9 Gewerke, 1 Stimme, 10 Forderungen – Pro Quote Regie wird zu Pro Quote Film

Ich trage diese Neuigkeit schon etwas länger mit mir herum, aber nun darf ich sie endlich offiziell verkünden: Pro Quote Regie ist jetzt Pro Quote Film und setzt sich für Geschlechtergerechtigkeit in neun verschiedenen Gewerken ein. Zu der Regie sind nun auch Kamera, Ton, Filmkomposition, Produktion, Drehbuch & Dramaturgie, Schnitt, Szenenbild, Kostüm und Schauspiel hinzugekommen. Der Vorstand hat mit Julia Thurnau, ohnehin schon seit Jahren treue Begleiterin der Initiative, Zuwachs bekommen.

© Filmlöwin

In der majestätischen Kulisse des Berliner Kino International verkündeten die Pro Quote Frauen* am 31. Januar 2018 sowohl ihren neuen Zusammenschluss wie auch einen zehn Punkte umfassenden Forderungskatalog. Neben der 50% Quote für Frauen* in allen Gewerken stehen auch folgende Punkte auf der Liste: paritätische Gremien, Gendermonitoring, gleiche Bezahlung, paritätische Vorschlagslisten für alle Gewerke, soziale Standards in der Filmproduktion, Genderkompetenztrainings, die Sicherung des weiblichen* Filmerbes, eine Stiftung zur Stärkung weiblichen* Filmschaffens und die Einrichtung einer zentralen Beratungs- und Servicestelle.

Wie Regisseurin und Pro Quote Mitglied Connie Walter später auf dem Podium erklärte, ist der Zusammenschluss von Frauen* unterschiedlicher Gewerke nur folgerichtig. Denn Film entsteht nicht nur durch Regie, sondern in Zusammenarbeit unterschiedlichster Berufsgruppen, die allesamt von sexistischen Strukturen gekennzeichnet sind. Ohnehin gehörten zu den Unterstützer_innen von Pro Quote Regie schon seit den Anfängen auch Angehörige anderer Gewerke.

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Nach einem Grußwort von Gründungs- und Vorstandsmitglied Tatjana Turanskyj, die vor allem die bisherigen Erfolge der Lobbyarbeit von Pro Quote Regie betonte, folgte ein Vortrag von Barbara Rohm zum Status Quo weiblichen* Filmschaffens und dem obig beschrieben Forderungskatalog. Dabei machten ihre Ausführungen eindeutig klar, dass die geforderte Quote keinesfalls „maßlos“ ist, sondern nur die konsequente Umsetzung des im Grundgesetz geforderten Gleichheitsanspruches von Männern* und Frauen*. Insbesondere aber die Vergabe öffentlicher Gelder fördert aktuell diskriminierende Strukturen, denen Pro Quote Film nun den Krieg erklärt hat.

11 Kampfansagen

Von durchaus pathetischer Musik begleitet, betraten im Anschluss an Rohms Vortrag Vertreterinnen der neun Gewerke die Bühne, um noch einmal individuelle Statements zum Status Quo und daraus resultierenden Forderungen zu formulieren. Jeder Kurzvortrag stellte eine kleine Kampfansage dar.

Stefanie Bieker sprach über mangelnde Wertschätzung von Kostümbildnerinnen und forderte sowohl die Einbeziehung des Gewerks in den frühen Produktionsprozess wie auch einen Bruch mit Geschlechterstereotypen – auf dass weniger Schauspielerinnen in High Heels über Mattscheiben und Leinwände rennen müssten.

Die Kamerafrauen* wurden durch Eeva Fleig vertreten, die vor allem das große Gefälle zwischen Hochschulabsolventinnen und berufstätigen Kamerafrauen* thematisierte. Nur 50% der im Fach Kamera ausgebildeten Frauen* seien später auch in diesem Bereich tätig.

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Dass Produzenten im Schnitt etwa über doppelt so hohe finanzielle Mittel verfügten wie ihre Kolleginnen, erzählte im Anschluss Kerstin Ramcke. „Vertrauen ist eine Währung, mit der wir sehr gut arbeiten können“, begründete sie ihre Forderung nach mehr Frauen* in der Produktion großzügig budgetierter Projekte. Um dem weiblichen* Nachwuchs eine motivierende Perspektive aufzuzeigen, ergänzte Janine Jackowski, müssten Fördergelder unbedingt paritätisch vergeben werden.

