Berlinale 2017: Viceroy’s House

Selten habe ich mich während eines Filmscreenings so unwohl in meiner weißen, europäischen Haut gefühlt wie im Screening zum außer Konkurrenz laufenden Wettbewerbsbeitrag Viceroy’s House von Gurinder Chadha (Kick It Like Beckham). Gerne würde ich nun sagen, dass dies eine von der Regisseurin wohl kalkulierte Verunsicherung des westlichen Blicks gewesen sei. Bedauerlicher Weise bin ich mir aber ziemlich sicher, dass dies nicht der Fall ist und sich das allgemeine europäische Publikum nicht mal ein zehntel so sehr schämt wie ich. Der anhaltende Beifall nach dem Film spricht in jedem Fall für diese Einschätzung.

Eigentlich ist das ja eine nette Idee: Viceroy’s House erzählt von der Übergangsregierung der britischen Kolonialherren in Indien, vor der Aufteilung des Landes in Pakistan und das heutige Indien. Der Film beginnt mit dem indischen Angestellten Jeet (Manish Dayal), der fortan dem neuen Vizekönig als ein Butler zur Seite steht. Soweit so gut, doch können wir nicht umhin, unsere Blickperspektive an andere Personen zu heften, an jene nämlich, die unserer Lebenswelt am nächsten kommen und die auch durch die Dramaturgie klar ins Zentrum gerückt werden: Die Brit_innen. Muss ich noch mehr sagen?

© Bend it Films / Pathé

Na gut, ich will meine Gedanken noch ein wenig ausführen. Wir erleben als Publikum, wie die neue britische Vizekönigsfamilie nach Indien kommt, was herrlich viel Raum für einen sehr ausgeprägten Exotismus des Settings schafft. Dann werden wir Zeug_innen, wie gutherzig diese Menschen sind, dass sie es ja so viel besser mit „diesen Inder_innen“ meinen als die anderen Brit_innen. Ja, stellt euch einmal vor: Sie behandeln die Inder_innen auf Augenhöhe! Frau Vizekönig – wie war noch mal ihr Name? – Ach, wen interessiert’s – steigt sogar in die Katakomben der Palastküche herab, um – haltet euch fest – dem Koch zu gestatten, nationale Speisen aufzutischen.

Zugegeben: Für die damaligen Verhältnisse ist dies höchstwahrscheinlich ein ziemlich großer und besonderer Schritt. Dennoch fühlte ich mich insbesondere in dieser Szene zunehmend unwohl. Viceroy’s House zwingt uns dazu, ein selbstverständliches Verhalten als außergewöhnlich zu definieren, womit auch unsere eigene vermeintlich antirassistische Einstellung eine Aufwertung erlebt. So unter dem beliebten Motto: „Ich hab auch schwarze Freund_innen!“ (funktioniert übrigens auch super mit Adjektiven wie „schwul“, „muslimisch“ oder „behindert“). Wir können uns also herrlich auf der Tatsache ausruhen, dass ja nicht alle Kolonialherren Teufel waren, aber die Guten am Ende einfach nichts mehr haben retten können. Es grenzt an Perversion, wie Vizekönig Mountbatten (Hugh Bonneville) schließlich als Opfer inszeniert wird, weil er angeblich ohne es zu wissen, den Untergang Indiens in einem blutigen Bürgerkrieg befehligt hat. Nur war er gar nicht unwissend. Nicht mal in diesem Film! Mehrere Personen warnen ihn vor den Konsequenzen der Gründung eines unabhängigen Staates Pakistan. In keiner narrativen Logik dieser Welt ist seine Position als „unwissend“ zu bezeichnen.

© Bend It Films / Pathé

Erzählt wird also eine Geschichte über die Folgen des Kolonialismus, darüber wie die Einflüsse der westlichen Welt in der östlichen Konflikte säen, die zuvor nicht da waren, Feindschaften erzeugen, die nicht in der Kultur selbst verwurzelt, sondern durch Fremdeinwirkung entstanden sind. Eigentlich handelt es sich dabei um eine sehr wichtige Geschichte, sehen wir uns doch dieser Tage ebenfalls mit mehreren Kriegen konfrontiert, die wir „uns“ als Menschen der westlichen Welt im Grunde selbst auf die Fahne schreiben sollten anstatt, wie leider manch eine_r es tut, zu sagen: „Die sollen lieber ihr Land in Ordnung bringen, statt hier her zu kommen.“

Allein ein Film wie Viceroy’s House wird die Menschen in dieser Hinsicht nicht klüger machen, wird nicht bei einem Perspektivwechsel helfen und auch nicht beim Begreifen zeitgenössischer kolonialer Machtstrukturen. Dass die Regisseurin aus einer Familie stammt, die von dem im Film thematisierten Bürgerkrieg direkt betroffen war, macht das vorliegende Werk nur umso tragischer. Es ist mir vollkommen unklar, weshalb diese Geschichte nicht durchgehend aus der Sicht des Angestellten Jeet erzählt werden konnte, warum überhaupt dieser starke Fokus auf die Königsfamilie von Interesse war. Und wäre die Perspektive der Bediensteten nicht gerade durch ihre begrenzten Einblicke hinter die Kulissen der politischen Entscheidungen auch visuell spannender gewesen? Mit Sicherheit hätte sie mehr Möglichkeiten für ein innovatives Filmemachen geboten, einen Anreiz, Alternativen für das chronologische Abarbeiten von Ereignissen und unmotiviert wirkende Love Stories zu suchen.

© Bend It Films / Pathé

Freilich ohne die genaue Absicht der Regisseurin zu kennen, scheitert Viceroy’s House in meinen Augen auf ganzer Linie. Vielleicht, aber nur ganz vielleicht, hat die Fehlentscheidung, eine eurozentristische Perspektive anzubieten, etwas mit der Finanzierung des Films durch das British Film Institute zu tun? In jedem Fall hinterlässt das BFI-Logo im Abspann einen mehr als bitteren Nachgeschmack.

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