Achtung Berlin 2017: Die Hannas

Nach Das Floß ist Die Hannas der zweite Langfilm von Regisseurin Julia C. Kaiser, die hier auf der FILMLÖWIN zu den ersten Interviewpartnerinnen der GUT GEBRÜLLT Reihe gehörte: „Jede Geschichte, die einen ungewohnten Ton anschlägt, die mit einer ungewöhnlichen Arbeitsweise hergestellt werden soll, die aus weniger populären Lebenswelten erzählt, oder die eine ungewöhnliche Haltung zur Welt einnimmt, hat es schwer. Aber ich habe den inneren Drang und ich sehe es sogar als meine Aufgabe genau solche Geschichten zu erzählen.“

Mit ihrem neuen Film, der eine deutliche Weiterentwicklung ihres filmischen Schaffens demonstriert, hat Julia C. Kaiser dieser Überzeugung erneut Ausdruck verliehen, denn Die Hannas ist aus vielerlei Gründen nicht nur ein besonders guter, sondern eben auch ein „besonderer“, ein ungewöhnlicher Film.

© W Film

Es beginnt schon mit der Kamera, die derart an den Protagonist_innen klebt, dass wir als Kinopublikum gehörig herausgefordert werden. Distanziertere Einstellungen, die den Spielort etablieren und uns ein Gefühl für den Raum und die Anordnung der Figuren darin ermöglichen, verweigert Kaiser ihrem Publikum insbesondere zu Beginn mit einer irritierenden Konsequenz. So zwingt sie ihre Zuschauer_innen quasi in den Mikrokosmus des zentralen Pärchens Hans und Anna, auch Die Hannas genannt. Deren Langzeitbeziehung stellt die Anfang 30-Jährigen zunehmend vor eine Herausforderung. Die verspielte Vertrautheit kollidiert mit divergierenden Sehnsüchten: Wo Anna (Anna Königunbedingt die Welt entdecken und damit gerne in Mexiko anfangen möchte, fühlt sich Hans (Till Butterbach) in der Datsche an der Ostsee nach wie vor am wohlsten. In beiden beginnt eine Unzufriedenheit zu brodeln, der sie mit unterschiedlichen therapeutischen Ansätzen begegnen, die schließlich aber beide im Grunde in dieselbe Richtung führt: in Affären mit anderen Menschen.

Diese Affären, bzw. die Art und Weise wie die Geschichte sie verhandelt, sind eine weitere Besonderheit, eine weitere weniger populäre Version der filmischen Narration. Denn auf das klassische Eifersuchtsdrama verzichtend, erzählt Julia C. Kaiser hier von verschiedenen Akten der Identitätssuche und Selbstverwirklichung, bei denen die beiden Held_innen einander niemals aus dem Auge verlieren. Dass Physiotherapeutin Hanna sich in eine ihrer Klientinnen verknallt und Hans mit der ungestümen Leiterin seines Fitness-Boot-Camps eine BDSM-Spielbeziehung eingeht, ändert nichts an der tiefen Liebe und Verbundenheit der langjährigen Partner_innen. Ob sich alle Beteiligten mit dieser ungewöhnlichen Beziehungskonstellation arrangieren können, ist dann wieder eine ganz andere Frage, die der Film bzw. seine Figuren glaubwürdig verhandeln.

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Ungewöhnlich ist hierbei auch die kommentarlose Gleichbehandlung von hetero- und homosexuellen Liebschaften. Anna durchlebt keine Coming Out Krise und die Herausforderung der Affäre mit Nico (Ines Marie Westernstöer) besteht ausschließlich in der Vereinbarkeit zweier Liebesbeziehungen. Damit rückt Julia C. Kaiser, deren erster Langfilm um ein lesbisches Paar kurz vor der Hochzeit kreiste, gleichgeschlechtliche Liebe auf herrlich unprätentiöse Weise in die Normalität. Es spielt einfach überhaupt keine Rolle, wen ihre Figuren lieben oder Begehren. Kompliziert ist es immer!

