Aufbruch der Autorinnen – Zurück in die Zukunft

Unter dem Titel „Aufbruch der Autorinnen“ zeigt das Zeughaus Kino in Berlin vom 15. Oktober bis zum 15. November zahlreiche Filme von Regisseurinnen der 60er Jahre, darunter viele Werke, die – vom Kanon ausgeschlossen – hier nach langer Zeit wieder einem Kinopublikum zugänglich sind. Den Auftakt bildete Ula Stöckels Neun Leben hat die Katze, der dieses Jahr auch auf der Berlinale zu sehen war (und den ich dort auf Grund starker Ermüdungserscheinungen bedauerlicher Weise verpasst hatte).

Umso mehr freute ich mich, gestern bei der Eröffnung des Festivals bzw. der Filmreihe dabei sein zu dürfen, Ula Stöckl persönlich kennenzulernen und endlich diesen ersten Langfilm ihres Oeuvres auf der großen Leinwand zu sehen. Da sich seit 1968 sicher schon zahllose Kritiker_innen und Wissenschaftler_innen dieses Films angenommen haben, möchte ich von einer klassischen Besprechung absehen und stattdessen einen meiner zentralen Gedanken zu diesem Werk ausführen.

© Filmlöwin

Kuratorin Sabine Schöbel und Ula Stöckl im Gespräch © Filmlöwin

Wir waren doch schon einmal weiter!

Dieser Satz schoss mir während der Vorführung immer wieder durch den Kopf. Neun Leben hat die Katze erzählt vom Aufeinandertreffen zweier Freundinnen und ihrer beruflichen, sexuellen und partnerschaftlichen Selbstfindung. Die eine strebsam und fokussiert, die andere bewusst außerhalb der Karrierenorm, bilden bereits diese zwei Figuren ein komplexeres Frauen*bild ab, als wir es in den meisten zeitgenössischen Filmen zu sehen bekommen. Auch wenn es im Leben von Katharina (Liane Hielscher) und der Französin Anne (Kristine De Loup) auch um Männer geht, stellt die Suche nach Romantik und Partnerschaft mitnichten das primäre Lebensziel dar. Im Gegenteil: beruflicher Ehrgeiz, Unabhängigkeit und Partnerschaft müssen immer wieder abgewogen und neu verhandelt werden. Dabei artikuliert Regisseurin Ula Stöckl durch ihre Figuren wiederholt eine große Skepsis gegenüber der Ehe. So kommentiert Katharina die wiederholten Seitensprünge ihres Gatten mit „Scheidung ist keine Lösung. Heiraten übrigens auch nicht.“ Und bei einem späteren Date mit Annes ehemaligem Liebhaber, macht dieser Katharina den unromantischsten Antrag der Filmgeschichte: „Es muss sich nicht Ehe nennen. Da gibt es ja auch Übergangslösungen.“

© Neun Leben hat die Katze/ Ula Stöckl

© Neun Leben hat die Katze/ Ula Stöckl

In Neun Leben hat die Katze haben die Protagonistinnen stets die Wahl. Die Gesellschaft mag sie zur heteronormen Paarung zwingen, wie eine der vielen assoziativen Montage von Gedanken-Bildern unterstreicht. Doch der Film selbst lässt Katharina und Anna Entscheidungsfreiheit. Vor allem Letztere weigert sich strikt, in vorgefertigte Schubladen zu passen – „Ich bin nicht die meisten Menschen“ – und artikuliert damit ein immens zeitgenössisches Bedürfnis der heutigen Frauen*generation.

Doch nicht nur, dass Ula Stöckl ihren Frauen*figuren Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zugesteht, sie verleiht ihnen auch eine positive Sexualität, wie wir sie auf diese Weise heute ebenfalls viel zu selten sehen. Untreue wird hier zwar als dezidiert männliches Problem dargestellt, doch auch Katharina und Anne genießen ihre Körperlichkeit in vollen Zügen. Nicht nur der Umgang untereinander ist betont physisch und zärtlich, auch ihr Beziehungsleben, die selbstbewusste Wahl wechselnder Liebhaber, ist auf positive Weise schamlos, wird nicht problematisiert.

Spätestens in den Sexszenen offenbart sich der weibliche* Blick der Regisseurin. Die Begegnungen der Liebenden finden stets auf Augenhöhe statt und zu keinem Zeitpunkt erscheint eine_r der Beteiligten unterlegen oder verdinglicht. Neun Leben hat die Katze macht den Unterschied zwischen einem „Objekt der Begierde“ und einem „Sexobjekt“ sehr deutlich: Nackte Frauen*körper an sich sind kein Problem. Weibliche* Nacktheit ist etwas Schönes, Sinnliches. Es ist ihre Darstellung durch den männlichen Blick, die sie in vielen Filmen erniedrigt. Die selbstbewussten Frauen* in Stöckls Film jedoch werden durch die Kamera nicht entblößt und vereinnahmt, sondern erhalten eine natürliche Erotik, die ganz ihnen und niemals dem männlichen Augen gehört. Und sogar Selbstbefriedigung ist in diesem Film kein Tabu, sondern ein selbstverständliches Gesprächsthema im Frauen*kreis (dass dabei Kinder anwesend sind, ist sicher ein streitbares Element der Epoche). Dabei wird die noch heute sehr dominante Kultur des „Shamings“ durch das Patriarchat, also des Konstruierens von Scham für die natürliche Sexualität der Frau*, explizit angesprochen und problematisiert – auch dies ein Diskurs, der sich im zeitgenössischen Kino selten findet und gesamtgesellschaftlich vehement negiert wird.

© Neun Leben hat die Katze/ Ula Stöckl

© Neun Leben hat die Katze/ Ula Stöckl

Vielleicht ist es die Komplexität der Figuren, ihre Suche nach Identität jenseits vom Eheleben und ihre positive, freie Sexualität, die Katharina und Anne so große Authentizität verleiht. Selten habe ich eine derartig natürliche und glaubwürdige Darstellung von Frauen*freundschaft gesehen. Die Figuren sind pur. Und auch wenn sie, wie Ula Stöckl nach dem Film erklärte, in ihrem Leben stets Rollen spielen, so wirken sie doch – vielleicht gerade deswegen – immens unverstellt. Neun Leben hat die Katze zeigt ebenso wenig ein konstruiertes Frauen*bild wie der Film eine Geschichte erzählt. Denn, so Ula Stöckl, Filmgeschichten gibt es nur im Film. Das Leben ist nicht so linear und an dramaturgischen Plotpoints ausgerichtet. Und ebenso, ergänze ich an dieser Stelle, gibt es Frauen*figuren auch nur im Film. Im Leben sind sie niemals so glatt und eindeutig. Das Problem der heutigen Zeit ist jedoch, dass der Unterschied zwischen Konstruktion und Natur bis zur Unkenntlichkeit verschwimmt. Wenn wir heute Frau* sagen, meinen wir genau jene Konstruktion, die auch der Mainstreamfilm verwendet *Frau ist nur noch ein Simulakrum.

Neun Leben hat die Katze ist fast 50 (!) Jahre alt. Nach seiner Entstehung gab es zwei feministische Wellen. Seitdem hat sich für die Frau* politisch und gesellschaftlich viel getan. Aber ihre mediale Repräsentation und Konstruktion hat sich nicht weiter- sondern zurückentwickelt.

Die Reihe „Aufbruch der Autorinnen“ ist also mehr als nur ein filmhistorischer Blick auf Vergangenes, sondern auch ein Blick in die Zukunft, eine Erinnerung daran, was möglich ist, wo es hingehen kann… und soll. Zurück in die Zukunft sozusagen.

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