Die Academy kann nix dafür – Wo die Quote (k)einen Sinn hat

Nichts ist so schön wie sich über andere Leute aufzuregen. Und ich gebe zu, dass es mir manchmal genauso geht. Schließlich rege ich mich hier des Öfteren über Missstände auf, über Diskriminierung vor und hinter der Kamera, über Sexismus in Film und Fernsehen und so weiter. Damit bin ich nicht alleine. Insbesondere die amerikanischen Kolleginnen kommentieren fleißig das cineastische Zeitgeschehen aus der Gendersperspektive. Und steht ein mediales Großereignis wie zum Beispiel eine Oscar-Verleihung an, dauert es nicht lange, bis die erste feministische Kritik an den Nominierungen laut wird.

© Studiocanal

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Auch hier nehme ich mich nicht aus. Ich habe mich genauso darüber geärgert, dass unter den Vorschlägen für den Regie-Oscar einmal mehr keine Frau* zu finden ist. Der Nominierung von Selma in der Kategorie „Bester Film“ stehe ich aus verschiedenen Gründen skeptisch gegenüber. Zum Einen weil der Film meiner Meinung nach weit entfernt vom besten des vergangen Jahres ist. Aber auch, weil diese Nominierung nicht über die Tatsache hinwegtrösten kann, dass Ava DuVernay als Künstlerin so oder so leer ausgeht. Zwar sind im Produzent_innen-Team, das den Preis gegebenenfalls entgegennehmen dürfte, mit Dede Gardner und Oprah Winfrey auch zwei Frauen* vertreten, doch geht es beim Kampf um den Regie-Oscar auch um das Aufbrechen eines männlich dominierten Künstler-Begriffs: der Auteur, der Schöpfer eines cineastischen Werks. Wie oft tauchen diese Begriffe im Zusammenhang mit Regisseurinnen auf? Wie oft wird die prägnante Handschrift einer Filmemacherin gelobt (wenn sich nicht unbedingt Jane Campion oder Kathryn Bigelow heißt)? Ist es nicht an der Zeit, Frauen* dieselben Fähigkeiten als Künstlerinnen und dasselbe Recht auf den Prestige-trächtigen Regie-Oscar einzuräumen?

Die Antwortet lautet: JA, JA und nochmals JA!

Aber die Academy, so meinen wir, hat den Schuss einfach nicht gehört, ignoriert großzügig die großen Werke von Regisseurinnen und nominiert weiterhin einen Mann nach dem anderen. Sexistisch ist sie, die Academy! Im letzten Jahrtausend stecken geblieben. Lasst sie uns an den Pranger stellen und mit brennenden BHs bewerfen!

Halt! Stopp! So einfach ist das nämlich nicht mit den Nominierungen. Just zu der Zeit, als sich das Internet über die Nominierungen für die 87. Oscar-Verleihung zu echauffieren begann, rauften meine Kommissionskolleg_innen und ich uns gerade die Haare über die Nominierungen für den Grimme-Preis 2015 im Bereich „Fiktion“.

pro quote regieZur Auswahl standen Filme und Serien, die für das Fernsehen oder in Ko-Produktion mit dem selbigen entstanden und im vergangenen Jahr ausgestrahlt worden waren. Wer in den letzten Wochen und Monaten die Berichterstattung zur Initiative „Pro Quote Regie“ gelesen hat, dem ist vielleicht auch der eklatant niedrige Anteil von Regisseurinnen beim Fernsehfilm in Erinnerung geblieben. Nur 11% der Prime-Time-Filmminuten entstehen unter weiblicher Regie. Und das bei einem fast ausgeglichenen Geschlechterverhältnis unter den Absolvent_innen der Filmhochschulen. Der Mangel an weiblichen Filmschaffenden kann also nicht als Begründung für das Fehlen der Regiefrauen* im Fernsehen herangezogen werden.

Bei nur 11% Regisseurinnen überrascht es dann schließlich auch nicht, dass unter den von uns zur Vorauswahl für den Grimme-Preis eingereichten Filmen und Serien nur knapp 15% von Frauen* stammten. Aber was kann frau da als selbsternannte Film-Emanze in einer derart verantwortungsvollen Position unternehmen? Ist das der entscheidende Moment, um ein Zeichen zu setzen, um endlich selbst aktiv eine Quote durchsetzen? Jetzt und hier: Tschakka!?

Nein. Denn wir tun ja keiner Frau* einen Gefallen, wenn wir ihren Film nur auf Grund ihrer Geschlechtsidentität nominieren. Das ist nicht nur ungerecht gegenüber besseren Werken, sondern auch ungerecht gegenüber den Filmemacherinnen, die es verdient haben, mit genau denselben Maßstäben gemessen zu werden wie ihre männlichen Kollegen. Gleichberechtigung heißt doch auch Gleichbegutachtung. Und natürlich ergibt sich daraus ein nicht sonderlich vorzeigbares Nominierungsergebnis, das unter 17 für den Grimme-Preis 2015 vorgeschlagenen Spielfilmen nur drei Werke von Frauen* vorweisen kann.

Wenn ich in diesem Prozess aber eins gelernt habe, dann folgendes: Ein Preis ist nicht der richtige Platz für eine Quote! Das Geschlecht der Filmschaffenden sollte für die Auswahl eines Films – egal ob beim Golden Globe, Oscar oder Grimme-Preis – keine Rolle spielen. Damit würden wir das Pferd von hinten aufzäumen. Wichtiger und richtiger ist, das Problem an der Wurzel zu packen: bei den Fernseh- und Förderungsanstalten. Wenn sich beispielsweise die Öffentlich Rechtlichen einer Regie-Quote verschreiben würden, dann gäbe es auch eine Chancengleichheit der Geschlechter beim Grimme-Preis. Dasselbe lässt sich auf Filmförderungen und kleine und große Filmstudios anwenden, um eine stärkere weibliche* Präsenz in den Kinos zu erzielen.

Wenn Männer* und Frauen* im kreativen Schaffensprozess ihrer Filme über dieselbe finanzielle und strukturelle Ausgangsposition verfügen, gleichen sich automatisch auch ihre Chancen auf eine Auszeichnung einander an.

Wir sollten die Academy also lieber doch nicht mit brennenden BHs bewerfen. Die heben wir uns lieber für die Förderinstitutionen, die Fernsehsender und die großen Filmstudios auf. Attacke!

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