Ferien – Mut zum Chaos

Ein Gerichtssaal nur mit Frauen*: Richterin, Protokollantin, Angeklagte und Staatsanwältin. Ein ungewöhnliches Bild im deutschen Kino, nein, im Kino allgemein. Ferien ist spürbar ein Film von Frauen* über Frauen*. Hinter den Kameras stecken Regisseurin und Drehbuchautorin Bernadette Knoller, Co-Autorin Paula Cvjetkovic, Kamerafrau* Anja Läufer, Editorin Jana Dugnus, die Tonschnittleitende Luise Hofmann und viele mehr. Vor den Kameras befinden sich unter anderen Vivi (Britta Hammelstein) und Biene (Inga Busch), zwei Frauen* auf der Suche nach sich selbst.

© DCM

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Einfach mal raus – das scheint die Lösung für Vivis Burn-Out zu sein. Zumindest glaubt das ihr Vater (Detlev Buck), der sie zu einem Spontanurlaub auf einer Nordseeinsel überredet. Dort soll die patente Staatsanwältin wieder zu Kräften kommen, ein neues Lebensziel finden und am Besten noch Nachwuchs planen, denn – so Vivis Mutter – einer Frau tue es schließlich nicht gut, sich nur um sich selbst zu drehen. Und überhaupt wissen irgendwie alle besser, wie Vivi sich aus ihrem Depressionsloch zu ziehen hat: Mal die Warze im Gesicht wegmachen lassen, die Vivi eigentlich nie gestört hat, oder die Schilddrüse überprüfen lassen, wegen der Gewichtszunahme. Statt zuzuhören und Fragen nach ihren Sorgen und Träumen zu stellen, mischen sich Vivis Eltern ungefragt und auf zum Teil erniedrigende Weise in das Leben ihrer erwachsenen Tochter ein. Dabei bemerken sie nicht, dass diese Einmischung Vivi nur noch tiefer fallen, nur noch weiter flüchten lässt.

Ein sicheres Versteck findet die junge Frau bei dem verschrobenen Zimmermädchen Biene, die mit ihrem präpubertären Sohn Eric (Jerome Hirthammerein kleines chaotisches Häuschen bewohnt. Auch wenn dort alles drunter und drüber geht, herrscht hier endlich jene innere Ruhe, nach der sich Vivi gesehnt hat. Doch dann bricht Biene unangekündigt zu einer Reise unbekannter Dauer auf und lässt Vivi mit dem introvertierten – um nicht zu sagen feindseligen – Eric alleine. Was nun?

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Mit Ferien zerschlägt Bernadette Knoller erfolgreich das Klischee, Frauen* hätten keinen Humor. Mit großem Mut zur Absurdität lässt Knoller tote Tauben auf Waffelteller fallen, eine namenlose Band die Wendepunkte der Geschichte musikalisch markieren und schließlich sogar einen Wal stranden. All das macht auf den ersten Blick wenig Sinn, birgt aber eine sympathische Komik, die sich primär aus den exzentrischen Figuren, aber auch der Absurdität des Lebens ans sich ergibt. Auf den zweiten Blick dann offenbart sich hinter dem Spaß an Überzeichnung die Intention der Filmemacherin, Vivis Perspektive auf die sie zunehmend verwirrende Welt in erfahrbare Bilder und Motive zu übersetzen.

Die Heldin versteht die Welt nicht mehr – weder ihren Beruf noch ihre Beziehung und schon gar nicht ihre Eltern. Doch statt sich mit dem Versuch zu quälen, dem Sinnlosen einen Sinn abzuringen, Lebensziele aufzustellen und wieder einen geraden Weg einzuschlagen, entscheidet sich Vivi für die Akzeptanz des Chaos. Krude Figuren säumen ihren Weg, die das Kinopublikum zum Lachen, die Heldin aber nur zum liebevollen Schmunzeln bringen. Vivi fällt keine Urteile (mehr), sondern begegnet ihren Mitmenschen mit einer beneidenswerten Offenheit und Naivität, was sich letztlich als Schlüssel für wahrhaftige Beziehungen erweist.

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In Ferien reflektiert Bernadette Knoller nicht nur den erschwerten Selbstfindungsprozess der heutigen Frauengeneration, die sich mit multiplen Herausforderungen – von Kind bis Karriere, aber bitte alles zusammen – konfrontiert sieht. Auf einer subtileren Ebene verhandelt Ferien auch die Grenzen zwischenmenschlicher Begegnung. Die Figuren irren durch ein Spannungsfeld aus illegitimer Einmischung und Ignoranz, aus der Suche nach Lebenshilfe und unbedingter Selbstbestimmung. Was muss, was darf ein Mensch dem anderen nahelegen und auf welche Weise? Welche Kritik ist erlaubt, vielleicht gar notwendig, welche Entscheidungen muss jede_r für sich selbst treffen? Eine Antwort liefert Ferien übrigens nicht, weil es nämlich keine Antwort geben kann. Oder anders formuliert: Die Frage ist die Antwort! Ob die sozial isolierte Biene, die orientierungslose Vivi oder auch der pubertätsgestresste Eric, all diese Menschen brauchen vor allem eins: eine_n Zuhörer_in, aufrichtiges Interesse und Fragen statt Antworten.

So wie Vivi sich einer linearen Lebensplanung verweigert, sträubt sich übrigens auch Bernadette Knoller gegen eine klar strukturierte Dramaturgie ihrer Erzählung. Der herrlich komische Reigen absurder Figuren und Ereignisse entwickelt sich mehr und mehr zu einem latent strapaziösen Chaos, weil sich die einzelnen Handlungsstränge nicht wie erwartet zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügen, den absurden Motiven keine klare Bedeutung abzuringen ist und die Richtung der Geschichte zunehmend schwerer auszumachen ist. Das ist insbesondere im letzten Drittel des Films ein wenig frustrierend und droht das Band zwischen Zuschauenden und Protagonist_innen zu kappen. Vielleicht ist Bernadette Knoller mit ihrer offensichtlichen Liebe zum Chaos hier doch ein wenig über das Ziel hinausgeschossen.

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„Vor der Entfernung eines Wespennests, prüfen Sie, ob Sie sich nicht doch damit arrangieren können“, liest Vivi im Internet, als sie sich von den unliebsamen Zimmergenossinnen befreien will. Kurz darauf stürmt Eric in improvisierter Imker-Klamotte herein und macht den Wespen mit einem selbstgebastelten Flammenwerfer Feuer unterm Arsch.

Es gibt Dinge, die können wir nicht ändern. Dinge, die wie gestrandete Wale auf dem Strand unseres Lebens hängen: bedrohlich, bedrückend, unverrückbar. Aber es gibt auch eine ganze Menge Dinge, die wir problemlos beeinflussen, Situationen aus denen wir ausbrechen können. Und am leichtesten geht das immer noch mit den richtigen Menschen an unserer Seite. Aber damit der Hobbyimker erscheint, müssen wir ihm erst einmal von unserem Wespennest erzählen! Vielleicht ist das am Ende die unaufdringliche Botschaft, die uns Bernadette Knoller mit auf den Weg geben will.

Kinostart: 7. Juli 2016

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