Drei Gedanken zu: THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI

Mit Drei Gedanken zu versuche ich mich an einem neuen Konzept für die FILMLÖWIN, das es mir ermöglicht, pointiert und feministisch-kritisch einzelne Aspekte eines Films zu benennen und anzureißen, ohne in eine ausführliche Betrachtung derselben einzusteigen. Quasi das Pendant zum Blockbuster-Test für Arthaus-Filme und immer dann angewandt, wenn ich einen Film nicht auf einen einzigen Aspekt runterbrechen möchte. Ziel ist es nicht, eine Bewertung auszusprechen, sondern neue Perspektiven auf den Film zu eröffnen, Fragen zu formulieren, Gedanken anzustoßen.

Den Auftakt macht Three Billboards Outside Ebbing, Missouri von Martin McDonagh.

1. Im Kampf gegen die Rape Culture: Warum ein Call Out immer mutig ist

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ist eine gute Gelegenheit, einen weiteren jener Begriffe einzuführen, die es noch nicht zur einer deutschen Übersetzung gebracht haben, weil uns der entsprechende Diskurs fehlt: Call Out. Bei einem sogenannten Call Out geht es, wie der Name schon vermuten lässt, um Öffentlichkeit, nämlich um das Benennen eines Missstandes und einer Verantwortlichkeit mit einem konkreten Adressaten. Genau das tut die Heldin Mildred (Frances McDormand): Sie plakatiert auf drei großen Leinwänden an einer Landstraße die Anklage an den örtlichen Polizeichef Willoughby (Wood Harrselson), dieser habe bei der Aufklärung des brutalen Mordes an ihrer Tochter Angela versagt. Sie nennt dabei nicht nur den Namen des Polizisten, sondern beschreibt auch den Tathergang mit unmissverständlichen und verstörenden Worten: „raped while dying“, vergewaltigt, während sie im Sterben lag.

© 2017 Twentieth Century Fox

Der Call Out bewirkt genau das, was er soll: Er lenkt die Aufmerksamkeit aller Menschen auf das schon Monate zurückliegende Verbrechen und schürt dabei jede Menge Aggressionen – allerdings weniger gegen die untätige Polizei als gegen Mildred selbst, die nun als Unruhestifterin an den Pranger gestellt wird. Doch Mildred lässt sich nicht „silencen“ – wieder ein englisches Wort ohne deutsches Pendant. Sie setzt alles daran, den Tod ihrer Tochter im kollektiven Gedächtnis der Stadt zu erhalten und die Polizei mit allen Mitteln zu weiteren Ermittlungen zu zwingen.

Damit zeigt Three Billboards Outside Ebbing, Missouri nicht nur die Wirkung eines Call Outs, sondern auch den Mut der „Rufenden“, die sich durch ihr Engagement angreifbar machen und zum Opfer eine Hexenjagd werden – obwohl paradoxer Weise ihnen genau das in der Regel vorgeworfen wird. Dabei geht es Mildred, so wie auch den meisten Sprecher_innen eines Call Outs, nicht nur um die Anklage einer einzelnen Person, sondern auch um das Anstoßen eines Diskurses anhand eines konkreten Falls, was meist wirkungsvoller ist als allgemein gehaltene Aussagen. Parallel dazu weiß auch der Film selbst das Thema Rape Culture anhand klar definierter Akteure anzusprechen, ohne dabei auf vereinfachte Schuldzuweisungen zurückzugreifen. Doch dazu später mehr.

Bei allem Lob dafür, die Strategie des Call Outs ins Zentrum eines so packenden wie auch unterhaltsamen Films zu stellen, gibt es hinsichtlich des Themas Rape Culture doch auch einen Wermutstropfen. Denn während durchaus deutlich wird, dass die Vergewaltigung und der Mord an Angela keinen isolierten Einzelfall darstellen, so spielt sich diese Tat doch klassisch „in einer dunklen Gasse“, hier auf einer dunklen Landstraße, und in Zusammenhang mit einem völlig Fremden ab. Es ist aber eben dieses in Film und Fernsehen durch Wiederholung zementierte Narrativ, das die Realität verschleiert: In den meisten Fällen findet sexualisierte Gewalt im Familien-, Bekannten-, Kolleg_innenkreis und damit in unserem direkten Umfeld statt.