Selbst aus dem Bereich der Montage, einer einst klassisch weiblichen* Abteilung der Filmproduktion, war Kritik zu hören. Editorin und Dozentin Gesa Marten berichtete von einem Gender Pay Gap von bis zu 30%. In ihrem Statement forderte sie aber nicht nur eine gerechte Bezahlung für Frauen*, sondern auch dass gendergerechte Teams die Voraussetzung für öffentliche Fördergelder darstellen sollten.

Drehbuchautorin Dorothea Schön zog eine Verbindung zwischen ihrem Gewerk und dem Schauspiel, denn wo männliche* Autorenschaft die Skripte dominiere, sei die Unterrepräsentation von Frauen* und ihrer Perspektiven auf inhaltlicher Ebene nur eine logische Folgerscheinung. Eine Frauen*quote im Gewerk Drehbuch werde hingegen zu diverseren Geschichten führen.

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Im Szenenbild, so Beatrice Schulz, seien Frauen* bereits in 42% der kreativen Schlüsselpositionen zu finden, doch würden auch hier große Projekte und aufwendige Bauten mehrheitlich an Männer* vergeben. „Wir brauchen mehr tonangebende Frauen“, forderte dann Filmkomponistin Annette Focks. Aktuell aber sei der Frauen*anteil in der Filmmusik nur bei etwa 5%.

Als letztes Gewerk kam das durch Jasmin Tabatabai und Nina Kronjäger vertretene Gewerk Schauspiel zu Wort. Mit dem Slogan „Nur wer eine Rolle spielt, spielt auch eine Rolle“ sprach sich Tabatabai für einen fairen Wettbewerb aus, in dem Frauen* im selben Maße wie Männer* die Chance bekommen, ihr Können unter Beweis zu stellen. „Quote ist nur ein anderes Wort für Gerechtigkeit“ ergänzte Nina Kronjäger.

„Die Zeit ist reif!“ Das Schlusswort des Panels hatte Regisseurin Connie Walter, die auf die Wirkungsmacht männlicher* Autorenschaft hinwies und eine Emanzipation forderte, die Männer* und Frauen* nicht nur gleichermaßen beträfe, sondern auch allen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht zu Gute komme.

Und jetzt?

Wie geht es nun aber weiter? Aus einer kleinen Gruppe engagierter Regisseurinnen ist eine große Bewegung geworden, die alle Bereiche der Filmproduktion in den Blick nimmt. Damit haben sich die Frauen* von Pro Quote Film eine Menge vorgenommen. Der Forderungskatalog ist bereits vor der Pressekonferenz an Vertreterinnen verschiedener Institutionen geschickt worden. Nun stehen Gespräche mit Verantwortlichen und Veranstaltungen bei der Berlinale und dem Filmfest München an, doch konkreter konnte sich Vorstandsmitglied Barbara Rohm zum weiteren Vorgehen noch nicht äußern.

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Bei so viel Kampfesgeist, Überzeugung und herzerfrischendem Optimismus ist es schwer, am Unternehmen der Pro Quote Frauen* zu zweifeln. Doch wenn ich eines in den vergangenen Jahren meiner filmfeministischen Arbeit gelernt habe, dann dass tatsächliche Veränderungen auf einem ganz anderen Papier stehen als Ideale und Forderungen. Zahlreiche Studien haben den Handlungsbedarf längst unmissverständlich belegt. Und ja, es ist schon einiges passiert. Zielvorgaben von der ARD und Studio Hamburg, die paritätische Besetzung der FFA Jurys und natürlich nicht zu vergessen die Berliner Erklärung. Gemessen aber an den eindeutigen Zahlen und Fakten sind dies nur kleine Schritte auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Film- und Fernsehwelt. Damit will ich Pro Quote Film keinesfalls den Wind aus den Segeln nehmen, sondern vielmehr uns alle zum Pusten auffordern. Durch das offizielle Unterschreiben des Forderungskatalogs zum Beispiel oder auch durch Spenden an die oft ehrenamtlichen Aktivistinnen von Pro Quote Film können wir alle diese neue Initiative unterstützen.

Auf geht’s!

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