FFHH 2016: American Honey

Der amerikanische Traum, allein durch Fleiß und Willensstärke vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen, überdauert hartnäckig jedwede Gegenanzeigen. Kognitive Dissonanz nennt sich das, wenn Menschen – einmal auf ein Weltbild eingestimmt – alle ihrer Überzeugung widersprechenden Erkenntnisse als Proargumente umdeuten. Vielleicht ist der amerikanische Traum der umfassendste Fall von kognitiver Dissonanz.

Bye, Bye American Dream

© Universal

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In ihrem neuen Film American Honey nimmt Regisseurin Andrea Arnold eine subtile Dekonstruktion des Amerikanischen Traums vor, indem sie ihre Heldin Star (Shaha Lane) auf einen Roadtrip quer durch die US-amerikanische Gesellschaft schickt. Gelockt von einem ominösen Jobangebot und getrieben von einem Leben in Armut und inzestuöser Bedrohung, schließt sich Star einer Drückerkolonne an. Gemeinsam mit einer Gruppe Gleichaltriger, so wie der Chefin Krystal (Riley Keough) und deren Handlanger Jake (Shia LaBeouf) reist Star durch den mittleren Westen, um Zeitschriftenabonnements zu verkaufen. Dabei geht es der 18-jährigen weniger um das Versprechen vom großen Geld als um die an eine Klassenfahrt erinnernde Gemeinschaft ihrer Kolleg_innen, in der sie erstmalig ein sicheres Zuhause findet.

Die Fahrt der jungen Menschen ist ebenso ziellos wir ihr Leben. Der amerikanische Traum ist von dieser Generation längst ausgeträumt. Sie rennen nicht mehr dem großen Geld hinterher, sondern wollen den Moment genießen, einen Moment, der nur besser sein muss als die prekäre Lebenssituation, der sie entflohen sind. Träume besitzen sie nicht mehr. Und wenn doch, handelt es sich um eine diffuse Ansammlung von Wohlstand, bei der es aber mehr um das Habenwollen als um das Haben selbst geht.

Subtiles statt sublimes Kino

All das ließe sich mit großer Tragik und Dramatik erzählen, doch Andrea Arnold ist nicht daran gelegen, Opferfiguren zu entwerfen oder ihr Publikum zu Tränen zu rühren. Mit auffällig viel Zeit inszeniert sie stattdessen Stars Reise als Gesellschafts- und auch Generationenportrait, ohne Urteile zu fällen oder auch nur anzudeuten. Die Handkamera, wie schon in Wuthering Heights geführt von Robbie Ryan, sucht stets die Nähe zu den Figuren, arbeitet mit extremen Close Ups und Unschärfe. In Kombination mit dem ebenfalls aus Wuthering Heights übernommenen 4:3 Format läuft die Kameraführung einer überlebensgroßen Kinoinszenierung entgegen. Statt die US-amerikanische Landschaft in breiten Panoramen in Szene zu setzen, so wie dies der klassische Western oder Roadtrip tun würde, konzentriert sich American Honey ganz auf seine Figuren. Die Natur nutzt Andrea Arnold weniger als sublimes Element denn als subtiles Motiv. Insbesondere Tiere und Insekten ziehen sich auf der Sprach- und Bildebene durch den Film, demonstrieren immer wieder die Nähe und Verbundenheit des Menschen mit seiner Umwelt. Wie schon in Wuthering Heights lässt Arnold ihre Figuren in der Wildnis Zivilisationskämpfe ausfechten und verschränkt hiermit die im Hollywoodkino traditionell akribisch voneinander getrennten Sphären Natur und Zivilisation untrennbar miteinander.

© Universal

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Der Kampf selbst aber ist ein leiser. Geschickt spielt Arnold mit den Erwartungen ihres Publikums. Jedes Mal wenn Star in der ihr eigenen bezaubernden Naivität mit fremden Männern* in ein Auto steigt, sehen wir vor unserem Auge eine Vergewaltigungsszene. Die Play-Fights der Abo-Verkäufer_innen deuten auf einen brutalen Klimax hin, auf eine schreckliche Eskalation, die der Geschichte eine Wendung geben wird. Auch Suizide lassen sich mehrfach erahnen. Doch nichts davon tritt ein. Es ist nur konsequent, dass Andrea Arnold auch inhaltlich lieber authentisch bleibt als dramatisch zu inszenieren. So wie ihr Bildformat mit dem zeitgenössischen Spannungs- und Unterhaltungskino wenig bis nichts zu tun hat, hebt sich auch ihre Dramaturgie deutlich von der uns vertrauten Drei-Akt-Struktur und den zigfach erzählten Dramen benachteiligter Jugendlicher ab.

