Drei Gedanken zu: I, TONYA

I, Tonya ist das zigste Bio-Pic über eine Frau*, das mit ihrem Vornamen betitelt ist und nach Battle of the Sexes das zweite filmische Sportlerinnenportrait innerhalb weniger Monate, das nur als Komödie und im Mann*-Frau*-Ensemble funktioniert. Zu Letzterem später mehr. Im Zentrum der Geschichte steht die Eiskunstläuferin Tonya Harding, die in den 80er Jahren gleich doppelt Geschichte macht: Zunächst mit ihren Leistungen, denn als erste Frau* stand sie den dreifachen Axel auf dem Eis. Dann mit einem Skandal, als sie für ein Attentat auf ihre Konkurrentin Nancy Karrigan mit verantwortlich gemacht wurde. I, Tonya von Regisseur Craig Gillespie und Drehbuchautor Steven Rogers (wem fällt was auf?) erzählt eine Version der Ereignisse, die zu diesem Skandal hin- und Hardings Karriere zu einem Ende führten.

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Wer Humor hat, kann auch über häusliche Gewalt lachen

Ja, ihr habt richtig gelesen. Wenn euch bei diesem Statement übel wird, habt ihr halt keinen Humor! So einfach ist das! Tonya Harding (Margot Robbie) erfährt zunächst durch ihre Mutter (Allison Janney) und dann durch ihren Lebensgefährten, später Ehemann, Jeff (Sebastian Stan) massive häusliche Gewalt. Zahlreiche Szenen illustrieren die Schläge anschaulich, während die Montage das ganze in ein humoristisches Licht taucht. I, Tonya ist durchgehend eine Komödie und so ist es nur logisch und natürlich, dass auch das Thema häusliche Gewalt humoristisch verhandelt wird. Kommt schon, jetzt habt euch mal nicht so!

Zugegebener Maßen macht der Film bei der Darstellung dieses sensiblen Themas auch ein paar Sachen richtig. So erscheint Tonya nie als passives Opfer, sondern setzt sich stets tatkräftig zur Wehr, ruft die Polizei, erstattet Anzeige. Zudem erfolgt eine Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext, wenn Polizisten das blutüberströmte Gesicht Tonyas bei einer Straßenkontrolle großzügig übersehen und der Film damit die mangelhafte Konsequenz in der Strafverfolgung von häuslicher Gewalt anprangert. Bedrückend gestaltet sich auch eine der vielen Versöhnungen Tonyas mit Jeff, die aus gesellschaftlichem Druck entsteht: Um das gewünschte Image ihrer Sportgemeinschaft zu verkörpern, muss Tonya als Ehefrau* auftreten und somit in die Hölle ihrer abusiven Beziehung zurückkehren.

Insgesamt aber ordne ich den Umgang von Regisseur Craig Gillespie mit dem Thema häuslicher Gewalt als verantwortungslos ein. Auch wenn das Hin und Her aus Loslösen und Zurückkehren Teil einer jeden abusiven Beziehung ist, rücken die verspielt-liebevollen Szenen Jeff doch in ein falsches, verharmlosendes Licht. Auch entsteht durch die humoristische Brechung und die Distanz zur Hauptfigur ein unzureichendes Maß an Empathie für Tonyas Situation und den mit häuslicher Gewalt verbundenen Psychoterror.

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Klassismus kann auch aus klassistischer Perspektive kritisiert werden

I, Tonya ist zu großen Teilen auch eine Geschichte über Klassismus, erzählt der Film doch von einer jungen Frau* aus prekären Verhältnissen, die sich in einem bislang der Oberschicht vorbehaltenen Sport bewährt. Immer wieder stößt Tonya auf Grund ihrer Schichtzugehörigkeit auf Widerstände, beispielsweise wenn ihr auf Grund des improvisierten selbstgenähten Kostüms Punkte abgezogen werden.

