DVD: American Mary

Obwohl ich dem Gruselkino allgemein eher weniger abgewinnen kann, machte mich die Story von American Mary sofort neugierig: Mary (Katharine Isabelle) ist Medizinstudentin, Fachgebiet Chirurgie, und knapp bei Kasse. Um ihren Traum von der Karriere am Skalpell nicht aufgeben zu müssen, bewirbt sie sich als Stripperin in einem Nachtclub. Just in dem Moment, in dem sie den Besitzer (Antonio Cupo) von ihren „Qualitäten“ überzeugen soll, kommt es zu einem Zwischenfall in dem zwielichtigen Etablissement. Plötzlich sind nicht mehr Marys Brüste, sondern ihre Talente als Ärztin gefragt. Die Mär über die außergewöhnliche Chirurgin verbreitet sich in Windeseile und ohne es zu merken wird Mary über Nacht zum Geheimtipp für Body Modification Jünger_innen. Wer seiner Nippel überdrüssig ist oder sich nach Teufelshörnern sehnt, wendet sich fortan vertrauensvoll an die überraschte Nachwuchschirurgin. Doch das Leben ist nicht eitel Sonnenschein und kaum hat Mary ihre finanziellen Sorgen gelöst, wartet auf sie schon der nächste und weitaus schrecklichere Tiefschlag. Fortan ist Mary nicht mehr die, die sie einmal war. Und ihre neue sadistische Ader bleibt nicht ohne Folgen.

© Universal

Auf den ersten Blick mag American Mary wie ein Film wirken, der eine starke Frau* in den Mittelpunkt stellt und durchaus eine feministische Agenda verfolgt. Die Frau *ist hier nicht (nur) Opfer, sondern auch Täterin. In meinen Augen ist diese Umkehrung jedoch nicht wirklich gelungen und bleibt in ihrer Andeutung stecken. Zu oft sehen wir Mary leicht bekleidet, beispielsweise gleich zu Beginn, wenn sie im schwarzen Negligee Truthahnteile zusammennäht, als sei dies die normale Arbeitskleidung einer Nachwuchschirurgin. Obwohl Mary durch einen Wink des Zufalls statt erotischer Talente ihre Fähigkeiten am Skalpell demonstrieren darf und somit ihre Karriere nicht durch ihren Körper, sondern durch ihr Wissen  beginnt, verzichten die Regisseurinnen Jen und Sylvia Soska nicht darauf, sie uns immer wieder als erotische Fantasie zu präsentieren. Barbesitzer Billy stellt sich nur zu gerne vor, wie Mary sich an seiner Pole Dance Stange räkelt und wir als Zuschauer_innen dürfen netter Weise Zeuge dieser Wichsfantasien werden. Auch die Versäumnis, Mary zumindest mit einem im Ansatz schlüssigen Charakter und einer Persönlichkeitsentwicklung zu versehen, reduziert die Hauptfigur bedauerlicher Weise komplett auf ihre Körperlichkeit. Wie schade, denn eigentlich ist American Mary ja die Geschichte einer Frau*, die sich nichts gefallen lässt und ihr Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Dabei darf sie sogar mit der gefürchteten Kastrationsangst der Männer* spielen. Und die haben es verdient: Ob der Nachtclubbesitzer oder die Chirurgen – alle sehen in Mary nur ein Genital auf zwei Beinen.

© Universal

Und so könnten Marys augenscheinlich unpassenden Outfits und Billys fehlplatzierte Fantasien durchaus auch eine Sexismus-Kritik darstellen. Auch die Thematik der Body Modification wirft für mich die interessante Fragen nach der Grenze zwischen legitimer Schönheitschirurgie und Verstümmelung, aber auch nach der Unterscheidung von selbstbestimmter Körpergestaltung und banalem Wahnsinn auf. Dabei bewegen sich die Regisseurinnen jedoch nah an der Grenze des politisch Korrekten und lassen auch weibliche Genitalverstümmelung nicht aus, ohne dieses Element mit der meiner Meinung nach gebotenen Konsequenz zu verurteilen. Denn die Patientin unterzieht sich dieser Prozedur freiwillig und zumindest mir schien die Message an dieser Stelle viel zu ambivalent.

So oder so bleibt für mich vollkommen unklar, was American Mary eigentlich sein will. Es finden sich viele kritische Ansätze, die die Zuschauer_innen auf Grund mangelnder Konsequenz jedoch eher irritieren statt zum Nachdenken anzuregen. So richtig durchdacht scheint das alles nicht zu sein. Der Film ist wie einer von Marys zusammengeflickten Truthähnen. Irgendwie sind alle Teile da, aber zum Leben erwacht er trotzdem nicht. Es mangelt an Seele! Auf Grund fehlender Charakterentwicklung wird Mary als Mensch zu keinem Zeitpunkt erfahrbar, ihre Handlungen können wir immer schwerer nachvollziehen. Sie ist nur mehr eine leblose Figur in einem in seiner Morbidität durchaus interessanten Setting. Aber eine packende Geschichte kann sich unter diesen Voraussetzungen einfach nicht entwickeln.

© Universal

Das ist wirklich extrem bedauerlich, denn die skurrile, morbide Stimmung des Films hat mir außerordentlich gut gefallen und das Konzept selbst birgt eine Menge Potential. Aber die Idee selbst kann den Film einfach nicht über die gesamte Laufzeit retten. Dafür braucht es schon ein wenig Spannung, die immer auch mit der Glaubwürdigkeit der Ereignisse und der Personen zusammenhängt. American Mary legt einen steilen Start hin, verliert aber zusehends an Qualität, so dass die letzten zwanzig Minuten sich unnötig ziehen.

Die geschnittene Version, die ich in den Händen hielt, war darüber hinaus erstaunlich wenig explizit. Ob ihr euch Marys Operationen im Detail anschauen wollt, ist natürlich eure Entscheidung. Es sei nur darauf hingewiesen, dass sich Fans von Kunstblut und zerstückelten Leibern hier wohl eher langweilen werden.

It's only fair to share...Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Flattr the authorEmail this to someone