Die Schöne und das Biest und die toxische Männlichkeit

Auch in seiner jüngsten Version bleibt das Disney-Märchen Die Schöne und das Biest dem Titel entsprechend eine Mär von der äußeren Schönheit. Freilich geht es eigentlich darum, hinter die Fassade eines haarigen Biests zu schauen. Doch das Happy End besteht eben immer noch darin, dass es sich in einen Prince Charming mit „normalem“ Haarwuchs, ohne Krallen und einem lieblichen, jungenhaften Antlitz verwandelt.

Das normierte Schönheitsideal begegnet uns in Die Schöne und das Biest an jeder Ecke. Ob es nun Belle ist, deren Sympathiebonus innerhalb ihres Dorfes alleinig in unvergleichlicher Schönheit gesehen wird, oder die alternde Bettlerin, die sich als steno-schöne Fee mit blondem Haar und schlank genormtem Körper entpuppt – die Vorstellung davon was „Schönheit“ bedeutet, ist auch in der jüngsten Leinwandversion des Märchen strotz anvisierer Diversität hinsichtlich der Hautfarben sehr begrenzt.

Ebenso fragwürdig ist wie eh und je die Entwicklung Belles, der Querdenkerin ihrer Dorfgemeinschaft, der jungen Frau* mit Ambitionen, die noch nicht bereit für Familiengründung ist, sondern erst einmal die Welt entdecken und erobern möchte, und die ihr Lebensglück dann doch ausschließlich in den Armen eines Prinzen findet. So richtig emanzipatorisch wertvoll kann ich das nicht finden.

© Disney

Was ist toxische Männlichkeit?

Aber es lohnt sich, hier nicht nur hinter die Fassade des verwunschenen Prinzen, sondern auch die des Films zu blicken, denn dahinter verbirgt sich ein starkes Statement gegen toxic masculinity.

Toxic masculinity ist einer der Termini, wie beispielsweise auch rape culture, die wir in Deutschland auch deshalb auf Englisch verwenden, weil sie bedauerlicher Weise immer noch nicht fest in unseren Diskursen verankert sind. Die toxische, also giftige Männlichkeit* bezeichnet kulturell als männlich* geprägte Eigenschaften wie Dominanz, Misogynie, Narzissmus, Härte, Aggressivität. Aus dieser Aufzählung geht umgehend hervor, weshalb sie als toxisch beschrieben wird: Sie ist, brachial gesagt, asozial. Freundlich gesagt: Schwer mit dem Gemeinwohl vereinbar.

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Toxische Männlichkeit I: Gaston

Die erste Figur, die dieses Prinzip in Die Schöne und das Biest verkörpert, ist Gaston, der gerne ein Prince Charming wäre, aber nie über den Stand eines verachtungswürdigen Dummkopfes hinauskommt. Und warum? Gaston ist so in sich selbst verliebt, dass die Wahl seiner Herzensdame, Belle, eine rein narzisstische ist. Er sieht die junge Frau* niemals als eigenständiges Wesen, sondern ausschließlich als Dekoration seiner eigenen Person. Seine Liebe folgt der Logik, dass nur die schönste Frau* für ihn, den schönsten Mann*, gut genug sei. So ist er auch nicht in der Lage, ihr eine eigene Persönlichkeit oder eigene Entscheidungen für ihr Leben zuzugestehen. Er will sie heiraten und damit ist diese Eheschließung besiegelt.

Gaston ist ein General, dessen Kriegserfahrungen jedoch kein Trauma, sondern eine Entlastungsfantasie darstellen. Gewaltbereitschaft wird damit zur moralischen Haltung. Wenn Gaston mal wieder aufbrausend die Kontrolle über sich selbst und auch noch den letzten Funken Empathie verliert, dann helfen ihm die Gedanken an Krieg, Tod und Witwen dabei, wieder zur Ruhe zu kommen. Auch in dieser Vorstellung sind die Frauen* im Übrigen wieder entmenschlicht, wobei zu Gastons Verteidigung gesagt werden sollte, dass er als vollendeter Narzisst im Grunde alle Menschen lediglich in Relation zu sich selbst und nicht als unabhängige Wesen begreifen kann.

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Toxische Männlichkeit II: Das Biest

Der zweite toxische Mann* begegnet uns in der Person des Biests. Nicht umsonst formuliert Belle am Ende die Frage, wer denn hier das eigentliche Biest sei – ihr neuer haariger Freund oder Gaston. Tatsächlich unterscheidet sich der Prinz vor seiner Transformation nur unwesentlich von Gaston, was ja der Grund für den verhängnisvollen Fluch darstellt, mit dem ihn die Zauberin belegt: Das Äußere passt jetzt zum Inneren.

Das Korrektiv, was wohl die Absicht des Zauberspruchs war, lässt allerdings auf sich warten. Als das Biest Belle begegnet, ist es noch immer jähzornig, jeglicher Empathie beraubt und dominant bis aggressiv. Und auch das Biest kann sein weibliches* Gegenüber zunächst nur funktional begreifen, als potentiellen Ausweg aus der Verwünschung, und nicht als Mensch, mit dem mitzufühlen eine Beziehung ermöglichen könnte.