Leider ist der Film selbst nicht frei von einer klassistischen Perspektive. Tonyas Familie bestätigt so ziemlich jedes „White Trash“-Klischee: Die Mutter raucht Kette, hat ständig wechselnde Partner und für ihre einzige Tochter keine Liebe übrig. Der Vater, der hier als eindimensional wohlwollend und integer auftritt, verschwindet schnell spurlos, vermutlich weil moralisch integre Menschen in der Unterschicht nichts zu suchen haben. Tonya selbst wirkt in ihrem vulgären Habitus komödiantisch überzeichnet, eher als Objekt des Humors denn als Subjekt der Erzählung. Der Film begegnet ihr nicht auf Augenhöhe, sondern von oben herab, auch zu Weilen mit einer paternalistisch wohlmeinenden Haltung. Echter Respekt entsteht für die Heldin hier daher ebenso wenig wie Nähe oder Identifikationspotential.

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Es ist naiv, immer wieder aufstehen zu wollen

Nach Battle of the Sexes scheitert mit I, Tonya ein weiterer Film daran, ein respekteinflößendes Sportlerinnen-Portrait auf die Leinwand zu bringen. Beide Filme begehen in dieser Hinsicht dieselben Fehler: Sie arbeiten großzügig mit Humor und rauben ihren Figuren dem im Genre eigentlich tief verwurzelten Pathos. Und sie trauen sich nicht, den Fokus auf die Heldin zu legen, sondern arbeiten mit einer männlichen* Nebenfigur, die auf Grund ihrer dramaturgischen Macht eigentlich eine zweite Hauptfigur darstellt.

Die Beziehungsgeschichte nimmt in I, Tonya mindestens so viel Raum ein wie die geschilderte Sportkarriere und es gibt mehr Szenen häuslicher Gewalt als Trainingssequenzen. Somit erhält Jeff ebenso viel Screentime wie Tonya und ist darüber hinaus auch einer der Erzähler*innen der Rahmenhandlung. Seine Version steht nahezu gleichberechtigt neben der von Tonya, deren Glaubwürdigkeit leider von vornherein untergraben wird. Der Satz „That wasn’t my fault“ wird durch Wiederholung und zum Teil offensichtliche Deplatzierung seiner Wort-Bedeutung beraubt und in eine ironische Bemerkung verkehrt. Gerade im Kontext von häuslicher Gewalt und den Ereignissen, die zu Hardings Karriereende führten, ist diese ironische Note durchaus problematisch. Denn im Grunde hat Tonya keine Chance mehr auf Unschuld, wenn die Behauptung derselben immer nur ein ironisches Schuldeingeständnis darstellen kann.

Somit ist es kein Wunder, dass die Figur im Zuge der Handlung nicht stärker, sondern schwächer wird. Wo Tonya zunächst durch ihre Entschiedenheit und verbitterte Stärke beeindruckt, durch Entscheidungen ihr Leben aktiv lenkt, wenn auch manchmal in ungünstige Bahnen, erscheint sie am Ende als gebrochene Frau*. Hier stellt sich endlich die Tragik und Trauer ein, die im Zusammenhang mit der erlebten häuslichen Gewalt angesagt gewesen wäre.

Dass Tonya am Ende eine neue Karriere im Boxsport beginnt, in der letzten Szene nach einem schweren Schlag wieder vom Boden aufsteht, ist nur ein kleines Trostpflaster. Sie geht nicht als Siegerin aus dem Kampf ihres Lebens hervor und ebenso wenig als Kämpferin, sondern als ewige Verliererin, die im Grunde nur aufsteht, um wieder niedergeschlagen zu werden. Damit setzt sie die Tragik ihres von Gewalt gekennzeichneten Lebens fort, denn – wie sie selbst im finalen Voice Over sagt – Schläge sind ihr ja vertraut.

Es gäbe so viele Möglichkeiten, diese Geschichte als ein Empowerment zu erzählen, in die Lebenswelt der Heldin einzutauchen und ihre Stärke zu betonen statt ihre Niederlagen auszukosten. Leider ist I, Tonya ein weiteres Beispiel dafür, wie Bio-Pics über Frauen nicht sein sollten.

Kinostart: 22. März 2018

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