Berlinale 2016: L’avenir (Alles was kommt)

Mia Hansen-Løve ist eine von zwei Regisseurinnen, die 2016 im Wettbewerb der Berlinale vertreten sind. Das ist aus verschiedenen Gründen ein Problem. Eines davon ist die unfreiwillige repräsentative Verantwortung. Während Pro Quote Regie mit ihrer Bubble auf dem Potsdamer Platz für eine Frauenquote in der Filmindustrie demonstriert, muss Mia Hansen-Løve zusammen mit Anne Zohra Berrached (24 Wochen) stellvertretend für alle Filmemacherinnen den Beweis antreten, dass mehr Filmfrauen in den Wettbewerb gehören.

© Berlinale

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Dass die Erwartungen an Mia Hansen-Løve so unangemessen hoch sind, gereicht ihrem Werk zum Nachteil. Denn L’avenir (Alles was kommt) gehört – wie auch ihre letzten Filme – nicht zu der Sorte Kino, das seine Zuschauer_innen völlig aus den Schuhen haut. Hansen-Løves Kino ist ein leises Kino, das sich weder prätentiös aufbläht, noch dramatische Geschichten erzählt. L’avenir (Things to Come) ist eher die Beobachtung eines Gefühls als eine Narration. Eine Jugendliebe nahm die titelgebende Emotion in den Blick, Eden die musikalische Orientierungssuche eines Heranwachsenden und L’avenir (Alles was kommt) die Bedrohlichkeit der Freiheit.

Die Philosophielehrerin Nathalie (Isabelle Huppert) verliert sukzessive das Stützkorsett ihres Lebens: Die Kinder sind aus dem Haus, der Ehemann zieht zu seiner Geliebten, Nathalies Verlag kündigt die Zusammenarbeit auf und ihre übergriffige Mutter verstirbt im Altersheim. All die Menschen und Umstände, die Nathalies Leben bestimmt haben, verschwinden und überlassen sie einer bedrückenden Freiheit. Denn wohin soll ihr Leben eigentlich gehen, jetzt wo nichts und niemand mehr eine Richtung vorgibt?

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In ihrer Erzählung schert sich Mia Hansen-Løve wenig um dramaturgische Konventionen. Weder eine klare Akteinteilung mit entsprechenden Wendepunkten noch ein Spannungsbogen ist erkennbar. Es geht der Regisseurin eben nicht darum, ihr Publikum durch eine aufregende Geschichte zu fesseln, sondern darum, Einblick in das Leben ihrer Hauptfigur zu geben. Und das Leben orientiert sich eben nicht an der Drei-Akt-Struktur.Dieser Bruch mit unseren Seh- bzw. Erzählgewohnheiten ist durchaus herausfordernd. Das langsame Tempo der Narration erfordert gesteigerte Aufmerksamkeit, weil es uns als Zuschauer_innen nicht automatisch durch seine Spannungsdramaturgie fesselt. Es ist vielmehr die Hauptfigur, die uns für sich gewinnen, deren Entwicklung uns interessieren und bewegen soll.

Leider gelingt Mia Hansen-Løve dies mit Nathalie nur bedingt. Ihr sanftes Gemüt, das selbst durch den Seitensprung des Ehemannes kaum aus dem Gleichgewicht zu bringen ist, erschwert die Identifikation. Es fehlen sichtbare Emotionen, die im Zuge der Vermeidung künstlicher Dramatik deutlich zu kurz kommen. Infolgedessen bleiben insbesondere die Beziehungen der Figuren untereinander vage. Wie steht Nathalie zu ihrem Ehemann, wie zu ihrem Zögling, dem Philosophie-Doktoranden Fabien?

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Auch die Passivität der Figur erschwert den Zugang zu ihrer Geschichte. Einerseits macht es eben Nathalies Persönlichkeit aus, dass sie sich wie ein Blatt im Wind von verschiedenen externen Faktoren durch ihr Leben tragen lässt und die Übernahme ihrer „Lebensregie“ ist das Kernthema des Films. Andererseits aber bleibt die Heldin sehr blass. Ihre Motivationen und Sehnsüchte sind ebenso unsichtbar wie ihre Sexualität.

Auch tappt Mia Hansen-Løve stellenweise in die Falle des sexistischen Status Quo des zeitgenössischen Kinos. Die wichtigsten Nebenrollen sind männlich besetzt und Nathalie verfügt von der Familie und ihren Schüler_innen abgesehen über keinerlei soziales Umfeld, keinen Kreis von Freund_innen. Dies schwächt die Figur beträchtlich, da die soziale Isolation ihr etwas Künstliches verleiht. Schwierig gestaltet sich auch eine erschreckend lapidar erzählte Geschichte sexueller Belästigung, in der Mia Hansen-Løve mit ihrer Inszenierung gar noch Sympathie für den Täter einfordert.

Die Erwartung, Mia Hansen-Løve könne mit ihrem Werk eine Lanze für die Regie-Quote brechen, wird also enttäuscht. Aber stimmt das wirklich? Vor vielen Jahren, als ich mit der feministischen Schreiberei begann, verfasste ich einen Artikel über Absenz von Regisseurinnen bei den Filmfestspielen von Cannes und kam zu dem Schluss, dass Frauen* auf Grund ihrer divergierenden Lebensrealität Geschichten anders erzählen als ihre männlichen* Kollegen. Damit fallen sie jedoch durch so manches Programmierungsraster großer Filmfestivals. Wenn Mia Hansen-Løve mit ihrem Film also etwas gezeigt hat, dann ist es Folgendes: Wir brauchen auch bei Festivals eine Regie-Quote, um erst einmal einen Zugang zu einer anderen Filmkultur zu finden, die uns an vielen Stellen vorenthalten wird. Und wenn sanftes Kino wie das von Mia Hansen-Løve Teil unserer Sehgewohnheiten geworden ist, tummeln sich die Regisseurinnen von ganz alleine in den Wettbewerben der großen Festivals.

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