Aber das Biest hat seine Rechnung ohne Belle gemacht, die sich stringent weigert, die ihr zugedachte Rolle zu übernehmen. Sie denkt gar nicht daran aufzugeben oder aus Angst Zustimmung und Sympathie vorzutäuschen. Stattdessen fordert sie das Biest ein ums andere Mal auf unterschiedliche Weise heraus. Sie ist ohne Frage der Typ Frau*, der allgemeinhin als kompliziert oder streitsüchtig bezeichnet wird, tatsächlich aber einfach keine Lust hat, zu allem ja und amen zu sagen. Vor allem aber lässt sie sich von Physis und Dominanz wenig beeindrucken. Sie hat ja Gaston nicht umsonst einen Korb gegeben!

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Schließlich bringt Belle dem Biest bei, dass es gerne groß, stark und haarig bleiben darf, wenn es dabei doch bitte weiter als bis ans Ende der eigenen Nasespitzen denken würde. Vor diesem Hintergrund erscheint auch der Wendepunkt der Geschichte, wenn das Biest seine entflohene Gefangene vor einem Rudel Wölfe rettet, in einem neuen Licht: Natürlich wird hier das Stereotyp des starken Mannes* zementiert, der dem hilflosen Frauchen* zur Hilfe eilt. Aber das ist nicht der Grund für Belles wachsende Zuneigung. Das Biest handelt nicht aus Egoismus oder Geltungsdrang, sondern aus Fürsorge und nahezu selbstlos. Zudem wird durch die schweren Bissverletzungen seine eigene Schwäche offenbar. Und so kommt es zu den ersten, noch zaghaften und zickigen Annäherungen zwischen den beiden. Es entsteht ein Diskurs, innerhalb dessen das Biest sich beispielsweise für die Schönheit von Liebesgeschichten öffnet und damit auch für „Gefühlsduseleien“, die in der toxischen Männlichkeit* keinen Raum haben.

Wenn sich das Biest in Belle verliebt, dann nimmt es Abschied vom eigenen Narzissmus. Dann entscheidet es sich für eine Frau*, die keine Dekoration ist, die nicht nur für den Mann*, sondern zuerst einmal für sich selbst existiert. Es entscheidet sich für eine Beziehung auf Augenhöhe, die nicht durch Dominanz und Unterwerfung, sondern durch Mitgefühl und gegenseitige Unterstützung gekennzeichnet ist, durch Freiheit, die herausfordert, aber eben deshalb Wachstum möglich macht. Nur auf diesem Wege kann das Biest wieder zum Menschen werden.

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Toxische Männlichkeit III: Ein Blick auf uns

Gaston hingegen brodelt immer noch im eigenen Sud. Sein Ziel ist und bleibt die schönste Frau* gegen ihren Will an ihn zu binden. Und so wiegelt er das ganze Dorf gegen das Biest auf. Wie er da so steht und seine Mitmenschen davon zu überzeugen sucht, dass das Biest eine Bedrohung darstelle, vor der er als Held nun alle retten werde, erinnert er ein bisschen an deutsche Männer*, die sich Anfang 2016 darüber entrüsteten, durch die starke Zuwanderung sei Deutschland für Frauen* ein gefährlicher Ort geworden, die dabei aber nicht in der Lage waren, ihr eigenes, beträchtliches Sexismus-Päckchen einmal genauer anzusehen. Weil es ja immer so viel einfacher ist, mit dem Finger auf das „Andere“ zu zeigen als sich an die eigene Nase zu fassen.

Toxische Männlichkeit* bietet dafür einen idealen Nährboden. Wo Aggressivität brodelt, der Fokus nie größer als das eigene, individuelle Wohlergehen wird, Frauen* nur eine Funktion für das Unterstreichen der eigenen Großartig haben, Emotionen unterdrückt, Empathie und Hilfsbereitschaft als Schwäche verurteilt werden, da gedeiht Fremdenfeindlichkeit prächtig. Das Biest reiht sich ein in eine lange Tradition von Buhmännern weißer Arschlöcher. Egal ob es der schwarze Mann* ist, der Araber oder auch Moslem oder eben das Biest: Schuld und toxisch sind immer die anderen. Und das ist das wahre Gift.

Wenn das Biest sich wieder zurück in einen Prinzen verwandelt, sieht es in der Tat ziemlich weichgespült aus – und das meine ich beschreibend und nicht wertend. Belle aber interessiert sich ohnehin nicht für den Körper ihres Zukünftigen, sondern blickt ihm Ausschließlich in die Augen. Weil es eben auf die Maske und das Kostüm nicht ankommt, nicht auf die Performanz dessen, was vermeintlich als besonders männlich* gilt. Sondern auf die Menschlichkeit. Vielleicht ist Die Schöne und das Biest damit am Ende doch ein bisschen emanzipatorisch wertvoll. Wenn auch anders als gedacht.

auf DVD erschienen

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