Mit dieser Offenheit gegenüber den multiplen Spielarten der Liebe und Sexualität begegnet Julia C. Kaiser auch dem Thema BDSM, das hier mit einem deutlichen Augenzwinkern, aber doch in aller Ernsthaftigkeit inszeniert wird. Wo Fifty Shades of Grey nicht mehr ist als die Romantisierung einer Missbrauchsbeziehung, zeigt Die Hannas die Bedeutung von Consent, also die dezidierte Einwilligung zu sexuellen Handlungen, und legt die Kontrolle der Situation ausschließlich in die Hand der submissiven Frau, bei der es sich übrigens ausgerechnet um Kim, die Schwester von Annas Liebhaberin Nico handelt. Wenn Hans und Kim (Julia Becker) eine Stalker-Verfolgung „spielen“ und damit letztlich auch eine Form des Rape-Games inszenieren, wird nicht nur über das Safe-Wort gesprochen, sondern dieses auch angewendet und optimal darauf reagiert. Im Gegensatz zum Film Elle, in dem die Heldin ebenfalls Gefallen an inszenierten sexuellen Übergriffen findet, besteht in Die Hannas keinerlei Zweifel an der Einwilligung und Motivation der Beteiligten und ihrer grundsätzlich zärtlichen, weil zugewandten und liebevollen Beziehung.

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Dies ist auch deshalb von großer Bedeutung, weil das Thema sexualisierte Gewalt einen wichtigen Nebenschauplatz der Handlung darstellt. Wo die Beziehung zwischen Hans und Anna schon allein auf Grund des Titels klar im Mittelpunkt steht, bringt die Geschichte der Schwestern Nico und Kim die Themen Vergewaltigung und Inzest in ungekannt nüchterner und doch niemals verharmlosender Weise aufs Tablett. Dabei vermeidet es Julia C. Kaiser gekonnt, ihre Heldinnen in eine Opferposition zu rücken und inszeniert sie durchgehend als Überlebende, deren seelische Narben auf eine Weise zu Tage treten, die Mitgefühl statt Mitleid ermöglicht. Kaisers Blick ist respektvoll, verzichtet stets auf eine Sexualisierung der Frauen*körper wie auch auf einen Rückblick in die schmerzhafte Vergangenheit der Figuren. An dieser filmischen Bearbeitung des Themas sexualisierte Gewalt könnte sich das deutsche Fernsehen gerne ein Beispiel nehmen!

Obwohl Julia C. Kaiser in ihrem Film derart viele Themen verhandelt, derart viele und vor allem komplexe Figuren auftreten lässt (zu denen neben den Genannten noch ein weiteres Paar mit eigener Beziehungsstoryline gehört), verliert sie doch niemals den Blick für ihr Gesamtwerk, das durch eine stilistische wie auch narrative Kohärenz gekennzeichnet ist. Die Vision der Filmemacherin ist klar erkennbar. Über Geschmack lässt sich wie immer streiten: Der einen sind die Close-Ups zu extrem, der anderen die surrealen Momente zu verwirrend, doch dass all die verschiedenen Elemente des Films ein wohl komponiertes Ganzes ergeben, ist schwerlich zu bestreiten. Vielleicht, nein, ganz bestimmt, hat es hier geholfen, dass Die Hannas im Gegensatz zu Das Floß über ein detailliertes Drehbuch verfügt und nicht durch Improvisation entstanden ist. Bis auf den letzten Akt, in dem die Narration dann doch die eine oder andere Schleife zu viel dreht, kann die Handlung das Einstiegstempo beibehalten und damit das Kinopublikum souverän durch den Film tragen. Wohl dosierter Humor, der die Figuren niemals ins Lächerliche zieht, sondern die Komik des Alltäglichen unterstreicht, ergänzen den tragisch-berührenden Teil der Geschichte um einen sympathischen Unterhaltungsfaktor.

Bleibt nur noch zu sagen: Die Hannas kommt ins Kino. Und ihr müsst ihn sehen!

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