Berlinale 2017: Tesoros

In der Kulisse des tropisch-idyllischen Barra de Potosí erzählt die mexikanische Regisseurin María Novaro eine ganz besondere Abenteuergeschichte für Kinder. Es geht um Freundschaft, das Leben in der Natur und einen Piratenschatz. Schon allein diese kurze Zusammenfassung zeigt: Tesoros verbindet pädagogische Impulse mit einer kindgerechten Erzählung und ist damit ein Highlight der diesjährigen Generation Kplus der Berlinale.

© Cine Ermitaño / Gerardo Barroso/Lisa Tillinger

Dylan und Andrea ziehen mit ihrem kleinen Bruder und den Eltern aus der Stadt in das abgelegene Barra de Potosí. Während die etwa 12jährige Andrea von diesem Wendepunkt ihres Lebens alles andere als begeistert ist, erkennt Dylan schnell das abenteuerliche Potential seines neuen Wohnorts. Haarscharf kombiniert er aus seinen Geschichtskenntnissen und dem Lieblingscomputerspiel, dass der Pirat Francis Drake hier einen Schatz versteckt haben muss. Gemeinsam mit seinen neuen Freund_innen und der tatkräftigen Unterstützung der Erwachsenen begibt er sich auf eine spannende Suche.

María Novaros Inszenierung schwankt zwischen dokumentarischer und narrativer Erzählung. Viele der Szenen, insbesondere der Dialoge wirken so aus dem Leben gegriffen, finden in so großer Nähe zu den jungen Darsteller_innen statt, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit improvisatorisch entstanden sind. Navaro verbindet geschickt Einblicke in die Lebenswelt der einzelnen Kinder sowie pädagogisch-informative Passagen zur Flora und Fauna der Region mit einer kleinen Abenteuergeschichte.

Auch der fiktive Teil des Films scheint sich stets aus den Kindern heraus zu entwickeln, folgt er doch einer herzerwärmend kindlichen Logik. So suchen Dylan und seine Freunde selbstverständlich nach einem Kreuz, denn – das weiß ja schließlich jede_r – ein solches weist zuverlässig auf einen versteckten Schatz hin. Der Kokospalmenkletterer Onkel Owen wird um Hilfe gebeten, sieht aber selbst von den Wipfeln aus kein Kreuz. Ein Salzproduzent verweist auf die zahlreichen Kreuzstrukturen in den Plastikplanen seiner Felder und spannt den neugierigen Sohn auf diese Weise in die Arbeit ein. Diese Episoden sind nur einige Beispiele dafür, wie María Novaro ihre fiktive Erzählung mit einem dokumentarischen Blick auf die Region, ihre Bewohner_innen und Traditionen verbindet.

Tesoros © Cine Ermitaño / Gerardo Barroso/Lisa Tillinger

Eine große Rolle spielt auch die Natur mit ihren faszinierenden Lebewesen. Die Erzählerin Jacinta, die mit den Eltern in einer Tierschutzstation lebt, dient dem Film als Stimme des Umweltschutzes. Sie berichtet den anderen Kindern von Einsiedlerkrebsen, lädt ihre Schulklasse zur Auswilderung der Baby-Seeschildkröten ein und zeigt dem Kinopublikum so manches possierliche Tier. Auch ohne die „Moral von der Geschichte“, die Jacinta am Ende noch einmal dezidiert ausspricht, verstehen Navaros Zuschauer_innen, dass die Natur den eigentlichen Schatz darstellt. Tesoros ist zugleich eine Liebeserklärung an die Welt, in der wir leben, wie auch ein Aufruf an die jüngste Generation von Erdenmenschen, diesen kostbaren Schatz mit allen verfügbaren Mitteln zu verteidigen.

Für ein europäisches (Kinder)Publikum bietet Tesoros darüber hinaus spannende Einblicke in die Lebenswelt mexikanischer Kinder. Indem María Novaro sehr unterschiedliche Familien vorstellt, Wissenschaftler und Tierschützer wie auch Hoteliers und Fischer, zeichnet sie ein kleines Gesellschaftspanorama. Auch traditionelles Liedgut spielt eine große Rolle, zieht sich motivisch durch den Film und verleiht ihm einen ganz besonderen Zauber.

Das Highlight des Films sind jedoch die Kinderdarsteller_innen, deren Neugier, Freude und Aufregung so spürbar sind, dass Zuschauer_innen aller Altersgruppen warm ums Herz werden muss. Es ist erstaunlich, was María N0varo aus ihren Nachwuchsstars herausholt, wie natürlich sie diese zu inszenieren weiß. Erfreulich ist auch der Umgang mit Geschlechterrollen, der insbesondere für lateinamerikanische Verhältnisse große Offenheit beweist. Dylan mag zwar der Held der Geschichte sein, doch Jacinta ist nicht nur die Erzählerin, sondern auch die Biologin des Konzepts, und Andrea bekommt am Ende einen richtigen Held_innenmoment. Insgesamt agieren Jungs* und Mädchen* hier in einer zauberhaft klischeefreien Gemeinschaft.

Kurzum: Tesoros hat das Zeug, zu einem meiner Lieblingsfilme der Berlinale 2017 zu werden.

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