© 2017 Twentieth Century Fox

2. Komplexe Figuren ermöglichen komplexe Geschichten

Nicht umsonst taucht in den ersten Filmminuten von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri die Kurzgeschichte A Good Man Is Hard To Find von Flannery O’Connor auf, in der es unter anderem und je nach Interpretation um das Zusammenwirken von Gewalt und Gnade geht. Auch für Mildred, Polizeichef Willoughby und die anderen involvierten Personen spielt Wut, Vergeltung und Vergebung eine große Rolle.

Es ist die große Stärke des Drehbuchs von Martin McDonagh, dass er die Hauptfiguren komplex anlegt und nicht der Versuchung erliegt, einfache Unterscheidungen zwischen Gut und Böse zu treffen. Mildred ist nicht einfach nur das Opfer eines ignoranten Polizeiapparats, sondern rachsüchtig, selbstgerecht und zuweilen gar grausam. Willoughby wiederum ist kein misogynes Arschloch, das sich lieber die Eier schaukelt als eine Vergewaltigung aufzuklären, sondern ein fürsorglicher Familienvater, der auf Grund einer schweren Krebserkrankung mit eigenen Sorgen belastet und bei aller berechtigten Kritik an seiner Arbeit durch und durch menschlich ist.

© 2017 Twentieth Century Fox

In den Nebenrollen sieht das Ganze ein wenig anders aus. Insbesondere der impulsiv-aggressive und dabei übertrieben einfach gestrickte Polizist Dixon (Sam Rockwell) ist nicht viel mehr als ein wandelndes Beispiel für toxic masculinity (wir müssen dringend mal diese Begriffe übersetzen!), weshalb uns auch seine Bekehrung nichts darüber mitzuteilen weiß, wie diesem destruktiven Muster tatsächlich beizukommen wäre. Immerhin gibt es in Ebbing, Missouri, ganz im Namen der Geschlechtergerechtigkeit, dumme Frauen* ebenso wie dumme Männer*, wobei die Art und Weise wie sich hier über Menschen mit wenig Allgemeinwissen lustig gemacht wird, als klassistische Perspektive durchaus zu kritisieren ist.

Wo aber zumindest die Hauptfiguren große Komplexität erreichen, vermag auch die Geschichte mehr als nur von Rache und Vergeltung, sondern auch von Gnade zu erzählen, dem vielleicht zentralen Moment dieses Films. Im Laufe der Geschichte gibt es zahlreiche Momente der Vergebung. Letztlich geht es weniger darum, wer Angela vergewaltigt und getötet hat, als um die Frage, wie die Überlebenden mit diesem Ereignis leben, wie ihre Wunden heilen können. Dass Martin McDonagh uns darauf keine einfache Antwort gibt, entspricht dem in seinen Figuren angelegten Anspruch an Komplexität. Und eines ist am Ende von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ohnehin klar: Den Vergewaltiger zu fassen macht nichts „wieder gut“, da das Drama viel größer ist als diese einzelne Tat.

How Come Martin McDonagh?! – Im Pressematerial war leider kein Bild von einer Person of Color enthalten © 20th Century Fox

3. Auch wo Rassismus draufsteht, ist manchmal Rassismus drin

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri erzählt von einer Vergewaltigung ohne sie zu zeigen. Das finde ich großartig. Der Film erzählt allerdings auch von Rassismus, ohne ihn zu zeigen, und das wiederum funktioniert weniger gut. Immer wieder wird die Diskriminierung von People of Color (schon wieder ein Anglizismus) durch die örtliche Polizei erwähnt. Bis auf eine Ausnahme gibt es hierfür allerdings keine sichtbaren Beispiele, was in erster Linie daran liegt, dass das Drehbuch – blind für den eigenen Rassismus – nur zwei (!) Rollen für People of Color bietet. Dabei ist insbesondere der Part von Mildreds Freundin und Kollegin Denise (Amanda Warren) unnötig marginalisiert, hat kaum Screentime und dient im Grunde ausschließlich dazu, einmal exemplarisch das Verhalten rassistischer Polizisten durchzuexerzieren.

Denise eine größere Rolle innerhalb der Geschichte zuzugestehen, hätte den Film auch hinsichtlich der Geschlechterrollen aufgewertet. Denn obwohl der Themenkomplex Call Out/Rape Culture hier durchaus feministisch genannt werden kann, sind die Frauen*figuren doch auffällig in der Unterzahl und treten vornehmlich als Mütter in Erscheinung. So kann ich Three Billboards Outside Ebbing, Missouri leider das Prädikat Emanzipatorisch Wertvoll nicht verleihen. Das Votum „sehenswert“ bekommt der Film von mir aber unbedingt!

Kinostart: 25. Januar 2018

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