Herausforderndes Gesellschaftsportrait

Wie der Titel bereits andeutet, geht es in American Honey auch weniger um die Geschichte einer jungen Frau*, als um die USA selbst. Der Film beginnt im weißen Präkariat der USA, im „White Trash“ Milieu, und zeigt wie in den 1880ern der amerikanische Fotograf Jacob Riis, „how the other half lives“. Mit der Drückerkolonne beginnt nun eine Reise in die reiche Hälfte des Landes, in an Filmkulissen erinnernde Wohnviertel, in einen Wohlstand, der Star und den anderen Jugendlichen fremd ist. Die eine und die andere Hälfte – dazwischen scheint es nichts mehr zu geben. Und so erzählt American Honey wie nebenbei vom Verschwinden des Mittelstandes. Auch das aber ohne moralischen Zeigefinger.

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Aber nicht alles in American Honey lässt sich so leicht lesen, wie es jetzt vielleicht scheinen mag. Stars vehemente Weigerung, sich den unlauteren Verkaufsstrategien anzupassen, ist schwer nachzuvollziehen und droht sie als moralisch überlegene Figur ihrer Glaubwürdigkeit zu berauben. Eine sich wiederholende erotische Tanzdarbietung junger Frauen* bleibt im luftleeren Raum stehen, sträubt sich trotz der offensichtlich tieferen Bedeutungsebene gegen die Interpretation. Und der Liebesgeschichte zwischen Star und Jake fehlt ebenso eine Richtung und Logik wie dem gesamten Road Trip.

Diese Unklarheiten können als Schwäche gesehen werden, ebenso aber als Stärke und Herausforderung des Publikums, das nun gezwungen ist, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Einige Zuschauer_innen stoßen vielleicht auf die eigene Scheinheiligkeit, die Betrug bei wohlhabenden Menschen duldet, während sie für die Unterschicht Mitleid empfindet. Am Ende von American Honey müssen wir erkennen, dass (auch) wir mit zweierlei Maß messen.

Musical statt Frauen*film

American Honey ist im Grunde kein „Frauen*film“, denn das Geschlecht der Heldin spielt eine untergeordnete Rolle. Die sexistischen Strukturen des kapitalistischen Systems, die Arnold mittels ihrer Hauptfigur aufdeckt, sind nur ein Teil ihrer umfassenderen Gesellschaftsanalyse – nicht mehr oder weniger wichtig als jeder andere Aspekt. Dennoch ist dem Film insgesamt eine weibliche* Hand anzumerken. Auffällig ist beispielsweise die konsequente Weigerung, sexuelle Gewalt an Frauen* zu inszenieren. Der häusliche Inzest zu Beginn des Films bleibt eine, wenn auch unmissverständliche, Andeutung. Arnold verzichtet darauf, ihre Figur als Opfer auszustellen, sie zum Objekt eines Elendsvoyeurismus zu machen, der auch selbst immer als Missbrauch zu lesen ist, als Zurschaustellung des weiblichen* Körpers mit dem Ziele einer emotionalen Regung der Zuschauenden. Auserzählt sind hingegen zwei Sexszenen, wobei insbesondere die letztere mit ihrem Fokus auf der weiblichen* Lust begeistert. Mit großer Selbstverständlichkeit wird hier zudem vor dem Geschlechtsverkehr ein blutiger Tampon entsorgt – ein Bild, das gerade durch seine Beiläufigkeit kraftvoll mit einem Tabu bricht.

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American Honey ist im übertragenen Sinne ein leiser Film, im tatsächlichen aber ein lauter, ein Musical geradezu, in dem Rap- und Popmusik nicht nur die Atmosphäre in der Gruppe verdeutlichen, sondern auch zur Narration beitragen. Der Soundtrack ist kein Beiwerk, sondern integraler Bestandteil der Inszenierung von Jugendkultur. Die Musik ist Ventil und Ritual, bietet mal Trost, mal Energie, mal das Gefühl von Zusammenhalt. Und sie ist auffällig amerikanisch. Wie es sich gehört, scheint der titelgebende Song American Honey von der Country-Band Lady Antebellum, kurz vor Schluss von den Hauptfiguren als Playback performt, die Essenz des Films zusammenzufassen: Ein Gefühl von Sehnsucht ohne jede Tragik, lebensbejahend ohne zu verklären. So ist eben das Leben – nicht immer schön, aber immer noch Leben. Und das ganz ohne amerikanischen Traum.

Kinostart: 13. Oktober 2016

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