Blockbuster-Check: Die 5. Welle

Weil der Bechdel-Test zwar ziemlich cool ist, aber dennoch manchmal zu kurz greift, nehme ich im Blockbuster-Check Mainstream-Filme hinsichtlich einzelner Elemente kritisch unter die Lupe. 

Achtung: Auf Grund der Herangehensweise kann der Blockbuster-Check nicht spoilerfrei sein!

Held_innen

Die 5. Welle beginnt vielversprechend: Dreckverschmiert kämpft sich Heldin Cassie (Chloë Grace Moretz) durch den Wald, ein Maschinengewehr sicher in der Hand. Doch der vermeintliche Teeny-Badass entpuppt sich bedauerlicher Weise im Verlauf des Films als stereotyp konstruiertes Blockbuster-Girlie. Im Grunde fällt das Kind schon beim ersten Rückblick in den Brunnen, wenn sich Cassie in Gedanken nach ihrem „alten Ich“ sehnt und ein feministisches Publikum nur laut widersprechen kann: Um Gottes Willen, Du bist doch jetzt viel cooler! Partygespräche mit der besten Freundin über den neuen Schwarm, der klassische „All American Girl“-Look und das mütterliche in den Schlaf Singen des kleinen Bruders – nach diesem Leben, nach dieser Identität sehnt sich Cassie zurück.

Ihr Wunsch ist dem Film Befehl, denn tatsächlich entwickelt sich Cassie sukzessive von der taffen Einzelgängerin zur schutzbedürftigen Damsel in Distress. Immerhin widerspricht sie ihrem Schwarm Evan (Alex Roe) als dieser sie mit den Worten „Du musst nicht immer taff sein“ im wahrsten Sinne des Wortes entwaffnen möchte. Immerhin geht es hier um einen Überlebenskampf, oder?! Jein, denn bald dreht sich doch wieder ein großer Teil der Handlung um Teenagerliebe und zwar in der klassischen Twilight-Dreier-Konstellation, wobei hier erfreulicher Weise das Duell um den Wanderpokal „Frau“ ausbleibt. Trotzdem bleibt es gruselig, wie oft der mit Superkräften ausgestattete Evan den Gott aus der Maschine mimen und Cassie aus scheinbar aussichtslosen Notlagen retten darf.

Positiv zu vermerken sind einzelne heroische Motive, die in Blockbustern meist männlichen* Figuren vorbehalten sind und hier Cassie zugedacht werden. Die selbstlose Rettung einer schwächeren Figur zum Beispiel oder auch das Nähen einer Wunde ohne Betäubung. Aber auch das kann nichts daran ändern, dass Cassie von den Fähigkeiten Super-Evans komplett in den Schatten gestellt wird und ohne männliche* Unterstützung bereits in der ersten halben Stunde das Zeitliche segnen würde.

© Sony

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Gegenspieler_innen

Auf der Seite des Bösen tritt Maria Bello als diabolische Offizierin Reznik an, die maßgeblich für die Rekrutierung einer Kinderarmee verantwortlich ist und diese nur zu gerne als Kanonenfutter in den Krieg schickt. Intrigant, verlogen – ach, einfach durch und durch böse darf die sonst so charmante Bello hier sein. Damit bleibt sie auf der Seite der Gegenspieler_innen jedoch eine Ausnahmeerscheinung. Die Armee, hier Brutstätte allen Übels, ist stark männlich* dominiert, wie auch die in der Wildnis umherstreunenden Außerirdischen stets Männer* sind.

Geschlechterrollen allgemein

Nicht nur auf der Seite des Bösen besteht ein deutliches Geschlechterungleichgewicht. Auch das Flüchtlingslager, in dem Cassie mit ihrer Familie zweitweise lebt, ist klar männlich dominiert. Die Figur, die sie empfängt ist ebenso ein Mann* wie die kritische Stimme aus der Masse bei der Ankunft des Militärs. Frauen* sind, wenn vorhanden, vornehmlich stumme Deko.

Bei der Armee verhält es sich ein wenig anders. Insbesondere in den Reihen der Kinderarmee dürfen sich ein paar weibliche* Wesen aufhalten. Darunter natürlich auch ein rebellischer Tomboy, Ringer (Maika Monroe), der jedoch mit engem Top, formvollendeten Brüsten und starkem Make-Up viel zu offensichtlich einen Eye-Candy für das Kinopublikum darstellt. In diesem Kontext wirkt Ringers aggressive Kritik der sexistischen Strukturen in ihrer Truppe vor allem lächerlich.

Die Männer* sind fairer Weise denselben sexistischen Strukturen ausgesetzt wie die Frauen*, müssen durchgehend Heldenrollen übernehmen und dürfen wenig bis keine Schwäche zeigen. Insbesondere Evan ist die Apotheose moderner Männlichkeit*, nämlich ein Holz hackender Eremit und Selbstversorger mit ausgeprägtem Schutzinstinkt für die weibliche* Spezies.

© Sony

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Dresscode und Sexppeal

Das Outfit der Soldatinnen Reznik und Ringer ist deutlich körperbetonter als das ihrer männlichen* Kollegen. Auch wird Ringers Rolle als Sexobjekt durch die anzüglichen Kommentare der anderen Soldaten explizit betont, während Truppenführer Ben, obwohl Cassies ehemaliger Schwarm, im Grunde völlig asexuell bleibt. Cassie wiederum wird auf der Flucht ausgerechnet so angeschossen, dass sie dem Publikum immer wieder ihren nackten Oberschenkel zeigen muss und damit zum Objekt des „männlichen Blicks“ wird. Auffällig ist auch ihre stets perfekte Frisur und dass sie sich trotz Einsetzen der Apokalypse noch immer perfekt die Nägel lackiert – in schwarz, passend zum Anlass sozusagen.

Aber auch die Männer* bleiben hier nicht verschont: Bei einem morgendlichen Nacktbad im See wird Evan vorübergehend für Cassie wie auch das Kinopublikum zum Sexobjekt, wobei seine Physis von – wie ich es nenne – Körperfaschismus nur so strotzt, also der Überzeichnung stereotyper männlicher* Schönheitsideale. Oder kurz gesagt: Muckis, Muckis, Muckis.

© Sony

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Dramaturgie

Cassie ist die Heldin der Geschichte. Ihre Suche nach dem kleinen Bruder bildet den roten Faden der Handlung und setzt die Ereignisse in Gang. Für Wendepunkte sind jedoch vornehmlich die männlichen* Figuren verantwortlich, z.B. durch Rettung oder Bedrohung der Heldin. So ist es Ben und nicht Cassie oder Ringer, der das Militär als Bösewicht entlarvt, und es ist Evan, der schließlich gegen die Außerirdischen in den Krieg zieht, während Cassie ganz ihrer Mutterrolle nachgehen und den kleinen Bruder retten darf. Was ihr freilich nur durch Bens und Evans Unterstützung gelingt.

Eine entscheidende dramaturgische Wirkung entfaltet Cassie nur als Objekt der Begierde: Als der Mensch-Alien-Mischling Evan die blonde Schönheit im Wald entdeckt, wird er sich plötzlich wieder seiner Menschlichkeit bewusst und mutiert vom Spion zum „Knight in Shining Armour“.

Botschaft:

Die Apokalypse ist immer noch Männer*sache.

Gesamtwertung: 3

von 0 (Sexistische Kackscheiße) bis 10 (Emanzipatorisch Wertvoll)

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