Berlinale 2017: Casting JonBenet

Wie vom Unaussprechlichen erzählen? Wie das Unfassbare verstehen? Wie ein unlösbares Rätsel entschlüsseln?

Casting JonBenet beginnt mit einem verschnörkelten Schriftzug vor einem Bergpanorama. Die Musikuntermalung ist für einen dokumentarischen Film recht intensiv, vielleicht ein wenig düster, in jedem Fall aber dramatisch. Insgesamt erinnert diese Ouvertüre an das US-amerikanische „Domestic Melodrama“ der 50er Jahre, was sich im Laufe des Films als sehr treffende Anspielung erweist.

Casting JonBenet von der australischen Regisseurin Kitty Green (Ukraine Is Not A Brothel) ist ein filmisches Experiment, das sich den von mir eingangs formulierten Fragen annimmt und an Hand des Mordfalls JonBenet eine Darstellungsform sucht, die der Komplexität der Situation im Konkreten und des Lebens im Allgemeinen gerecht wird.

Wir können uns JonBenet Ramsey als großes Idol der Heldin aus Little Miss Sunshine vorstellen, als eine dieser puppengleichen US-amerikanischen Schönheitsköniginnen, die uns Erwachsene und insbesondere uns Feminist_innen latent verstören. Weihnachten 1996 wurde das sechsjährige Mädchen im Keller ihres Wohnhauses in Boulder, Colorado, brutal ermordet aufgefunden. Bis heute ist die Schuldfrage ungeklärt, dafür ranken sich umso mehr Verdächtigungen bis hin zu Verschwörungstheorien um diesen tragischen Mordfall.

© Netflix / Michael Latham

Der Titel Casting JonBenet ist insofern ein wenig irreführend, als dass das titelgebende Mädchen im Film kaum präsent ist. Stattdessen gibt Kitty Green Einblick in ihren Casting-Prozess der erwachsenen Darsteller_innen, vornehmlich der Eltern Patsy und John Ramsey. Diese dokumentarischen Teile des Films ergänzt Green durch Spielfilmsequenzen im Breitbildformat, die suggerieren, es habe tatsächliche eine filmische Adaption der Geschichte JonBenets gegeben. Dies ist jedoch nicht der Fall. Casting JonBenet ist kein Blick hinter die Kulissen einer Filmproduktion, sondern selbst ein wohlkomponiertes Werk, in dem dokumentarische und fiktive Elemente ineinanderfließen. Am Ende nämlich löst sich die Unterscheidbarkeit von dokumentarischen und fiktiven Elementen auf, wenn Kitty Green gleich mehrere Darsteller_innen in der als solche stets erkennbaren Kulisse des Ramsay-Hauses ausagieren lässt, zunächst getrennt voneinander, schließlich jedoch sogar zeitgleich, im selben Raum, im selben Bildausschnitt.

Was Kitty Green mit dieser ungewöhnlichen Herangehensweise an den Mordfall JonBenet erreicht, ist eine ungekannte Komplexität, aber auch Intensität. Wenn sie Probeaufnahmen jener Szene, in der John Ramsey seine tote Tochter im Keller findet, aneinander schneidet, wir diesen tragischen Moment also vielfach in unterschiedlichen Ausführungen ansehen müssen, können wir uns der Schrecklichkeit dieser Situation kaum mehr entziehen. Die inhaltliche, aber in Ablauf, Dialog und Darstellung variierende Wiederholung einzelner Momente der Geschichte sorgt an vielen Stellen für Gänsehaut und eine flaue Magengrube.

Der andere Effekt der Casting-Collage ist die Stimmenvielfalt. Kitty Green lässt ihre Kandidat_innen nicht nur Dialoge ablesen. Vielmehr verwickelt sie die Menschen in ein Gespräch über den Mordfall. Alle Darsteller_innen kommen entweder selbst aus Boulder oder haben einen anderen persönlichen Bezug zu der Geschichte. Dabei sorgen insbesondere ihre privaten Enthüllungen für irritierend viel Komik. Es ist nicht ganz klar, ob Kitty Green hier diese humoristische Note kalkuliert einsetzt oder ob unsere Lacher Ausdruck der eigenen Nervosität und Unsicherheit sind, eine Entlastung und Ablenkung von der im wahrsten Sinne des Wortes todernsten Geschichte. Aber wie auch immer dieser Raum für Komik entsteht, letztlich ist er ein unverzichtbarer Bestandteil von Kitty Greens epischer Herangehensweise.

© Netflix / Michael Latham

Die Casting-Kandidat_innen sind zugleich auch die Erzähler_innen des Films. Statt eines Voice-Overs sind sie es, die Stück für Stück die Ereignisse rekonstruieren, die verschiedene Verdächtige ins Spiel bringen und die gängigsten Spekulationen darlegen. Dabei montiert Kitty Green die Casting-Dialoge so, dass sich der Verdacht wie in einem Krimi beständig von einer Person zur nächsten verschiebt. Nur eine Auflösung gibt es nicht und kann es auch nicht geben.

Und genau das ist der Grund, warum Kitty Green am Ende alle ihre Kandidat_innen in einem einzigen filmischen Raum auftreten lässt. Jede_r Darsteller_in verkörpert ihre Rolle ein wenig anders. Wer Patsy Ramsey für die Mörderin hält, wird sie auch entsprechend spielen. Wer John Ramsey das Wissen um den wahren Tathergang zuspricht, verkörpert seine Figur anders als jemand, der ihn ausschließlich als Opfer begreift. Wenn am Ende des Films all diese Alter Egos, inklusive der kleinen JonBenet und ihres Bruders, durch die Häuserkulisse laufen, weinen, schreien, wenn all diese verschiedenen Versionen zeitgleich existieren, die parallelen Realitätsebenen zu einer einzigen verschwimmen, beginnt sich das Familiendrama als solches von der Schuldfrage zu lösen. Kitty Green erreicht, dass wir uns nicht mehr in rationale kriminalistische Überlegungen flüchten können, sondern uns emotional auf das Familiendrama einlassen. Es trifft, zumindest mich, mit schierer und schwer zu ertragender Wucht, ohne mich emotional zu vergewaltigen, wie das ein Melodrama täte. Ich begreife das Ausmaß der Tragödie auf eine ganz neue Weise, vielleicht auf die einzig richtige, die einzig der Geschichte angemessene Weise.

Mit Casting JonBenet ist Kitty Green damit ein Meisterwerk gelungen. Sie hat einen Weg gefunden, eine wahre Begebenheit von großer Tragik ohne Voyeurismus, emotionale Effekthascherei und Pseudo-Wahrheiten filmisch zu fassen und zu vermitteln. Casting JonBenet ist damit der vielleicht beeindruckendste Film der Berlinale 2017 und hätte meiner Meinung nach in den Wettbewerb gehört.

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