (Linda Emond), ihrer Tochter und alleinerziehenden Mutter Maggie (Naomi Watts), sowie deren Tochter Ramona (Elle Fanning), entpuppt sich letztere als Junge*. Der 16-jährige Ray, so sein jetziger Name, drängt auf eine Hormonbehandlung, um den weiblich pubertierenden Körper seiner männlichen Identität anzupassen. Doch die Familie hat ihre Zweifel. Die Omas sind einst als „Zweite Welle“-Feministinnen für das Recht Frau* zu sein auf die Straßen gegangen und engagieren sich im Kampf gegen weibliche* Genitalverstümmelung. Die so hart erkämpfte weibliche* Identität abzulehnen und den dazu gehörenden Körper physisch zu „verstümmeln“, entzieht sich ihrem Verständnis. Mutter Maggie wiederum hadert mit ihrer Verantwortung für das einzige Kind, dessen ganzes Leben nun von der entscheidenden Unterschrift der Erziehungsberechtigten abhängt.

© Tobis

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Alle Farben des Lebens ist nicht nur ein Film über Trans*identität, sondern auch über drei Generationen von Frauen* und drei Generationen von Feminismen, wobei Ray die heute gängige queere Ausrichtung vertritt. Mit der Nebeneinanderstellung der verschiedenen Figuren und ihrer Positionen eröffnet Alle Farben des Lebens einen spannenden Diskurs über das Spannungsfeld zwischen weiblicher* Ermächtigung und einer queerfeministischen Überzeugung à la Judith Butler, die den Begriff weiblich* an sich in Frage stellt.

Doch Alle Farben des Lebens ist alles andere als intellektuelles Problemkino, sondern im Gegenteil durch und durch ein klassischer US-amerikanischer Indie-Film mit liebenswerten Charakteren, einem leichten und stets respektvollen Humor und versöhnlichem Ausgang, der alle Zuschauer_innen glücklich aus dem Kino entlässt. Dass die Inszenierung von Regisseurin Gaby Dellal und das Drehbuch von Nikole Beckwith dabei ziemlich konventionelle Wege beschreiten, wäre dem Film vielleicht anzukreiden. Andererseits befriedigt Alle Farben des Lebens damit den Wunsch Rays, einfach ganz normal zu sein.

© Tobis

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Die Achillesferse des Films ist, wie leider so oft in Filmen über Trans*identitäten, die Besetzung und die Perspektive der Erzählung. Elle Fanning spielt im Rahmen ihrer Möglichkeiten überzeugend, bleibt aber – auch auf Grund ihres bekannten Gesichts – immer nur Elle Fanning im Kostüm eines Jungen. Ray wirkt stets verkleidet, niemals authentisch männlich*, womit der Film seine eigene Botschaft unterläuft. Dass Trans*sexualität nicht als Freizeit-Kostümierung, sondern als Identität zu begreifen ist, kann Alle Farben des Lebens zwar verbal vermitteln, aber nicht visuell demonstrieren. Einmal abgesehen davon, dass Filme wie dieser für junge Trans*menschen eine der wenigen Möglichkeiten darstellen, ihr Schauspieltalent zu beweisen (denn durch die Unterrepräsentation von Trans*sexualität in Film und Fernsehen sind entsprechende Rollen rar), trägt gerade ein Crowdpleaser wie Alle Farben des Lebens seinem Thema gegenüber eine erhebliche Verantwortung. Die konventionelle Erzählung und prominente Besetzung, die auch ohne Elle Fanning noch immer genug bekannte Gesichter enthielte, hat das Zeug ein breites Publikum für sich einzunehmen und damit auch die Chance, eben jene, besonders große und generationenübergreifende Zielgruppe für das Thema Trans*sexualität zu sensibilisieren. Es ist traurig, wenn dieses Aufklärungspotential an so etwas Trivialem wie einem Besetzungsfehler zu scheitern droht.

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Einer der Gründe für die unüberlegte Besetzung Elle Fannings als Ray könnte der Fokus der Geschichte sein, der – ähnlich wie beim deutschen Fernsehfilm Mein Sohn Helena – nicht auf der Trans*person, sondern ihren Eltern liegt. Alle Farben des Lebens ist im Grunde kein Film über einen Trans*jungen auf dem Weg zur Geschlechtsangleichung, sondern über eine Mutter, die lernen muss, ihrem Kind eigene Entscheidungen und die Verantwortung für das eigene Leben zuzugestehen. Dagegen ist erst einmal nichts einzuwenden, denn auch diese Geschichten muss es geben. Da es aber im Mainstreamkino, zu dem Alle Farben des Lebens als Indie-Komödie zweifelsfrei gehört, noch nicht an Geschichten aus der Perspektive von Trans*personen wimmelt, ist auch der Fokus auf Maggie durchaus kritisch zu sehen.

Unterm Strich gehört Alle Farben des Lebens trotzdem zu den besten Filmen, die ich 2016 beim Filmfest Hamburg gesehen habe, nicht zuletzt deshalb, weil zwischen all den schwermütigen Dramen und herausfordernd-kryptischen Arthaus-Werken ein bisschen leichte Unterhaltung durchaus die Seele streichelt. Auch die Präsenz der Themen Gender und Feminismus in diesem Segment des zeitgenössischen Kinos ist erst einmal Anlass zur Freude und ich bin guter Hoffnung, dass derartige Besetzungspannen und die eine oder andere im Film wiedergekäute Plattitüde bald der Vergangenheit angehören.

Kinostart: 8. Dezember 2016

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