Berlinale 2016: Mãe só há uma (Don’t Call Me Son)

Als wäre die pubertäre Selbstfindung nicht schon anstrengend genug, sieht sich Teenager Pierre (Naomi Nero) plötzlich mit einer völlig unerwarteten Identitätskrise konfrontiert. Die Frau, die er 17 Jahre lang für seine Mutter gehalten hat, entpuppt sich als Entführerin. „Das ist nicht dein richtiger Name! Das ist nicht deine richtige Familie!“ informiert ihn ein Polizist. Aber was heißt überhaupt „richtig“? Die Zwangsumsiedlung zu seinen biologischen Eltern fühlt sich für Pierre jedenfalls eindeutig wie eine Entführung an…

© Berlinale

© Berlinale 2016

Anna Muylaert, die im vergangenen Jahr im Panorama der Berlinale 2015 mit Der Sommer mit Mamã den Publikumspreis gewann, widmet sich in ihrem neuesten Film Mãe só há uma (Don’t Call Me Son) unter anderem dem Thema Queerness. Ihre Hauptfigur Pierre schwankt unentschieden zwischen den sozialen Geschlechtern, schminkt sich, trägt gerne Kleider und Strapse, knutscht mit Männern* wie mit Frauen* – kurzum: Pierre schert sich wenig um die Erwartungshaltung seiner Gesellschaft. Dabei verzichtet Muylaert konsequent darauf, Pierres Transsexualität zu problematisieren. Stattdessen zeigt sie einen ganz gewöhnlichen Teenager auf der Suche nach sich selbst. Indem sie Pierre später seinen biologischen Bruder an die Seite stellt, der sich an ganz eigenen pubertären Baustellen abarbeitet, rückt sie Pierres Adoleszenzkrise auf angenehme Weise in den Bereich der Normalität. Es ist nicht Transsexualität, die hier verhandelt wird, sondern die Suche nach (familiärer) Identität.

Wie bereits in Der Sommer mit Mamã ermöglicht Anna Muylaert ihrem Publikum durch die Authentizität ihrer Inszenierung und die immens natürliche Schauspieler_innenführung einen direkten und emotionalen Zugang zur Hauptfigur. Auch wenn Pierre zuweilen auf eine melancholische Weise entschleunigt wirkt, die unangenehm an prätentiöse französische Coming of Age Dramen erinnert, besitzt sein Charakter großes Identifikationspotential. Das Gefühl der Fremdheit – im eigenen Körper, in der eigenen Familie – ist in jedem Fall ein Zustand, den wohl die meisten Menschen aus ihrer eigenen Pubertät kennen und erinnern.

Auch die Kameraarbeit von Barbara Alvarez schafft große Nähe zu den Figuren auf der Leinwand. Die zahlreichen Close-Ups verringern nicht nur die gefühlte Distanz zu den Charakteren, sie führen auch zu einer Orientierungslosigkeit der Zuschauer_innen, da ihnen ein Establishing Shot, ein Gesamtbild fehlt. Damit transportiert Anna Muylaert, wie in Der Sommer mit Mamã, das Gefühl ihrer Hauptfigur auch auf visueller Ebene.

© Berlinale 2016

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Geschichten von entführten Kindern, die als Erwachsene zu ihren biologischen Eltern zurückfinden, gibt es mehr und mehr. Vielleicht weil sich die Gesellschaft dieser Tage verstärkt mit dem Thema Familie auseinandersetzt und hierzu neue Konzepte entwickelt und erprobt. Vielleicht weil wir uns in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs befinden, in dem der schrittweise Verlust des Schublandedenkens für Unsicherheiten sorgt. Das Besondere an Mãe só há uma (Don’t Call Me Son) ist aber, dass der Film diese Geschichte ausschließlich aus der Sicht der Kinder erzählt. Infolgedessen ist das Verhalten der Eltern zuweilen schwer verständlich, während Pierres Entwicklung stets glaubwürdig und überzeugend bleibt.

Als ein Drama ohne Drama, das seine emotionale Sogkraft ausschließlich aus den Figuren bezieht und niemals über Musik generiert, ist Mãe só há uma (Don’t Call Me Son) trotz seiner schweren Themen von großer Leichtigkeit. Die schnelle Bindung an die Hauptfigur sowie die gut strukturierte Narration der Geschichte lassen die Laufzeit des Films viel zu schnell verstreichen. Am Ende zeigt Anna Muylaert Pierre und ihrem Publikum keine Antwort auf die Frage nach dem „richtigen“ Namen oder der „richtigen“ Familie, dafür aber den „richtigen“ Weg zu sich selbst. Es spielt nämlich keine Rolle, wie wir genannt und in welche Familie wir hineingeboren werden, ja nicht einmal, in welchem Körper wir stecken: Wichtig ist nur, dass wir sind wer wir sind – männlich*, weiblich*, trans, queer, inter oder eine anderen der vielen bunt schillernden Facetten der Spezies Mensch. Und so ist Mãe só há uma (Don’t Call Me Son) trotz der überwiegend männlich* definierten Hauptfigur definitiv ein emanzipatorisch wertvoller Film für alle Menschen.

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