Berlinale 2017: The Party

Filme über Dinnerpartys sind im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb ähnlich beliebt wie Tiere im Schnee (On Body and Soul / Pokot): Wie Oren Movermann in The Dinner erzählt auch Sally Potter in The Party von der eskalierenden Zusammenkunft mehrerer Paare, 3 ½ in diesem Falle. Es gibt auch deutliche Parallelen zu Movermans Film, viele Motive – Zynismus, Politik, Beziehungsdramen – tauchen in seinem wie auch in Potters Geschichte auf. Vielleicht aber sind dies auch einfach nur die naheliegenden Attribute beziehungsweise Themen einer Dinnerparty!?

Sally Potter beginnt ihren Film mit einer wütenden Kristin Scott Thomas, die eine Waffe auf die vierte Wand, also das Publikum richtet. Darauf folgt, dieser Tage durchaus ungewöhnlich, eine Titelsequenz, bevor die eigentliche Filmhandlung einsetzt. Die eben noch aggressive Figur steht jetzt in der Küche, so dass wir ohne Weiteres annehmen können, dass die Eingangsszene nicht den Anfang, sondern den Höhepunkt der folgenden Filmhandlung darstellt. Damit ist der Spannungsbogen etabliert und es kann losgehen.

© Oxwich Media Limited/ Adventure Pictures Limited

Janet (Kristin Scott Thomas) bereitet eine Dinnerparty für ihre engsten Freund_innen vor, um ihre Ernennung zur Gesundheitsministerin zu zelebrieren. Aber es kommt alles anders. Erst offenbart sich ihr Ehemann Bill (Timothy Spall) als sterbenskrank und dann reiht sich eine Beziehungskrise an die nächste. Von einem harmonischen gemeinsamen Abendessen jedenfalls ist diese illustre Runde weit entfernt.

Sally Potter inszeniert ihr Kammerspiel, das sich ausschließlich im Haus von Janet und Bill beziehungsweise ihrem Vorgarten abspielt, konsequent in schwarz-weiß. Die unzeitgemäße Farbgebung hat einen vom ironischen Einsatz diegetischer Musik untermauerten Verfremdungseffekt, der den Weg für die zynischen Dialoge und überzogenen Ereignisse ebnet. Die kurze Laufzeit, 71 immens unterhaltsame Minuten, gibt weder den Figuren noch den Zuschauer_innen eine Atempause. Wohl gibt es ruhigere und dynamischere Momente, doch Langeweile hat hier keine Chance.

© Oxwich Media Limited/ Adventure Pictures Limited

The Party ist die Zusammenkunft überzogener, aber doch bekannter Stereotypen –bekannt aus Film und Fernsehen, aber durchaus auch aus dem eigenen Leben. Da ist die bitterböse April (Patricia Clarkson), Janets beste Freundin, die mit bitterem Zynismus und grenzenloser Arroganz für ihren Lebensgefährten Gottfried (Bruno Ganz) nur abfällige Kommentare übrig hat und die gemütliche Zusammenkunft auch direkt mit ihren Trennungsabsichten einleitet. Gottfried wiederum ist jener Typ Ü50er, der „auf seine alten Tage“ noch einmal einen esoterischen Weg eingeschlagen hat und mit seiner vermeintlich allumfassenden Erleuchtung allen Anwesenden, vor allem aber April, gehörig auf die Nerven geht. Bill sitzt phlegmatisch und debil dreinblickend in der Mitte des Wohnzimmers, legt eine alte Platte nach der anderen auf und inszeniert sich gerade durch seine Untätigkeit als konkurrenzloses Zentrum der Aufmkersamkeit. Er ist, so scheint es, einer dieser Männer*, die trotz wohlwollender Absichten auf den Karrierefeldzug ihrer Frau mit depressiven Minderwertigkeitskomplexen reagieren. Diese Frau wiederum hat natürlich während ihres beruflichen Aufstiegs vollkommen den Blick für ihr Privatleben, vor allem aber ihre Ehe verloren. Weiter geht es mit dem Paar Martha (Cherry Jones) und Jinny (Emily Mortime), das gerade Drillinge erwarten und natürlich – im Gegensatz zu den beiden anderen Frauen in schicker und figurbetonter Abendgarderobe – mit weiten Jacketts überdeutlich als „lesbisch“ markiert ist. Fehlt nur noch der natürlich Kokain schnupfende junge Finanzberater (Cilian Murphy), um das Klischee-Septett komplett zu machen.

© Oxwich Media Limited/ Adventure Pictures Limited

In den pointierten Dialogen, die eine große Portion intelligenter Komik versprühen, werden große Themen gewälzt, Geschlechterrollen verhandelt oder die Frage diskutiert, ob Geld sich tatsächlich in „gutes“ und „schlechtes“ unterscheiden ließe. Auch der Spielort Großbritannien wird kritisch unter die politische und sozioökonomische Lupe genommen. Im Zuge dessen sträubt sich The Party – wie übrgens auch The Dinner – vehement dagegen, für eine seiner Figuren Stellung zu beziehen. Jede_r Protagonist_in wird irgendwann durch eine_n andere_n in Frage gestellt oder gar entlarvt.

Witziger Weise ist das Zielpublikum von The Party mit dem Milieu der Protagonist_innen deckungsgleich: gebildete Menschen, die sich für maximal weltoffen und in der Konsequenz grundsätzlich moralisch überlegen fühlen, sich letztlich aber in denselben zwischenmenschlichen Krisen verlieren wie jede_r andere auch. Denn Achtung: In jedem Klischee steckt auch ein kleines bisschen Wahrheit! Vielleicht können wir deshalb so herrlich über Sally Potters Film lachen, mit einer Mischung aus Verlegenheit und verzweifelter Selbstironie. Aber worin auch immer dieses umfassende Unterhaltungspotential wurzeln mag: The Party ist eine wunderbare Ablenkung von den schweren Sozialdramen – des Berlinale-Programms, aber auch des eigenen Lebens.

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