Can’t Be Silent

dieser Text ist erstmalig auf kino-zeit.de erschienen

Strom & Wasser feat. The Refugees heißt die Band, die Heinz Ratz ins Leben gerufen hat. Nachdem er im Rahmen einer Tour verschiedene Flüchtlingslager besucht hatte, entwickelte er die Idee, musikalische Asylbewerber_innen mit auf die Bühne zu holen und mit ihnen eine CD aufzunehmen. Für diesen Einsatz erhielt er sogar eine Auszeichnung der Bundesregierung, die er jedoch mit gemischten Gefühlen entgegennahm. Lieber wäre ihm wohl, die Regierung würde sich für bessere Bedingungen in den Asylant_innenheimen einsetzen.

© good movies!

Die Einblicke in die kargen Behausungen sind erschreckend. Nicht überall wird der Regisseurin Julia Oelkers Eintritt gewährt, aber dort, wo ihre Kamera sich umschauen darf, sieht es trist und beengt aus. Doch die Qualität der Unterkünfte ist das kleinere Problem. Viel stärker leiden die Bewohner_innen unter der eingeschränkten Bewegungsfreiheit und der permanenten Angst vor Deportation. Nuri, einer der Rapper der Band, berichtet von der Auflage, nicht einmal das Stadtgebiet verlassen zu dürfen, um Freund_innen in einem der umliegenden Dörfer zu besuchen. Alle Protagonist_innen berichten gleichermaßen von dem Gefühl eingesperrt zu sein. „Das ist kein Heim, das ist ein Gefängnis“, beurteilen sie ihre Unterkunft.

Mit Heinz Ratz auf der Bühne zu stehen bedeutet also vor allem eins: Freiheit. Und die Freude über diese Errungenschaft ist den Künstler_innen buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Egal wie deprimiert oder frustriert sie sich in den Interviews zeigen, sobald sie singen oder musizieren, beginnen die Augen zu leuchten und die Mundwinkel heben sich zu einem Lächeln. Dabei verzichtet Julia Oelkers darauf, diesen Gegensatz in Szene zu setzen, die Ereignisse zu dramatisieren. Can’t Be Silent ist im Grunde nichts anderes als ein Tour-Video, das hauptsächlich aus musikalischen Performances und Interviews mit den Künstler_innen besteht. Die Regisseurin selbst tritt dabei kaum in Erscheinung und spricht nur dann, wenn sie auch vor der Kamera zu sehen ist. Ein erklärendes Voice Over gibt es nicht. Hierdurch fehlen leider auch Informationen zum deutschen Asylrecht, die die gezeigten Einzelschicksale in einen Kontext hätten einbetten können. Der Verzicht auf die Darstellung der Gegenseite, auf eine Erklärung für den Status Quo, lässt Can’t Be Silent zuweilen als sanften aber auch undifferenzierten moralischen Zeigefinger erscheinen.

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Julia Oelkers will nicht aufklären oder evaluieren. Ihre Absicht deckt sich mit der von Heinz Ratz: Sie gibt den Protagonist_innen eine Bühne, auf der sie sich selbst erklären können. So erfahren wir also nur das, was die Protagonist_innen, Ratz eingeschlossen, von sich aus mit uns teilen wollen. Und so fehlt auch die klassische Texttafel am Ende, die uns über den weiteren Verlauf der Einzelschicksale hätte informieren können. Julia Oelkers lässt uns absolut im Unklaren darüber, was mit den Menschen aus dem Film zukünftig passieren wird. Dass wir aber unbedingt wissen wollen, wie es für Nuri und die anderen weitergeht, zwingt uns zur anhaltenden Beschäftigung mit dem Thema. Zudem ist diese Art des offenen Endes nur konsequent, um die Situation der Protagonist_innen widerzuspiegeln. Keine_r der Musiker_innen weiß, ob und wie lange sie_r noch in Deutschland bleiben darf. Es ist nur fair, dass auch wir auf diese Information verzichten müssen.

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