Berlinale 2017: Golden Exits – Sind wir reif für neue Geschichten?

Eine junge Assistentin, ein Archivar mittleren Alters, dessen Ehefrau, deren Schwester, deren Assistentin, deren beste Freundin, deren Ehemann, der wiederum ein alter Freund der Familie der jungen Assistentin ist… Was nach einer Beziehungskomödie à la Woody Allen klingt, ist so gar nicht lustig, sondern auf eine gleichförmige Weise deprimierend. Unehrlichkeiten bauen Gräben zwischen Menschen, die sich irgendwann mal geliebt haben. Selbst die Zweisamen sind einsam und die Einsamen wären gerne zweisam. Niemand ist zufrieden und Hoffnung gibt es auch keine. Kurzum: Golden Exits ist ein Feel Good Movie für triste Tage (Achtung: Ironie!). Aber ein genauerer Blick lohnt sich dennoch (oder deshalb?).

Naomi (Emily Browning), die blutjunge australische Assistentin des New Yorker Archivars Nick (Adam Horovitz), leitet den Film mit einer unschuldig-niedlichen Gesangsperformance ein. Es besteht kein Zweifel daran, dass wir uns jetzt und sofort alle in sie verlieben sollen. Und wir tun es. Deshalb erahnen wir auch sofort den Verlauf der Dinge, als sich Naomi als die neue Assistentin des Ü-40ers Nick vorstellt und unter den kritischen Augen seiner Ehefrau Alyssa (Chloë Sevigny) sowie deren Schwester Gwen (Mary-Louise Parker) in die Familie eingeführt wird.

© Sean Price Williams

Nun könnten eine ganze Menge Dinge passieren, aber sie tun es nicht. Golden Exits ist eine Ode auf die Ereignislosigkeit, auf die Kunst – wie der Titel schon verrät – eine Situation zu verlassen, bevor sie eskaliert, ausartet, hochkocht. Jegliche Höhe- oder Tiefpunkte werden im Keim erstickt. Und so findet die eigentliche Handlung der Geschichte unter der Oberfläche im Inneren der Figuren statt, in ihren Sehnsüchten und Ängsten, die gut unter Verschluss gehalten werden.

Durch die Deckelung der Emotionen aber geschieht noch etwas anderes als nur die Vermeidung großer Dramen. Der stereotype Lauf der Dinge wird ebenso konterkariert wie die Erwartungshaltung der Zuschauenden. Naomi ist eben keine Lolita, die ihren Chef gekonnt um den Finger wickelt, im Grunde aber nichts auf dem Kasten hat und der Geschichte nur dazu dient, den Helden wieder seiner treuen Ehefrau* zuzuführen. Diese treue Ehefrau* ist ihrerseits nicht die Hysterikerin, die wir kennen, die die Wohnung nach kompromittierenden Beweisen durchforstet und ihrem Gatten wegen eines vermeintlichen Seitensprungs die Hölle heißt macht. Und Gwen ist nicht die typische Schwester, die Naomi aus Loyalität mit Skepsis begegnet. Statt die junge Frau* als Konkurrentin ihrer Schwester vorn vorneherein zu verurteilen, animiert Gwen Naomi geradezu, sich sexuell auszuleben. Ob sie auf deren Integrität vertraut oder ihr die Ehe der Schwester einfach nur am Allerwertesten vorbei geht, bleibt dabei unklar. Vielleicht weiß es Gwen selbst nicht genau.

Auf der anderen Seite des Beziehungsreigens treffen wir auf eine weitere durch Naomi gefährdete Ehefrau*: Jess (Analeigh Tipton). Deren Gatte Buddy (Jason Schwartzman) gehört über sieben Ecken zur Familie der jungen Australierin und fühlt sich daher in der Verantwortung, der Weitgereisten Gesellschaft zu leisten, was sich beim ersten Blick auf ihr puppengleiches Antlitz von einer Bürde zu einer Versuchung wandelt. Während Buddy also mit Naomi um die Häuser zieht oder heimliche Mittagessen einnimmt, kann seine Frau Jess den Braten förmlich riechen. Doch auch hier gibt es keine Spur von Eskalation, keine Dramen, keine Tränen.

Nicht vergessen werden sollte außerdem Sam (Lily Rabe), eine frustrierte Single-Frau*, Assistentin der ebenfalls alleinstehenden Gwen, sichtbar unglücklich und doch nicht verzweifelt. Auf der Suche nach jemandem, der ihre Leidenschaften weckt, scheint sie noch nicht begriffen zu haben, dass sie auch aus sich selbst schöpfen kann. Doch wir bemitleiden sie nicht, das müssen wir gar nicht und das würde sie auch nicht wollen. Ebenso wenig wie Gwen, die sich am Ende sichtlich schweren Herzens alleine auf eine Reise begibt.

So viele unzufriedene Menschen und doch keine Eskalationen. Wie kann es sein, dass die Handlung von Golden Exits so viel Konfliktpotential birgt und doch so unaufgeregt vor sich hin plätschert?

Eine mögliche Antwort: Die Frauen*figuren in diesem Beziehungsreigen sind keine Abziehbilder, sondern ganze Menschen, nicht nur Lolitas, hysterische Ehefrauen* oder frustrierte Dauersingles, sondern komplexe Persönlichkeiten. Sie reagieren nicht auf jene Weise, die uns durch die stete Wiederholung des immer selben Handlungsverlaufs im Kino als erwartbar angelernt wurde. Weil Frauen* eben nicht per se irrational und Männer* nicht per se schwanzgesteuert sind.

Mit dem geschlechterstereotypen Verhalten verschwindet auch eine Form artifizieller Dramatik. Was bleibt, ist auf den ersten Blick ernüchternd, langweilig gar. Wo es keine klischeehaften Figuren gibt, kann es auch keine klischeehaften Spannungsbögen und keine einfachen Antworten geben. Ob Alyssa oder Gwen glücklicher sind, ob es besser ist, eine unehrliche Ehe zu führen oder alleine vor dem Fernseher Pommes zu fressen, kann uns dieser Film nicht sagen. Ebenso unklar bleibt, ob Naomi und Nick nun eine Affäre hatten. Aber vielleicht, so die mutige These dieses Films, geht es darum auch gar nicht. Vielleicht ging es nie darum. Vielleicht ist auch die Mär der verhängnisvollen Affäre nur eine Konstruktion. Weil es nämlich so etwas wie „die böse“ und die „die gute Frau“ gar nicht gibt! Und weil eine Beziehung vielleicht auch an ganz anderen Dingen scheitern kann als am nicht zu unterdrückenden Paarungszwang des Männchens*.

Aber woran scheitern sie dann? Eindrucksvoll zeigt Golden Exits, dass sich Geschlechterklischees großartig dazu eignen, den Blick auf das Wesentliche zu verstellen, weil sie einfache Antworten geben, wo komplexe Fragen stehen bleiben sollten. Golden Exits zeigt aber auch, dass zu anderen, nämlich komplexeren Vorstellungen von Menschen auf der Leinwand auch andere Geschichten gehören, die eben nicht nach dem vertrauten Schema F funktionieren und unterhalten, die Fragen stellen, statt Antworten geben, die uns unbefriedigt, vielleicht gar deprimiert hinterlassen. Dass das im Grunde viel „spannender“ ist als eine Woody Allen Beziehungskomödie, müssen wir aber wohl erst lernen.

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